Nusinersen bei SMA: Real-World-Daten bestätigen Therapieerfolg

Nusinersen hat als erster kausal orientierter Wirkstoff die Versorgung von Patienten mit spinaler Muskelatrophie (SMA) grundlegend verändert. Aktuelle Real-World-Daten bestätigen den Erfolg der RNA-basierten Therapie.

Nusinersen bei SMA:

Die spinale Muskelatrophie ist eine neurodegenerative Motoneuronerkrankung, die meist bereits im Säuglingsalter beginnt und mit einer hohen Morbidität und Mortalität einhergeht. Lange war die Versorgung der Patienten aufgrund fehlender wirksamer Behandlungsmöglichkeiten hauptsächlich auf Symptommanagement und palliative Therapie beschränkt. Das hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert.

Fortschritte bei der SMA – eine Chronologie: 

  • Juni 2017: Zulassung von Nusinersen
  • Mai 2020: Zulassung von Onasemnogen abeparvovec, der ersten Genersatztherapie bei SMA, die als einmalige intravenöse Infusion verabreicht wird
  • März 2021: Zulassung von Risdiplam, einem „small molecule“ mit ähnlichem Wirkmechanismus wie Nusinersen, das jedoch oral verabreicht werden kann
  • Oktober 2021: Aufnahme der SMA ins Neugeborenenscreening 

Noch hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) der vielbeachteten Therapie mit Onasemnogen abeparvovec keinen Zusatznutzen bescheinigt. Daher lohnt sich ein Blick auf die bisherigen Erfahrungen mit Nusinersen. 

Eine aktuelle retrospektive Studie aus China, wo das Antisense-Oligonukleotid erst im Jahr 2019 zugelassen wurde, zeigte eine signifikante klinische Wirksamkeit bei gleichzeitig günstigem Sicherheitsprofil. Untersucht wurden 42 pädiatrische SMA-Patienten mit einem medianen Alter bei Symptombeginn von 8 Monaten. Die meisten litten unter einer Typ-II-SMA (26 Fälle) gefolgt von Typ-I-SMA (12 Fälle) und Typ-III-SMA (4 Fälle).

Die motorischen Funktionen einschließlich Entwicklungsmeilensteinen wurden anhand verschiedener standardisierter Bewertungsskalen beurteilt.

Klinisch relevante Verbesserungen vor allem bei schwer betroffenen Patienten 

Die stärksten klinischen Verbesserungen nach der Behandlung mit Nusinersen wurden bei Patienten mit SMA Typ I und Typ II erzielt. Beim CHOP-INTEND-Score, der den Schweregrad der Erkrankung bei Säuglingen und Patienten, die nicht selbstständig sitzen können, widerspiegelt, zeigte sich bei Typ-I-SMA-Patienten eine mittlere Verbesserung von 8 Punkten (klinisch bedeutsam: ≥ 4 Punkte). Beim HINE-2-Score zur Beurteilung von Entwicklungsmeilensteinen bei Kindern im Alter von 2 Monaten bis 2 Jahren erreichten Typ-I-SMA-Patienten eine Steigerung um 3,5 Punkte (klinisch bedeutsam: ≥ 2 Punkte).

Den größten Anstieg auf der RULM-Scala, die in erster Linie zur Beurteilung der Funktion der oberen Extremitäten dient, erzielten Typ-II-SMA-Patienten mit einem durchschnittlichen Zuwachs von 5,5 Punkten (klinisch bedeutsam: ≥ 2 Punkte).

Auch Typ-III-SMA-Patienten zeigten Verbesserungen, allerdings in geringerem Ausmaß und nicht auf jeder Bewertungsskala klinisch signifikant.

Bei ca. 40 % der Patienten traten Nebenwirkungen auf, betroffen waren vor allem Typ-I-SMA-Patienten. Am häufigsten beobachtet wurden:

  • Fieber nach der Injektion (36,36 %) 
  • übermäßiger Speichelfluss (12,12 %)
  • Husten (12,12 %)
  • Erbrechen (6,06 %) 
  • erhöhte Leukozytenzahlen (6,06 %)

Behandlung möglichst frühzeitig beginnen 

Insgesamt werten die Autoren die Behandlung mit Nusinersen als wirksam und sicher und plädieren für einen frühen Therapiebeginn vor Auftreten der ersten Symptome: „Je früher SMA erkannt und mit Nusinersen behandelt wird, desto größer sind die potenziellen Vorteile für die Patienten“, so ihr Fazit. Dies deckt sich auch mit der S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie im Kindes- und Erwachsenenalter“.

Auszug aus der S2k-Leitlinie zu Nusinersen (AWMF-Register Nr. 022/030, S. 21):

  • Kontrollierte klinische Studien bei Säuglingen und Kindern zeigten Verbesserungen der motorischen Funktion. Der Erfolg hängt nach den bisherigen Erkenntnissen vor allem vom Zeitpunkt der Behandlung und vom Krankheitsstadium ab. 
  • Eine altersgerechte motorische Entwicklung ist allenfalls bei einer präsymptomatisch begonnenen Therapie möglich.
  • Die Datenlage für Adoleszente und Erwachsene ist limitiert. Eine signifikante Verbesserung der motorischen Funktion über eine Erkrankungsstabilisierung hinaus ist möglich.

Die Möglichkeit der Früherkennung im Rahmen des Neugeborenenscreenings eröffnet zusammen mit kausal orientierten Therapien für Patienten mit spinaler Muskelatrophie heutzutage Perspektiven, die lange undenkbar schienen – ein großer Erfolg auf dem Gebiet der seltenen Erkrankungen. 

Quellen:
  1. 1. Li W et al., Real-world analysis of the efficacy and safety of nusinersen in pediatric patients with spinal muscular atrophy. Orphanet J Rare Dis. 2025; 20(1): 87. doi: 10.1186/s13023-025-03603-9. 

    2. Gesellschaft für Neuropädiatrie: S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der 5q-assoziierten spinalen Muskelatrophie im Kindes- und Erwachsenenalter. AWMF-Register Nr. 022/030.

    3. Fachinformation Spinraza ™ 12/28/50 mg Injektionslösung. Stand: Januar 2026.