Wenn Haare früh ergrauen: Ursachen, Einflüsse und Perspektiven

Vorzeitiges Ergrauen betrifft viele Menschen weit vor dem biologischen Alterungsprozess. Die Ursachen sind vielfältig – von genetischen Anlagen bis hin zu äußeren Faktoren. Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasst den Stand der Forschung zusammen.

Das Wichtigste auf einen Blick zum vorzeitigen Ergrauen

  • Vorzeitiges Ergrauen tritt meist vor dem 20.–30. Lebensjahr auf.
  • Genetische Veranlagung und oxidativer Stress gelten als wichtige Ursachen.
  • Auch Vitamin-B12- oder Vitamin-D3-Mangel, Autoimmunerkrankungen und metabolische Syndrome kommen als kausale Faktoren infrage.
  • Behandlungsoptionen beschränken sich bislang auf kosmetische Maßnahmen.
  • Experimentelle Ansätze zur Repigmentierung umfassen unter anderem die Forschung an Melanozyten-Stammzellen.

Ethnische und geschlechtsspezifische Unterschiede

Die Schwelle für vorzeitiges Ergrauen variiert deutlich nach Herkunft: Während sie bei Menschen mit heller Haut vor dem 20. Lebensjahr als früh gilt, liegt sie bei asiatischer Herkunft bei unter 25 Jahren, bei afrikanischer unter 30. In bestimmten Ethnien – etwa in südostasiatischen oder afrikanischen Populationen – tritt vorzeitiges Ergrauen seltener auf, während es bei hellhaarigen Menschen aus Nord- und Osteuropa häufiger ist.

Neben diesen ethnisch-genetischen Einflüssen spielt auch das Geschlecht eine Rolle – allerdings nicht in der Häufigkeit, sondern in der Lokalisation der grauen Haare: Männer ergrauen meist zuerst an den Schläfen, Frauen eher im vorderen Haaransatzbereich. Der Hinterkopf bleibt bei beiden Geschlechtern in der Regel am längsten pigmentiert.

Genetische Faktoren und oxidativer Stress

Warum manche Menschen früher ergrauen als andere, lässt sich multifaktoriell erklären. Eine zentrale Rolle spielen genetische Prädispositionen und oxidativer Stress: Genetische Varianten, etwa im IRF4-Gen, sowie eine altersabhängige Abnahme pigmentbildender Genaktivität sind beschrieben. Gleichzeitig begünstigen oxidative Prozesse – etwa durch UV-Strahlung oder chronischen Stress – den Pigmentverlust. Auch der altersbedingte Rückgang antioxidativer Schutzmechanismen könnte eine wichtige Rolle spielen.

Einfluss von Nährstoffmangel, Erkrankungen und Rauchen

Auch äußere Faktoren tragen zum vorzeitigen Ergrauen bei:

  • In mehreren Studien wurden Defizite an Vitamin B12, Vitamin D3, Eisen, Kalzium und Kupfer als mögliche Mitursachen der gestörten Pigmentbildung beschrieben.
  • Ebenso wird Rauchen mit einem vermehrten Auftreten grauer Haare in Verbindung gebracht – vermutlich aufgrund einer melanozytenschädigenden Wirkung von Tabakrauch.
  • Auch Autoimmunerkrankungen wie Vitiligo oder Hashimoto-Thyreoiditis scheinen eine Rolle zu spielen. 
  • Darüber hinaus gelten das metabolische Syndrom (z. B. Adipositas, koronare Herzkrankheit) sowie seltene genetische Erkrankungen wie das Werner-Syndrom ebenfalls als potenzielle Risikofaktoren.

Derzeitige Optionen: kaschieren statt therapieren

Eine kausale Therapie existiert bislang nicht. Derzeit stehen kosmetische Verfahren im Vordergrund. Neben Haarfärbemitteln kommen Haarteile oder Skalp-Mikropigmentierung zum Einsatz. Letztere kann durch gezielte Pigmentierung eine höhere Dichte vortäuschen und Kontraste mildern.

Zur optischen Verbesserung trägt auch eine Verdichtung des Haars bei: Topisches oder niedrig dosiertes orales Minoxidil regt das Wachstum an. Auch Finasterid (bei Männern zugelassen, bei Frauen off-label) und Spironolacton (off-label bei Frauen) werden eingesetzt.

Naheliegend, aber nicht evidenzbasiert, sind unterstützende Maßnahmen wie die gezielte Substitution diagnostizierter Nährstoffmängel – etwa von Vitamin B12 oder D3 – sowie der Schutz vor UV-Strahlung.

ICI, TKI, Ciclosporin A und Co.: Repigmentierung als Nebeneffekt

Einzelne Fallberichte zeigen, dass unter bestimmten systemischen Therapien eine unerwartete Repigmentierung ergrauter Haare auftreten kann. Dies wurde bei Patienten beobachtet, die wegen onkologischer oder immunologischer Erkrankungen mit Immuncheckpoint-Inhibitoren (ICI), Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI), Immunmodulatoren oder Ciclosporin A behandelt wurden. 

Die zugrunde liegenden Mechanismen sind bislang nicht abschließend geklärt. Vermutet wird eine Reaktivierung oder Stimulation von Melanozyten durch Veränderung immunologischer Signalwege. Auch die Aktivierung pigmentfördernder Transkriptionsfaktoren und die Hemmung inhibitorischer Zytokine könnten eine Rolle spielen.

Fazit

Auch wenn das vorzeitige Ergrauen in erster Linie als kosmetisches Phänomen gilt, kann es für Betroffene stark belastend sein. Bisher beschränken sich die therapeutischen Möglichkeiten auf symptomatische Maßnahmen. Beobachtungen unter systemischen Wirkstoffen legen jedoch nahe, dass eine Repigmentierung prinzipiell möglich ist. In der präklinischen Forschung richtet sich der Blick zudem auf die gezielte Steuerung von Melanozyten-Stammzellen. Durch deren kontrollierte Migration und Differenzierung in pigmentproduzierende Zellen könnten zukünftig neue Therapieansätze zur Reaktivierung der Haarfarbe entstehen.

Quelle:
  1. Desai DD, Karim M, Nohria A, Needle C, Brinks A, Kearney CA, Ridge A, Mesinkovska N, Shapiro J, Lo Sicco KI. Premature hair graying: a multifaceted phenomenon. Int J Dermatol. 2025 May;64(5):819-829. doi: 10.1111/ijd.17580. Epub 2024 Dec 19. PMID: 39697103; PMCID: PMC12008612.