ERCP nach Leber-Transplantation: Argumente für kürzere Antibiotikaprophylaxe

Braucht es nach einer Lebertransplantation wirklich eine mehrtägige Antibiotikagabe vor einer ERCP? Heidelberger Gastroenterologen haben ein restriktives Einzeldosis-Modell getestet – mit überraschenden Ergebnissen.

Gallengangkomplikationen nach Lebertransplantation und ERCP

  • