Erstmals beschrieben wurde HAE mit normalem C1-INH im Jahr 2000. Es handelt sich um eine sehr seltene Erkrankung, der verschiedene autosomal-dominante Mutationen zugrunde liegen können, u. a. im Faktor-XII-Gen. Die Prävalenz dieser Form wird in Deutschland auf 1:400.000 geschätzt.
Anfälle treten später auf als beim klassischen Angioödem
Die Symptome ähneln dem klassischen HAE mit C1-INH-Mangel; auch die derzeit verfügbaren Therapien sind klinisch wirksam, wenngleich nicht durch randomisierte Studien abgesichert.
Um die Wirksamkeit und Sicherheit der Behandlung bei der speziellen Patientengruppe mit normalem C1-INH zu evaluieren, haben Forscher des französischen Referenzzentrums für Angioödeme (CREAK) eine nationale retrospektive Studie mit 163 symptomatischen Patienten durchgeführt, von denen die meisten entweder eine pathogene Faktor-XII-Variante oder eine Mutation im Plasminogen-Gen (PLG) aufwiesen.
Dabei fielen einige klinische Besonderheiten gegenüber Patienten mit C1-INH-Mangel auf:
- ein späteres Auftreten des ersten Anfalls (Durchschnittsalter: 24 Jahre)
- eine hohe Empfindlichkeit gegenüber Östrogenen bei HAE-FXII
- die Lokalisation des HAE-PLG auf der Zunge
Die Autoren vermuten einen Zusammenhang zwischen erhöhter Östrogensensitivität und späterer Krankheitsmanifestation: Häufig löste erst die Einnahme einer östrogenhaltigen Pille oder eine Schwangerschaft den ersten Anfall aus.
ACE-Hemmer kontraindiziert!
Weitere Auslöser für eine Angioödem-Attacke können sein:
- ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptorantagonisten
- Zahnbehandlungen (Larynxödeme!)
- Traumata
- psychische Stresssituationen
- Infektionen
- Kälteeinwirkung
Dies wiederum hatte Folgen für die Therapie. Da viele Patientinnen nur während der Schwangerschaft oder der Einnahme von Östrogenen Symptome hatten, benötigten insgesamt weniger Betroffene eine Langzeitprophylaxe (11,7 % versus 59,2 % der Patientinnen mit C1-INH-Mangel).
Für die Behandlung wurden folgende Medikamente eingesetzt:
- Icatibant (Bradykininrezeptorantagonist)
- C1-INH-Konzentrat
- Tranexamsäure
- Lanadelumab (monoklonaler Antikörper mit Anti-Kallikrein-Aktivität)
Akuttherapie unterbricht HAE-Anfall zuverlässig
Unter Tranexamsäure zur prophylaktischen Therapie blieben 66,7 % der Patienten mit HAE-PLG und 37,5 % der Patienten mit HAE-FXII anfallsfrei. Lanadelumab, ein Kallikrein-Inhibitor, der seit 2018 für die Langzeitprophylaxe des HAE zugelassen ist, verhinderte bei allen Patienten mit HAE-FXII und bei einem Viertel der Patienten mit HAE-PLG Angioödemanfälle.
Zur Bedarfsbehandlung wurden der Bradykininrezeptorantagonist Icatibant und aus Plasma gewonnenes C1-INH-Konzentrat (während der Schwangerschaft) eingesetzt. Sie waren bei 98 % der Patienten wirksam.
Sicherheitshinweise wurden weder bei der On-Demand-Therapie noch bei der Langzeitprophylaxe gemeldet. Insgesamt schätzen die Autoren die für HAE-Patienten mit C1-INH-Mangel eingesetzten Therapien auch bei Typ 3-HAE als wirksam und sicher ein. Zur Kontrazeption empfehlen sie niedrig dosierte Progestin-only-Pillen (Desogestrel), die gut vertragen werden und die Erkrankung nicht verschlimmern.
Diese Medikamente sollten Sie nicht einsetzen
Nicht wirksam bei HAE sind:
- Glukokortikoide
- Antihistaminika
- Adrenalin
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Bocquet A et al., Management of hereditary angioedema with normal C1Inh: a series of 163 French patients. Orphanet J Rare Dis 21, 5 (2026). https://doi.org/10.1186/s13023-025-04155-8
Orphanet: Hereditäres Angioödem (ORPHA:91378), online unter https://www.orpha.net/de/disease/detail/91378 (letzter Zugriff: 23.01.2026).
Bork K et al., Hereditary angioedema with normal C1-inhibitor activity in women. Lancet 2000; 356(9225): 213–7.