Zwischen Zeitdruck und Zuwendung: Was Patienten von Hämatologen erwarten

Eine interaktive Session beim EHA-Kongress 2026 fragte ab, was Patienten in der Hämatologie von ihrer Konsultation erwarten und entlarvte eine hartnäckige Ausrede: Zeitmangel ist nicht die eigentliche Barriere für gute Kommunikation.

Empathische Kommunikation im Fokus

Moderiert wurde die interaktive Session von Lorna Warwick, CEO der Lymphoma Coalition und selbst Patientenvertreterin, gemeinsam mit Ben Kennedy, dem leitenden Hämatologen am Cork University Hospital. Beide machten von Beginn an deutlich, dass es nicht um Schuldzuweisungen gehen solle. Die kommunikative Schnittstelle zwischen Klinik und Patient ist dynamisch, komplex und oft hochsensibel: Dies betrifft sowohl die Vermittlung einer Diagnose, als auch das Abwägen von Risiken und Nutzen komplexer Therapieoptionen sowie das Gespräch über die Auswirkungen einer Erkrankung auf das Leben der Betroffenen. 

Zugleich verwiesen die Moderatoren auf die stetig wachsende Evidenz, dass empathische Kommunikation nicht nur die Behandlungsergebnisse verbessern, sondern auch die Effizienz im klinischen Alltag steigern und das Burnout-Risiko der Behandelnden senken kann – ein Thema, das zuletzt auch in der britischen Tagespresse unter dem Gesichtspunkt der Gesundheitsökonomie diskutiert wurde.

Eine Bühne für viele Perspektiven

“Empathie in der Arzt-Patienten-Kommunikation ruht auf den Schultern des Individuums”, so Kennedy. Für eine empathische Kommunikation ist es daher wichtig, die Arzt-Patienten-Kommunikation zunächst aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und Barrieren rechtzeitig zu erkennen. Das EHA-Symposium konnte durch ein breites Spektrum an Fachpersonen auf diesem Gebiet punkten. Facettenreich war auch die Wahl der Referenten und Diskussionspartner: Hierzu trug u.a. Eugene Beirne, klinischer Pflegespezialist für Psychoonkologie am St. James's Hospital in Dublin bei. Er brachte die Perspektive der psychotherapeutisch geschulten Pflege ein. Hillary Lindsay, stellvertretende Vorsitzende von CLL Support UK, sprach als Patientin und Patientenvertreterin zugleich. Ergänzt wurde das Panel durch den Pariser Hämatologen Côme Bommier, der sich wissenschaftlich mit nonverbaler Kommunikation und zuletzt mit Burnout in der europäischen Hämatologie beschäftigt hat.

Der Pfad zwischen reiner Empathie und Mitgefühl im klinischen Alltag

Geprägt wurde die Session durch eine grundlegende Erkenntnis: Empathie ist weniger eine angeborene Charaktereigenschaft als eine Fähigkeit, die sich durch Erfahrung und die bewusste Bereitschaft zum Zuhören trainieren lässt – ohne sich dabei vom Leid der Patienten vollständig mitreißen zu lassen. Eugene Beirne brachte zudem ein Konzept aus der Psychoonkologie ein, das in der Fachdiskussion derzeit an Bedeutung gewinnt: den Wechsel von reiner Empathie, die bedeutet, sich mit in die „Grube" des Patienten zu begeben (Metapher von Brené Browns), hin zu Mitgefühl, das eher darauf zielt, der betroffenen Person beim Herauskommen aus dieser zu helfen.

Was Kliniker wirklich von der Arbeit abhält

Zu den größten Barrieren für gute Kommunikation im Klinikalltag zählten nach Einschätzung des Auditoriums: 

  • Zeitmangel 
  • Unterbrechungen und Ablenkungen durch den Klinikbetrieb
  • Erschöpfung und Burnout 
  • die Komplexität medizinischer Informationen

Respekt als Grundpfeiler der Arzt-Patienten-Beziehung

Forschungsdaten zufolge benötigt eine gute Kommunikation mit Patienten keine zusätzliche Zeit, so Lorna Warwick. Nicht zu jedem Patienten lässt sich eine tiefe persönliche Bindung aufbauen - Respekt allein trage eine professionelle Beziehung bereits weit.

Ehrlichkeit vor allem anderen

Was erwarten Patienten beim Betreten des Sprechzimmers am meisten von ihrem Arzt? Das Ergebnis der Befragung des Auditoriums war eindeutig: Mit deutlichem Abstand landeten Ehrlichkeit und Transparenz auf Platz eins, gefolgt von Freundlichkeit, Empathie und Mitgefühl. Die Aspekte geteilte Entscheidungsfindung, verlässliche Informationen und die Erwartung einer klaren ärztlichen Führung der Behandlung folgten erst mit deutlichem Abstand. Daten einer im Vorjahr von CLL Support UK durchgeführten Mitgliederbefragung bestätigten dieses Ergebnis.

Fazit für die Praxis

Zeitmangel ist nicht die eigentliche Barriere für gute Kommunikation in der Praxis.

Empathie ruht auf den Schultern des Individuums. Die kommunikative Schnittstelle zwischen Klinik und Patient ist dynamisch, komplex und oft hochsensibel. Es zeigt sich eine wachsende Evidenz dafür, dass empathische Kommunikation nicht nur die Behandlungsergebnisse verbessern, sondern auch die Effizienz im klinischen Alltag steigern und das Burnout-Risiko der Behandelnden senken kann. Patienten erwarten beim Betreten des Sprechzimmers vor allem Ehrlichkeit und Transparenz vom behandelnden Arzt. Zu den Barrieren für gute Kommunikation im Klinikalltag zählen nach Einschätzung des Auditoriums Zeitmangel, Unterbrechungen, Erschöpfung sowie die Komplexität medizinischer Informationen.

Quelle
  1. Warwick, Lorna, Beirne, Eugene, Lindsay, Hillary, Bommier, Côme, Kennedy, Ben, EHA Symposium on Patient Communication, EHA 2026, 13. Juni 2026 13:45 – 15:15 Uhr Stockholm.