Haarausfall: Was sich bei AGA und Alopecia areata gerade ändert

Telogeneffluvium als Vorstufe der AGA, erste Daten zu topischem Finasterid nach der Menopause und ein wachsendes Arsenal an JAK-Inhibitoren: Das sind die Neuerungen vom EADV 2026.

AGA: Abschied vom reinen Androgen-Modell

Genomweite Assoziationsstudien haben mehr als 380 Risikoloci für die androgenetische Alopezie identifiziert. Neben Genen der Androgen-Signalgebung betreffen viele davon die Regulation des Haarzyklus, den WNT-Signalweg sowie Transkriptionsfaktoren. Genetik und Physiologie definierten die AGA damit jenseits des Androgen-Horizonts neu, betonte Prof. Dr. Bianca Maria Piraccini, Bologna, beim EADV: als komplexe Erkrankung, die von einer gestörten Zyklusregulation des Haarfollikels angetrieben wird. Künftige Therapien müssten deshalb über die klassische antiandrogene Achse hinaus auch alternative molekulare Signalwege adressieren.

Neue Daten stützen dieses Bild. In einer phototrichogrammbasierten Studie bei Männern mit AGA korrelierte der Haardurchmesser linear mit der Anagendauer.1 Haare mit über 80 µm Durchmesser wuchsen rund 580 Tage, Haare mit 70 µm etwa 365 Tage und Haare mit 60 µm nur noch etwa 200 Tage. Die Verkürzung der Anagendauer und der damit verbundene erhöhte Übergang in die Telogenphase gingen der messbaren Abnahme des Haardurchmessers voraus.

Bei Männern mit kurzen Haaren bleibt der vermehrte Haarausfall allerdings oft unbemerkt. Piraccini sieht darin einen therapeutischen Ansatzpunkt: Eine frühe Behandlung des Telogeneffluviums mit Minoxidil könne der Manifestation einer AGA vorbeugen. Belege aus kontrollierten Studien für einen solchen präventiven Effekt gibt es bislang allerdings nicht.

Diagnostik: Der Hinterkopf ist keine sichere Referenz mehr

Neue Daten gibt es auch zur Diagnostik. Bei der diffusen, nicht musterförmigen Alopezie (DUPA) dünnt das Haar gleichmäßig über die gesamte Kopfhaut aus. In einem Fallbericht zeigten Trichoskopie und Biopsien bei zwei Männern eine Miniaturisierung nicht nur am Vertex, sondern auch am Okziput.2

Solche Patienten gelten als schlechte Kandidaten für eine Haartransplantation. Zudem nimmt auch bei fortgeschrittener AGA der Haardurchmesser am Hinterkopf ab.3 Der übliche trichoskopische Vergleich der androgensensitiven Zone mit dem Okziput sei dann nicht mehr aussagekräftig, warnte Piraccini. Bei Verdacht auf AGA sollte daher die gesamte Kopfhaut beurteilt werden.

Orales Minoxidil etabliert sich

Niedrig dosiertes orales Minoxidil (off label) hat sich als Alternative etabliert, etwa bei Kontaktdermatitis, mangelnder Adhärenz oder zur Verstärkung einer Therapie aus Finasterid und topischem Minoxidil. In einer randomisierten Studie mit 90 Männern war orales Minoxidil in einer Dosierung von 5 mg nach 24 Wochen in der primären Wirksamkeitsanalyse einer 5%igen topischen Lösung nicht überlegen; die Veränderungen der Haardichte waren insgesamt vergleichbar.4

Häufigste Nebenwirkung ist die dosisabhängige Hypertrichose, die bei Frauen in etwa 15% der Fälle auftritt. Flüssigkeitsretention mit Knöchel- oder periorbitalen Ödemen tritt bei etwa 2% auf und lässt sich gegebenenfalls mit zusätzlich 25 mg Spironolacton behandeln. Bei Herzrhythmusstörungen ist Vorsicht geboten. Patienten sollten Brustschmerzen, Atemnot, anhaltendes Herzklopfen oder eine rasche Gewichtszunahme mit Schwellungen umgehend medizinisch abklären lassen.

Neuer Warnhinweis für Haustiere bei Minoxidil

Neu im Fokus steht die Gefahr für Haustiere. Mehrere Publikationen beschreiben schwere Vergiftungen von Katzen und, in geringerem Maße, von Hunden durch topisches Minoxidil. Schon kleine Mengen, etwa über Hände, Haare, Kissen oder Abfall, können gefährlich sein. Symptome wie Erbrechen, Hypotonie, Tachykardie oder Lethargie treten frühestens etwa eine Stunde, teils aber erst bis zu drei Tage nach der Exposition auf. In einer Übersichtsarbeit starben 14,7% der erfassten Katzen, während bei den erfassten Hunden kein Todesfall berichtet wurde.5

Piraccini empfahl, vor der Verordnung nach Haustieren zu fragen, die Lösung in einem geschlossenen Raum aufzutragen, sie vor dem Schlafengehen vollständig trocknen zu lassen und Applikatoren sowie andere kontaminierte Materialien sicher zu entsorgen.

