Neuer Name, neues Denken: Was die Umbenennung von PCOS bedeutet

Ein neuer internationaler Konsens definiert PCOS als endokrin-metabolische Multisystemerkrankung neu. Die Umbenennung von PCOS zu PMOS rückt Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-Risiko in den Fokus – und stellt gängige Diagnosereflexe infrage.

Eine der häufigsten endokrinen Erkrankungen

Das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) gilt als eine der häufigsten endokrinen Störungen bei Frauen im reproduktiven Alter und betrifft weltweit etwa jede achte Frau. Seine Bedeutung reicht jedoch weit über die Fertilität hinaus: PCOS wird zunehmend als systemische Erkrankung verstanden, deren metabolische und kardiovaskuläre Merkmale klinisch ebenso relevant sind wie die reproduktiven. Dennoch bleibt ein erheblicher Anteil der Fälle (nach einigen Schätzungen bis zu 70 %) unentdeckt. Diese Versorgungslücke hat die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu veranlasst zu hinterfragen, was an der begrifflichen Einordnung dieser Erkrankung ihrer Erkennung und Behandlung bisher im Wege stand.

Warum „polyzystisches Ovarialsyndrom“ zu unpräzise war

Der Begriff des polyzystischen Ovarialsyndroms geht auf eine Ultraschallbeobachtung zurück: multiple, an der Peripherie des Ovars angeordnete Follikel, die historisch als Zysten interpretiert wurden. Diese Deutung hat sich in mehrfacher Hinsicht als unzutreffend erwiesen. Die polyzystische Ovarialmorphologie ist für die Diagnose weder notwendig noch hinreichend spezifisch, und ein erheblicher Anteil der betroffenen Frauen weist sie überhaupt nicht auf. Zudem handelt es sich bei den im Ultraschall als „Zysten“ erscheinenden Strukturen genauer gesehen um arretierte kleine Antralfollikel und nicht um echte Ovarialzysten. Das grundlegendere Problem ist jedoch konzeptueller Natur. Indem der Name das Ovar in den Mittelpunkt stellte, verfestigte die Terminologie eine enge gynäkologische Betrachtungsweise und verschleierte gleichzeitig die endokrinen, metabolischen, dermatologischen, psychologischen und kardiometabolischen Dimensionen der Erkrankung – Dimensionen, die heute allgemein als zentral und nicht als Nebeneffekte angesehen werden.

Wie es zur Umbenennung kam

Der Vorstoß für eine treffendere Bezeichnung ist keine Überlegung der jüngsten Zeit. Bereits 2012 empfahlen die US-amerikanischen National Institutes of Health eine Benennung, die besser mit der zugrunde liegenden Biologie der Erkrankung im Einklang steht. 2013 schlugen die Endokrinologen Andrea Dunaif und Bart Fauser öffentlich ein „Zwei-Kategorien-Modell“ vor, um überwiegend reproduktiv geprägte Phänotypen von überwiegend metabolisch geprägten abzugrenzen. 

Die Umbenennung bildet damit den Abschluss einer Debatte, die die Erkrankung seit mehr als zehn Jahren begleitet. Der Prozess, der zur aktuellen Bezeichnung führte und im Mai 2026 vom Global Name Change Consortium unter der Leitung von Helena Teede in The Lancet veröffentlicht wurde, band 56 akademische, klinische und Patientenorganisationen ein. Er stützte sich auf die Beiträge von mehr als 14.000 Betroffenen sowie multidisziplinären Gesundheitsfachkräften aus verschiedenen Weltregionen und nutzte dafür iterative globale Befragungen, modifizierte Delphi-Verfahren sowie eigens konzipierte Workshops. 

Eine Zahl verdeutlicht die Stärke des erzielten Konsenses: Ein symptombasierter statt eines anatomiebasierten Namens wurde von einer großen Mehrheit sowohl der befragten Patientinnen als auch der Gesundheitsfachkräfte bevorzugt. Der Übergang zur neuen Bezeichnung wird voraussichtlich schrittweise erfolgen, mit einer etwa dreijährigen Phase der terminologischen Koexistenz, bevor sie in künftige Aktualisierungen der internationalen Leitlinie aufgenommen wird.

Wofür PMOS steht

Das neue Akronym Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom (PMOS) ist mehr als eine bloße Umetikettierung, denn jeder Bestandteil des Begriffs verweist auf eine konkrete klinische Implikation. Polyendokrin signalisiert, dass Androgenproduktion, Insulinsignalgebung, neuroendokrine Regulation und Ovarialfunktion miteinander interagieren – und genau deshalb profitiert das Management von einer multidisziplinären Perspektive statt von einem fachbezogenen Einzelansatz. Metabolisch rückt Insulinresistenz, Dysglykämie, Dyslipidämie, kardiovaskuläres Risiko und die metabolische Dysfunktion-assoziierte steatotische Lebererkrankung (MASLD) in das Zentrum der Krankheitsdefinition und untermauert die Notwendigkeit eines systematischen metabolischen Screenings, statt erst dann zu screenen, wenn Gewichts- oder Fertilitätsprobleme dazu Anlass geben. Ovar bewahrt den Bezug zur ovulatorischen und follikulären Dysfunktion – jenem Merkmal, das die meisten Patientinnen nach wie vor aufweisen –, ohne eine pathologische zystische Erkrankung zu implizieren. Syndrom trägt der Tatsache Rechnung, dass das klinische Bild heterogen ist – was, wie im Folgenden erörtert, auch der Grund dafür ist, dass nicht alle darin übereinstimmen, dass ein einziger Name jedem Phänotyp gerecht werden kann.

