Neues Projekt soll Patienten vor chronischen Schmerzen bewahren

In den nächsten drei Jahren untersuchen Wissenschaftler, wie Patienten vor einer Chronifizierung ihrer Schmerzen bewahrt werden können. Ein Team aus Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten klärt bereits nach sechs Wochen anhaltender Schmerzen gemeinsam ab, welche Therapie der Patient erhalten soll.

Handeln, bevor Schmerzen chronisch werden – das ist das Ziel des Forschungsprojektes PAIN2020In den nächsten drei Jahren untersuchen Wissenschaftler, wie Patienten vor einer Chronifizierung ihrer Schmerzen bewahrt werden können. Ein Team aus Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten klärt bereits nach sechs Wochen anhaltender Schmerzen gemeinsam ab, welche Therapie der Patient erhalten soll.  Zwei neu entwickelte ambulante Behandlungsmodule werden dabei zur üblichen Therapie ergänzt. Schmerzexperten stellen das vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) geförderte Projekt auf der Pressekonferenz am 18. Oktober anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses 2018 vom 17. bis 20. Oktober in Mannheim vor.

"Die körperlichen und psychosozialen Beeinträchtigungen durch chronischen Schmerz sind für die Patienten enorm, die Lebensqualität sinkt, Probleme im Arbeitsleben und im sozialen Umfeld können die Folge sein", sagt Professor Dr. med. Martin Schmelz, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. Je früher eine umfassende Therapie bei gefährdeten Patienten beginne, desto größer sei die Chance, chronische Schmerzen zu vermeiden. Wenn Patienten über einen Zeitraum von mindestens drei bis sechs Monaten über Schmerzen klagen, die ihre gesamte Lebenswelt beeinflussen, sprechen Experten von chronischem Schmerz. Etwa 7,5 Prozent der deutschen Bevölkerung sind von solchen beeinträchtigenden Schmerzen betroffen.

Für Patienten mit einem Risiko für eine Chronifizierung des Schmerzes hat die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. mit der Krankenkasse BARMER und weiteren Partnern ein Projekt initiiert: PAIN2020 – Patientenorientiert. Abgestuft. Interdisziplinär. Netzwerk. Untersucht wird, ob sich die Versorgungssituation von Patienten verbessern lässt, wenn sie frühzeitig eine interdisziplinäre Diagnostik und entsprechende Therapieempfehlungen erhalten. Das Modellprojekt wird vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) mit sieben Millionen Euro gefördert, läuft über drei Jahre und soll insgesamt 6000 Patienten aufnehmen.

Das Identifizieren der Patienten mit hohem Chronifizierungsrisiko wird durch eine Reihe von Kriterien erleichtert: Schmerzen über einen Zeitraum von mehr als sechs Wochen oder wiederkehrender Schmerz trotz einer fachspezifischen Behandlung, die Einschränkung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität durch den Schmerz, eine aktuelle, seit vier Wochen andauernde Arbeitsunfähigkeit beziehungsweise eine kumulierte Arbeitsunfähigkeit von mindestens sechs Wochen in den zurückliegenden zwölf Monaten.

"Aufzeigen wollen wir, ob eine neue Versorgungsform helfen kann, die Qualität und Effizienz der Schmerzbehandlung zu verbessern", erklärt Schmelz. Im Zentrum steht die umfassende Untersuchung der Betroffenen in Form einer interdisziplinären multimodalen Bewertung durch ein Team aus Ärzten, Psychologen und Physiotherapeuten. Sie sollen gemeinsam auf Basis ihrer jeweiligen Befunde auf die Patienten zugeschnittene Therapien empfehlen. Das Team informiert und berät die Patienten, welche Therapie beim Hausarzt, beim Facharzt, ambulant, stationär oder in einer Tagesklinik empfehlenswert ist. Dabei werden somatische (also den Körper betreffende), psychologische und soziale Aspekte berücksichtigt.

Für das Projekt wurden zwei interdisziplinäre multimodale (Schmerz-) Therapiemodule entwickelt, die die üblichen Therapieformen in der ambulanten Versorgung ergänzen sollen: Beim Therapiemodul "Edukation (E-IMST)" handelt es sich um eine einmalige Schulung: Der Patient erhält in einer drei Stunden dauernden Gruppenschulung Basisinformationen zu Ursachen und Formen sowie zur Bewältigung von Schmerzen und über die Bedeutung von Eigenverantwortung in der Anwendung schmerzreduzierender Strategien. Das Therapiemodul "Begleitende Therapie (B-IMST)" ist berufsbegleitend mit 32 Stunden, verteilt über zehn Wochen, umfangreicher. In Gruppen von acht Patienten werden die Teilnehmer ebenfalls über die Erkrankung und die Methoden der Schmerzbewältigung informiert sowie dabei unterstützt, selbstverantwortlich mit körperlichen und psychischen Bedürfnissen umzugehen und Strategien im Umgang mit Schmerzen und anderen Belastungen zu entwickeln.

"Durch Aufklärung und aktive Unterstützung in Bezug auf schmerzreduzierende Strategien wollen wir den Patienten darin bestärken, als 'Handelnder' mit der Erkrankung umzugehen. Wer versteht, welche individuellen und äußeren Einflussfaktoren den Schmerz prägen, kann das Schmerzgeschehen eigenverantwortlich beeinflussen", sagt Professor Dr. med. Carla Nau, Kongresspräsidentin des Deutschen Schmerzkongresses 2018 und Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Campus Lübeck des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Das Projekt werde zeigen, ob die interdisziplinär-multimodale Diagnostik chronische Schmerzen vermeiden hilft und daher regulär bereits frühzeitig vor Beginn einer Chronifizierung angeboten werden sollte.

Thomas Isenberg, Geschäftsführer der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. ergänzt: "Durch die enge Zusammenarbeit mit der BARMER, vier weiteren Konsortialpartnern und 25 bis 30 regionalen Schmerzkliniken/Praxen besteht eine große Chance, erfolgreiche Methoden dann nach Evaluation und Projektabschluss in die Regelversorgung zu übernehmen." An die Politik appelliert Isenberg, den Innovationsfonds fortzusetzen und zukunftsfest auszugestalten.