Topisches Finasterid: Zulassung für Männer, erste Daten bei postmenopausalen Frauen

Mit Finasterid-Spray 0,25% steht eine topische Alternative für Männer zwischen 18 und 41 Jahren mit leichter bis mittelschwerer AGA zur Verfügung. Erste Daten gibt es auch für Frauen nach der Menopause, bei denen der Einsatz off label erfolgt. Bei Frauen im gebärfähigen Alter ist wegen des teratogenen Risikos eine zuverlässige Kontrazeption erforderlich.

In einer kleinen retrospektiven Beobachtungsstudie mit 26 postmenopausalen Frauen verbesserte topisches Finasterid 0,25% als Monotherapie über 52 Wochen die Haardichte um 23,4 Haare/cm² und die Haardicke um 10,6 µm (Piraccini et al., im Druck).

Für orales Finasterid 1 mg hat sich die Sicherheitsbewertung verändert. Sexuelle Nebenwirkungen sind das am besten quantifizierte Risiko: In elf placebokontrollierten Studien mit insgesamt 3.751 Männern traten sie bei 5,3% unter Finasterid und bei 3,1% unter Placebo auf.6 Die Langzeit-Evidenz bleibt begrenzt, da die meisten Studien die Sicherheit über höchstens ein Jahr erfassen.

Suizidgefahr durch Finasterid?

Im Jahr 2025 hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) nach einer EU-weiten Überprüfung suizidale Gedanken als Nebenwirkung von Finasterid-Tabletten bestätigt; die Häufigkeit ist unbekannt. Der Nutzen der zugelassenen Finasterid-Präparate überwiegt nach Einschätzung der EMA weiterhin die Risiken.7 Für Finasterid-Sprays fand die EMA anhand der verfügbaren Daten keine Evidenz für einen Zusammenhang mit suizidalen Gedanken. Piraccini riet, vor Therapiebeginn ausdrücklich über das geringe absolute Risiko, die Grenzen der Langzeitdaten und den Warnhinweis zu Stimmungsschwankungen aufzuklären.

Dutasterid (off label) kommt bei unzureichendem Ansprechen auf Finasterid infrage. Es könnte kurzfristig stärker wirken, die vergleichende Langzeitverträglichkeit ist jedoch unklar.

Frauen: Antiandrogene im direkten Vergleich

Bei Frauen gewinnen Antiandrogene an Evidenz. Sie werden bei weiblichem Muster-Haarausfall off label eingesetzt und erfordern bei prämenopausalen Frauen wegen möglicher fetaler Risiken eine zuverlässige Kontrazeption.

In einer randomisierten Studie mit 204 Frauen verbesserte Bicalutamid in einer Dosierung von 50 mg/Tag Haardichte und Haarschaftdurchmesser in der trichoskopischen Beurteilung stärker als Spironolacton in einer Dosierung von 100 mg/Tag; bei den klinischen Endpunkten zeigte sich dagegen kein signifikanter Unterschied.8

Unter Bicalutamid sind regelmäßige Kontrollen der Leberwerte erforderlich. Hormonwerte sollten nur dann bestimmt werden, wenn weitere Zeichen eines Hyperandrogenismus wie Akne, Hirsutismus oder Zyklusstörungen vorliegen.

Alopecia areata: Das JAK-Arsenal wächst

Für die schwere Alopecia areata stehen in der EU mit Baricitinib, Ritlecitinib und seit Kurzem Upadacitinib drei JAK-Inhibitoren zur Verfügung. Ritlecitinib und Upadacitinib sind dabei auch für Jugendliche ab 12 Jahren zugelassen; Baricitinib ist bei Alopecia areata auf Erwachsene beschränkt. Die Erstattung unterscheidet sich zwischen den europäischen Ländern.

Nach einem Jahr erreichen rund 40% der Patienten unter JAK-Inhibition einen SALT-Score von 20 oder weniger, mit weiterem Anstieg über die Zeit. Neuere Studien setzen bereits den strengeren Endpunkt SALT ≤ 10 ein. Dr. Sergio Vañó-Galván, Madrid, wies darauf hin, dass der SALT-Score weder Augenbrauen noch Wimpern oder Bart erfasst, sodass manche mit dem Behandlungsergebnis zufriedenen Patienten formal als Non-Responder gelten können.

Die Unterschiede zwischen den Substanzen in Wirksamkeit und Sicherheit seien insgesamt gering. Das Sicherheitsprofil sei bei den meist jungen Patienten ohne relevante Komorbiditäten beruhigend; häufig beobachtet würden unter anderem Infektionen der oberen Atemwege und Akne.

