Mit Riechtherapie gegen Schmerzen

Der Riechsinn und die Schmerzwahrnehmung laufen im menschlichen Körper über vergleichbare Prozesse ab und beide schalten zudem im Gehirn auf benachbarte Hirnregionen. Diese physiologischen Verbindungen zwischen Geruchssinn und Nozizeption lassen sich sogar therapeutisch nutzen – eine kurze Einführung in die Riechtherapie.

Die Riechtherapie könnte sich für eine große Breite von Schmerzpatienten zu einer adjuvanten, nicht-invasiven Behandlungsoption entwickeln.

Der Riechsinn und die Schmerzwahrnehmung laufen im menschlichen Körper über vergleichbare Prozesse ab und beide schalten zudem im Gehirn auf benachbarte Hirnregionen. Diese physiologischen Verbindungen zwischen Geruchssinn und Nozizeption lassen sich sogar therapeutisch nutzen – eine kurze Einführung in die Riechtherapie. 

Das Riechen wird in allen Säugetieren, so auch beim Menschen, über die komplexe Verschaltung zahlreicher Zentren in Nase und Gehirn realisiert. Dabei übernehmen Riechzellen, der Bulbus olfactorius sowie der primäre olfaktorische Kortex die Geruchswahrnehmung. Über den Entorhinalen Kortex erfolgt schließlich die Zuweisung zu höher liegenden Hirnbereichen, wie z. B. der Formatio reticularis, welche dafür verantwortlich ist, dass ein Duft unsere Aufmerksamkeit erregt.

Durch die Aufschaltung in den Neokortex (Orbitofrontaler Kortex und Insula) erfolgt die Geruchswahrnehmung und –identifikation. Über Thalamus und Hypothalamus werden indes vegetative Reaktionen ausgelöst. Der mit der Formatio reticularis ebenfalls in Verbindung stehende Hirnstamm führt schließlich zur affektiven Reaktion auf einen Geruch. In der Amygdala werden Gerüche wiederum mit Emotionen verknüpft.

Ebenso finden sich in der Nase Äste des nasalen trigeminalen Systems, welches vorwiegend beißend-stechende Gerüche wahrnimmt. Bei diesem trigeminalen System handelt es sich um Nervenäste des Ganglion trigeminale, welche als Nervi ethmodales in die Nasenschleimhaut ziehen. Über nachgeschaltete Neurone meldet auch dieses trigeminale chemorezeptive System in die gleichen Hirnareale wie die Riechnerven.

Geruchssinn und Schmerz – ähnliche Signalübertragungsmechanismen

Bindet nun ein Geruchsmolekül an seinen Rezeptor im Riechepithel der Nasenschleimhaut löst es im Zellinneren eine Signalkaskade aus, in deren Folge cAMP entsteht. Dieses cAMP vertausendfacht das Ursprungssignal am Rezeptor und aktiviert eine Reihe von unspezifischen Kationenkanälen, die sogenannten CNG-Kanäle. Über diese strömen Kalzium- und Natriumionen in die Zelle ein und lösen eine Depolarisation aus. Diese wird durch die gleichzeitige Aktivität von Chloridkanälen (Anoctamin-2) noch weiter verstärkt – der Reiz am Rezeptor wird in ein elektrisches Signal übertragen und pflanzt sich über den Riechnerv fort.

Die Schmerzwahrnehmung (Nozizeption) funktioniert beinahe analog zur Geruchswahrnehmung. Auch hier spielen rezeptoraktivierte Kalium- und Natriumeinstromkanäle eine entscheidende Rolle für die Depolarisation der Zelle und für die Bildung eines Aktionspotenzials. Die Signalverstärkung erfolgt dabei gleichermaßen über einen Chloridkanal, das Anoctamin-1.

Die Verbindung zwischen Geruchs- und Schmerzsinn bildet Studien zufolge das CGRP, ein Neuropeptid, welches von trigeminalen Afferenzen freigesetzt wird und einerseits eine Rolle bei der Schmerzentstehung spielen könnte, andererseits aber ebenso die Geruchswahrnehmung hemmt.

Riechtherapie – ein neuer Weg

Die zuvor beschriebenen physiologischen Zusammenhänge versucht die Riechtherapie für Schmerzpatienten auszunutzen. Das Riechvermögen des Menschen ist neueren Forschungen zufolge keineswegs so schlecht wie bisher angenommen. Mit den vorhandenen circa 400 Rezeptoren im menschlichen Riechepithel lässt sich eine große Bandbreite unterschiedlicher Gerüche unterscheiden. Darüber hinaus ist das olfaktorische System keinesfalls starr und unveränderlich. Ganz im Gegenteil ist es plastisch, d. h. veränderbar. Daraus resultiert schließlich, dass das Riechen trainiert werden kann. Nur so sind "Supernasen" wie die Weintester überhaupt möglich. Wer viel riecht, entwickelt einen nachweislich größeren Bulbus olfactorius.

Mit einem solchen Training für die Nase konnten in Studien bereits Menschen mit postinfektiöser Riechstörung erfolgreich behandelt werden (bei > 25% der Patienten kam es zu einer Verbesserung des Riechens mit > 5,5 Punkten auf der Riechskala). Ein Wechsel, der für das Training genutzten Gerüche, verbesserte das Outcome zusätzlich.

Die aktuelle S2k-Leitlinie "Riechstörungen" sagt aufgrund der bestehenden Evidenz zudem zum Thema Riechtraining bei postinfektiöser Riechstörung aus: "Zusammenfassend kann aus den Ergebnissen der wissenschaftlichen Literatur ein positiver Therapieeffekt von einem strukturierten Riechtraining bei postinfektiösen Riechstörungen abgeleitet werden." (AWMF 017/050)

Doch wie sieht es bei Schmerzpatienten aus?

Im Bereich der Schmerztherapie mithilfe eines Riechtrainings gibt es derzeit lediglich Pilotstudien. Deren Ergebnisse sind allerdings recht positiv, sodass hier in der Zukunft mit neuen Anwendungsbereichen gerechnet werden könnte.

Insbesondere bei Kindern mit häufigen Kopfschmerzen hatte ein Riechtraining positive Effekte auf:

Bei erwachsenen Patienten mit chronischen lumbalen Rückenschmerzen verbesserte das Riechtraining in einer Pilotstudie das Riechvermögen und erhöhte die Schmerzwahrnehmungsschwelle. Bei Rauchern allerdings zeigte die Riechtherapie aufgrund des vorgeschädigten Riechepithels bei dieser Patientengruppe ein deutlich geringeres Ansprechen.

Quelle:
Symposium "Aroma, Riechen und Schmerz", Schmerzkongress, 20.10.2018, Mannheim