Kardiale ATTR: Welche Rolle spielt Vutrisiran?

Betablocker-Unverträglichkeit, orthostatische Hypotonie, Herzinsuffizienz – die Therapie der ATTR-CM stellt Kardiologen vor Herausforderungen. Die HELIOS-B-Studie liefert jetzt Daten zu einem RNA-basierten Therapieansatz, der direkt an der Ursache ansetzt.

Pathophysiologie der Transthyretin-Amyloidose

Eine Transthyretin-Amyloidose (ATTR) kann durch ein Ungleichgewicht zwischen der Ablagerung von Amyloid und dessen natürlichem Abbau entstehen. Bei der ATTR-CM lagern sich Amyloidfibrillen im Myokard ab, was zu einer Kardiomyopathie führt. Die Patienten können Symptome einer Herzinsuffizienz (HI), Leitungsstörungen, Arrhythmien und Herzklappenerkrankungen aufweisen, berichtete Prof. Damy, Universitätsklinikum Henri Mondor in Créteil, Frankreich.

Er erinnerte daran, dass Patienten mit ATTR-CM häufig über eine Unverträglichkeit gegenüber Betablockern, ACE-Hemmern und Angiotensin-Rezeptorblockern (ARBs) berichten, die sich durch Hypotonie, insbesondere orthostatische Hypotonie äußert. Eine ATTR-CM kann sich klinisch als HI manifestieren und schließlich zum Tod führen.

Extrakardiale Manifestationen als Warnzeichen

Extrakardiale Manifestationen der ATTR-CM sind wichtige Warnzeichen für eine frühzeitige Diagnose und treten oft bereits Jahre vor dem Auftreten von Herzsymptomen auf. Dazu zählen beispielsweise autonome Dysfunktion, Gebrechlichkeit, Funktionsverlust und Bewegungseinschränkungen. „In den letzten zwei Jahrzehnten war ein deutlicher Trend zu einer verbesserten Überlebensrate bei ATTR-CM zu beobachten“, sagte Damy. Dennoch weisen Patienten mit ATTR-CM im Vergleich zu Menschen ohne ATTR-CM nach wie vor eine erhöhte Morbidität und Mortalität auf.

Retrospektive Studien hätten gezeigt, dass bei „heutigen“ Patienten sowohl bei den kardialen als auch bei den extrakardialen Manifestationen weiterhin eine Krankheitsprogression zu beobachten ist. Das fortschreitende Krankheitsbild weise auf einen nach wie vor ungedeckten Therapiebedarf hin, betonte Damy.

Vutrisiran schaltet TTR direkt an der Quelle aus

Vutrisiran ist eine doppelsträngige kleine interferierende RNA (siRNA). Wie Prof. Gillmore vom University College London (UCL) erklärte, zielt diese auf die Leber ab, wo der Großteil des zirkulierenden TTR-Proteins synthetisiert wird. Dort bindet Vutrisiran an eine spezifische Sequenz der TTR-mRNA, wodurch deren Abbau ausgelöst wird.

Die Wirksamkeit und das Sicherheitsprofil von Vutrisiran (AMVUTTRA) wurde in der HELIOS-B-Studie untersucht.1 Die HELIOS-B-Studie schloss Patienten ein, die sich in einem frühen Krankheitsstadium befanden, einen milden klinischen Phänotyp und eine gute Prognose aufwiesen; rund 40 % der Patienten erhielten zu Studienbeginn bereits eine Hintergrundtherapie mit Tafamidis. 

Senkung des TTR-Serumspiegels schon nach sechs Wochen

Bereits nach sechs Wochen führte Vutrisiran zu einer raschen Senkung des TTR-Serumspiegels.  Die mittlere Senkung des TTR-Spiegels lag nach 30 Monaten bei 81 %. Die relative Risikoreduktion für den kombinierten Endpunkt aus Gesamtmortalität (all-cause mortality, ACM) und wiederkehrenden kardiovaskulären Ereignissen lag nach 36 Monaten im Vergleich zu Placebo bei 28 %. Die relative Risikoreduktion bei  der ACM nach 42 Monaten betrug im Vergleich zu Placebo 35 %. Vutrisiran ist eine Langzeittherapie, die alle drei Monate verabreicht wird (25 mg, subkutan).

Im Vergleich zu Placebo weist das siRNA-basierte Arzneimittel ein gut dokumentiertes Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil bei Erwachsenen auf. Die am häufigsten gemeldeten Nebenwirkungen waren Reaktionen an der Injektionsstelle, erhöhte Alanin-Transaminase-Werte und erhöhte Werte der alkalischen Phosphatase im Blut (bei geschätzten 20.000 Patientenjahren Exposition mit Vutrisiran). Im Interventions-Arm wurde im Vergleich zum Placebo-Arm eine geringere Rate an unerwünschten gastrointestinalen Ereignissen beobachtet.

Veränderungen im  KCCQ-OSS sprechen für Vutrisiran

Dass das Stadium der Herzinsuffizienz, die funktionelle Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität nach 30 Monaten unter Vutrisiran im Vergleich zu Placebo signifikant erhalten blieben, berichtete Dr. Trenkwalder vom Deutschen Herzzentrum München, TU München.

Die anhand des  KCCQ-OS (Kansas City Cardiomyopathy Questionnaire – Overall Summary) gemessenen Veränderungen des Gesundheitszustands sprachen nach zweieinhalb Jahren Therapie für Vutrisiran. Im Vergleich zu Placebo blieben die Werte bei einem höheren Anteil der mit Vutrisiran behandelten Patienten gegenüber dem Ausgangswert stabil oder verbesserten sich; das galt für 91 % der ausgewerteten KCCQ-OS-Teilkomponenten. Der Gesamtunterschied im  KCCQ-OS nach 30 Monaten bei den mit Vutrisiran behandelten Patienten im Vergleich zu Placebo entsprach schätzungsweise einem Altersunterschied von etwa 11 Jahren, berichtete Trenkwalder.

Auch die echokardiographischen Befunde zeigten, dass die Behandlung mit Vutrisiran im Vergleich zu Placebo mit Verbesserungen der Herzstruktur, der Herzfunktion und der Amyloidbelastung einherging. Bei Patienten, die den Wirkstoff erhielten, zeigte sich nach drei Jahren eine Verringerung der Amyloidbelastung im Vergleich zur Placebo-Gruppe. Beobachtet wurde auch ein gewisser Nierenschutz: In einer nachträglichen Subgruppenanalyse kam es bei weniger Patienten unter Vutrisiran zu einem Rückgang der eGFR um ≥40 % als bei den Patienten unter Placebo.

Quellen

ESC Congress 2026. 28.-31. August 2026. https://www.escardio.org/events/congresses/esc-congress/. Where evidence meets experience: redefining ATTR-CM treatment expectations / Sponsored by Alnylam Pharmaceuticals. Sonntag, 30. August 2026, 15.15 Uhr. https://esc365.escardio.org/esc-congress/sessions/21305-where-evidence-meets-experience-redefining-attr-cm-treatment-expectations

  1. https://www.nejm.org/doi/abs/10.1056/NEJMoa2409134