Aktuelle Entwicklungen in der Schmerzmedizin

esanum befragt Kongresspräsidenten Dr. Johannes Horlemann zu den aktuellen Entwicklungen in seinem Fach und den Besonderheiten des Kongresses.

Vom 7. Bis 9. März 2019 wird es beim Schmerz- und Palliativtag 2019 um neuste Entwicklungen in der Schmerzmedizin gehen.

esanum fragt den Kongresspräsidenten Dr. Johannes Horlemann, Internist, Allgemeinarzt, Schmerz- und Palliativmediziner in Nordrhein-Westfalen, zu den aktuellen Entwicklungen in seinem Fach und den Besonderheiten des Kongresses.

esanum: Was hat der Schmerz- und Palliativtag 2019 Neues zu bieten?

Horlemann: Wir haben eine weitgehende evidenzbasierte Standardisierung in der Schmerzmedizin. Dies wird jetzt kritisch hinterfragt. Und zwar für alle Indikationen der Schmerzmedizin - Kopfschmerz, Rückenschmerz, Gelenkschmerz. Eine kritische Debatte der Leitlinienmedizin ist etwas völlig Neues. In dieser wichtigen Debatte wird generell die Frage gestellt, wie wir künftig mit Evidenz umgehen. Es geht uns Schmerzmedizinern darum, eine humane Medizin zu betreiben, die den Einzelnen im Fokus hat - und nicht zuerst die Solidargemeinschaft und die Ökonomie. So wird auch der Auftakt gestaltet sein, damit diese Nachricht rüberkommt. Wir wollen uns individualisiert um Schmerzpatienten kümmern und Standards mit kritischer Distanz bewerten.
Die zweite Neuerung ist die Kooperation mit der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, mit der wir einen Tag als Schwerpunktag gestalten. Dort wird das gesamte Spektrum des Kopfschmerzes besprochen. Wir haben ja eine ganze Reihe neuer Medikamente, die als Migräneprophylaktika zugelassen wurden. Und es ist wichtig für die Niedergelassenen und die Krankenhausärzte, dass sie lernen, damit umzugehen. So werden die bereits bestehenden Erfahrungen vorgetragen und diskutiert.
So einen Schwerpunkttag wollen wir künftig auf jedem Schmerz- und Palliativtag gestalten – jeweils zu einem anderen Thema.
Die dritte Neuerung ist die Problematik der flächendeckenden Versorgung, insbesondere mit Cannabinoiden und die Präsentation aktueller Leitlinien.
Wir etablieren eigene Leitlinien, so genannte Praxisleitlinien, welche nicht nur die verfügbare Evidenz enthalten, sondern auch die Erfahrungen der Anwender und Patienten. Diese neuen Leitlinien sind sehr wichtig, ganz aktuell ist die Leitlinie Neuromodulation, ebenso werden neue Leitlinien zur Fibromyalgie und opioidbedingten Verstopfung vorgestellt.

esanum: Was ist an diesen neuen Leitlinien so anders?

Horlemann: Die etablierten Leitlinien begründen sich auf einer Auswahl an doppelt randomisierten Studien. Unsere Leitlinien beruhen auf einer ganz anderen Philosophie. Da spielt der Patient auf Augenhöhe eine Rolle, sowie auch die Erfahrungen der Anwender und die Umsetzbarkeit in der Praxis – diese wird höher bewertet als das rein wissenschaftlich Nachweisbare. Natürlich ist das, was wir beweisen können, wichtig für die Versorgung, doch viele Dinge sind eben nicht beweisbar und sind dennoch wichtig und wirksam. Wir haben den ethischen Auftrag, Menschen zu versorgen, selbst wenn es keinen wissenschaftlichen Beweis gibt. Es gilt immer noch: Die Abwesenheit von Evidenz heißt noch lange nicht, dass kein Versorgungsauftrag besteht. Für die allermeisten Fragestellungen der schmerzmedizinischen Versorgung sind einfach keine Studien vorhanden. Gerade bei Palliativpatienten kann man gar keine doppelblind randomisierten Studien durchführen. Und wir arbeiten ja auch außerhalb des Tumorgeschehens sehr häufig in palliativen Situationen.

esanum: Welche Kongress-Highlights möchten Sie Besuchern empfehlen?