Der Name ändert sich, die Diagnose nicht

Dies ist wohl die wichtigste klinische Botschaft für den Praxisalltag: Die Umbenennung verändert weder die Diagnosekriterien noch die Behandlungsstrategien oder die Nachsorgeprotokolle – diese haben Bestand, so wie in der aktuellen internationalen evidenzbasierten Leitlinie festgelegt. 

Was sich ändert, ist der konzeptuelle Rahmen, in dem die Erkrankung kommuniziert wird, und dies bringt konkrete praktische Konsequenzen mit sich. Eine Jugendliche mit schwerer Akne, unregelmäßigen Zyklen und biochemischem Hyperandrogenismus sollte nicht allein aufgrund eines unauffälligen Ultraschallbefunds („keine Zysten“) für gesund erklärt werden. Ebenso sollte eine wegen Hirsutismus behandelte Patientin die Praxis nicht ohne eine Beurteilung des metabolischen und kardiovaskulären Risikos verlassen, unabhängig vom Körpergewicht. Dieser Punkt ist besonders relevant für die erhebliche Subgruppe von Patientinnen mit „lean PCOS“, die normalgewichtig, aber dennoch insulinresistent sind und die durch den alten Begriff Gefahr liefen, durch das diagnostische Raster zu fallen.

Umbenennung nicht ohne Risiko: eine offene wissenschaftliche Debatte

Es sei klar ausgesprochen, dass PMOS nicht allgemein als finale Antwort gilt und die Diskussion keineswegs abgeschlossen ist. Manche Kliniker und Forscher stellen infrage, ob ein einziger vereinheitlichender Name die Heterogenität der PCOS-Phänotypen angemessen erfassen kann, die von einerseits überwiegend reproduktiven bis zu andererseits überwiegend metabolischen Ausprägungen reichen – jeweils mit unterschiedlichen Behandlungspfaden. Andere befürworten eine grundsätzlich differenzierte Nomenklatur: Ein separater Delphi-Konsens unter Federführung der EGOI-PCOS-Gruppe etwa schlug unterschiedliche Bezeichnungen für verschiedene Phänotypen vor („endokrin-metabolisches Syndrom“ und „multifollikuläre Ovarialstörung“). Damit griff er das frühere Zwei-Kategorien-Modell von Dunaif und Fauser auf.

Ein weiterer aufschlussreicher Präzedenzfall stammt aus der Hepatologie, wo der Übergang von NAFLD zu MASLD zeigte, dass ein biologisch treffenderer Name Stigmatisierung verringern kann, aber auch dazu führen kann, dass Literaturrecherchen und klinische Kodierung an Kontinuität verlieren und der Vergleich historischer mit aktuellen Patientenkohorten unschärfer wird.

Weitere Bedenken hinsichtlich PMOS betreffen die Frage, ob der Begriff „ovar“ für transgeschlechtliche und geschlechtsdiverse Personen oder für Menschen jenseits des reproduktiven Alters ausreichend inklusiv bleibt, und ob die Betonung der metabolischen Komponente – bei reduktiver Kommunikation – ungewollt gewichtsbezogene Stigmatisierung eher verstärken als verringern könnte.

Warum diese Änderung von Bedeutung ist

Der Wert dieser terminologischen Verschiebung liegt nicht im neuen Akronym selbst, sondern in dem, was es formalisiert: die Anerkennung, dass die nunmehr als PMOS bezeichnete Erkrankung eine systemische Störung ist, bei der die metabolischen und kardiovaskulären Komponenten klinisch ebenso ins Gewicht fallen wie die reproduktiven. Diese Anerkennung – mehr als die Umbenennung an sich – sollte die Praxis prägen, eine echte multidisziplinäre Versorgung über Endokrinologie, Gynäkologie, Dermatologie, Kardiologie und psychische Gesundheit hinweg fördern und daran erinnern, dass es sich um eine Erkrankung handelt, die Frauen weit über ihre fruchtbaren Jahre hinaus begleitet. Der Name PMOS wird die Behandlungsergebnisse nicht von selbst verbessern. Gelingen kann dies nur, wenn er verändert, welche Fragen Kliniker stellen, welche Untersuchungen sie veranlassen und welche Versorgungspfade sie wählen.

Quellen
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  4. Teede HJ, Moran LJ, Morman R, Gibson M, Dokras A, Berry L, Laven JSE, Joham A, Piltonen TT, Costello MF, Norman RJ, Bahri Khomami M. Polycystic ovary syndrome perspectives from patients and health professionals on clinical features, current name, and renaming: a longitudinal international online survey. EClinicalMedicine. 2025 May 28;84:103287. doi: 10.1016/j.eclinm.2025.103287. PMID: 40687737; PMCID: PMC12273733.
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