Langzeitstrategien: Geduld, Dauertherapie, Wechsel

Da es frühe und späte Responder gibt, sollte ein Patient frühestens nach etwa einem Jahr als Non-Responder eingestuft werden, betonte Vañó-Galván. Ein fehlendes oder unzureichendes Ansprechen auf einen JAK-Inhibitor schließt den Erfolg eines anderen nicht aus.

In einer multizentrischen retrospektiven Studie mit 108 Patienten mit schwerer Alopecia areata erreichten nach dem Wechsel auf einen zweiten JAK-Inhibitor 48,8% einen SALT-Score ≤ 20 und 32,6% einen SALT-Score ≤ 10.(9) Patienten, die bereits auf den ersten JAK-Inhibitor angesprochen hatten, hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, auch auf den zweiten anzusprechen.

Da JAK-Inhibitoren nicht kurativ wirken und nach dem Absetzen Rückfälle drohen, sieht Vañó-Galván bei guter Wirksamkeit und Verträglichkeit keinen grundsätzlichen Grund zum Absetzen. Eine schrittweise Dosisreduktion könne im Einzelfall erwogen werden.

Neue Kombinationen werden erprobt

Orales Minoxidil zusätzlich zu Baricitinib scheint nach den klinischen Beobachtungen von Vañó-Galván das Ansprechen zu beschleunigen und zu stabilisieren; belastbare Evidenz für diesen Effekt liegt bislang jedoch nicht vor. Intraläsionale Triamcinolon-Injektionen bleiben bei leichter und mittelschwerer, fleckförmiger Alopecia areata eine etablierte Therapie. Sie können zudem als Erhaltungstherapie eingesetzt werden, um das unter systemischer Therapie erzielte Nachwachsen zu unterstützen. Weitere JAK-Inhibitoren und Interleukin-Antikörper befinden sich in Entwicklung.

Offen bleibt, ob eine frühe Behandlung den Krankheitsverlauf langfristig verändern und Rückfälle verhindern kann. Das wäre „ein echter Durchbruch“, so Vañó-Galván.

Quellen

EADV Congress 2026, 30. September bis 3. Oktober 2026, Wien. Session „Hair disorders: non-cicatricial alopecias“, 1. Oktober 2026. Vorträge von Prof. Dr. Bianca Maria Piraccini („Androgenetic alopecia“) und Dr. Sergio Vañó-Galván („Alopecia areata“).

  1. Asfour L et al. You cannot go bald without first losing your hair: telogen effluvium is a precursor to, prerequisite for and potentially an incitant to common baldness in men. Clin Exp Dermatol. 2026;51(2):220–225. doi:10.1093/ced/llaf361.
  2. Xu et al. Case Report: Paired vertex-occipital assessment reveals donor-area involvement in diffuse unpatterned alopecia. Front Med (Lausanne). 2026;13:1797275. Ergänzend: Spindler A, Maas D, Zappi I, et al. Revisiting Diffuse Unpatterned Alopecia: Reappraisal of a Controversial Diagnosis. Skin Appendage Disord. 2026. doi:10.1159/000553269.
  3. Park HU et al. Validating hair diameter diversity in androgenetic alopecia via hair diameter distribution analysis. J Am Acad Dermatol. 2025;93:1151–1153. Maas D et al. Rethinking the occipital scalp as a control in advanced androgenetic alopecia. J Am Acad Dermatol. 2026. doi:10.1016/j.jaad.2026.03.130.
  4. Penha MA et al. Oral minoxidil vs topical minoxidil for male androgenetic alopecia: a randomized clinical trial. JAMA Dermatol. 2024;160(6):600–605. doi:10.1001/jamadermatol.2024.0284.
  5. McMullen E et al. Minoxidil toxicosis in cats and dogs: a scoping review and call to action. J Am Acad Dermatol. 2025;93(2):522–524. doi:10.1016/j.jaad.2025.04.006.
  6. Złotowska A et al. Front Med (Lausanne). 2026;13:1787706.
  7. EMA PRAC/CMDh. Finasteride and dutasteride: measures to minimise the risk of suicidal ideation. 2025.
  8. Jha AK, Zeeshan M, Singh A, Ankad BS. Spironolactone vs. bicalutamide in female pattern hair loss: a randomized clinical trial. Clin Exp Dermatol. 2026;51(8):1406–1411. doi:10.1093/ced/llag099.
  9. Martin A, Chen LC, Kreytak C, et al. Switching between Janus kinase inhibitors for treatment of alopecia areata: a multicenter retrospective review. J Am Acad Dermatol. 2026;94(6):1662–1670. doi:10.1016/j.jaad.2026.01.055.