Horlemann: Wir erwarten mehr als 2500 Besucher. Deutlich mehr als im letzten Jahr. Das liegt daran, dass wir praxisnahe Themen darstellen. So bieten wir aktuelle Daten an aus unserem großen Praxisregister iDocLive. Das Register enthält Real-Life-Data von über 210 000 Patienten. Damit können wir begründete Aussagen zu vielen relevanten Bereichen machen. Diese Daten stellen wir auf dem Kongress vor.

esanum: Ein Beispiel bitte?

Horlemann: Nehmen wir an, Sie fragen, wie viele Rückenschmerzpatienten es gibt, die Bluthochdruck haben und in ihrer Vergangenheit einen Hirnschlag hatten - dazu können wir sehr schnell eine ansehnliche Zahl von Fällen präsentieren. Und ebenfalls darstellen, wie und mit welchem Erfolg sie behandelt wurden. Solche neuen, noch unbekannten Daten aus der schmerzmedizinischen Praxis, übrigens auch zu seltenen Erkrankungen, sind ein unglaubliches Pfund.

esanum: Wie sehen Sie die derzeitige Versorgungslage für Schmerzpatienten?

Horlemann: Trotz aller Bemühungen, auch der Politik, existiert im kassenärztlichen Bereich weiterhin keine bedarfsdeckende Versorgung. Das ist ein gesundheitspolitischer Skandal. Wenn ich zum Beispiel eines Tages in meiner Praxis aufhöre, könnte die Kassenärztliche Vereinigung die Praxis mit jedem anderen Internisten oder Hausarzt nachbesetzen - auch wenn er nicht schmerzmedizinisch tätig ist. Alle meine Schmerzpatienten wären dann quasi heimatlos.

Nächste Woche wird es ein Gespräch zu diesen Fragen im GBA geben. Doch da es immer noch keinen Facharzt für Schmerzmedizin gibt, fehlt auch die entsprechende Bedarfsplanung. Immerhin gibt es seit Oktober ein Gutachten, das der GBA in Auftrag gegeben hat, und dieses empfiehlt, dass die Schmerzmedizin in der Zukunft separat zu planen sei. Schließlich steigt die Zahl der Schmerzpatienten ständig.

esanum: Was sind die derzeit größten Sorgen in Ihrem Fach?

Horlemann: Das ist tatsächlich die Bedarfsplanung, daran hängt auch das Interesse der jungen Generation, sich auf die Schmerzmedizin einzulassen. Denn wir haben Nachwuchssorgen. Man kann für das Fach nicht wirklich werben, wenn junge Ärzte mit diesem Fach nicht ihr Lebensglück finden können – weil sie ständig um ihre Existenz bangen müssen - da die Bedarfsplanung fehlt. Andere Länder machen das vor. In Israel und in Irland gibt es einen Facharzt für Schmerzmedizin.

Natürlich gibt es auch Sorgen um die Vergütung. Die ist in den Bundesländern sehr unterschiedlich. In Berlin zum Beispiel kann man von den 300 Fällen, die pro Quartal zugelassen sind, nicht gut leben. Wir wünschen uns eine bundeseinheitliche Regelung. Die Agenda 2020 der DGS sieht vor, in allen deutschen Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern eine schmerzmedizinische Anlaufstelle einzurichten. Es kann nicht sein, dass Städte wie Oberhausen oder Lübeck kein Schmerzzentrum haben.

esanum: Wie stehen Sie zu Naturheilverfahren bei chronischen Schmerzen?

Horlemann: Sehr positiv. Sowohl in der Schmerztherapie als auch bei Begleiterkrankungen wie Ängsten und Depressionen kann man mit Naturheilverfahren arbeiten. Bei verschiedenen Seminaren auf dem Frankfurter Schmerztag wird es um die vorhandene Evidenz der Naturheilverfahren in der Schmerzmedizin gehen – von der Akupunktur bis hin zur Blutegeltherapie.

esanum: Es gibt viele neue Medikamente - wo zeichnen sich derzeit die größten Erfolge der Schmerztherapien ab?

Horlemann: Das Thema hier ist zunächst mal der Kopfschmerz, insbesondere die Migräneprophylaxe. Etwa zehn Prozent der Patienten mit chronischer Migräne profitieren von den bisherigen Therapien  nicht. Für diese komplizierten zehn Prozent gibt es neuerdings ein Angebot.

Dann haben wir im Opioidbereich einige Entwicklungen. Einige neue Medikamente helfen auch bei Nebenwirkungen, so zum Beispiel bei der opiodbedingten Obstipation. Und wir haben Neues bei den Cannabinoiden. Das sind insgesamt alles sehr gute Entwicklungen.

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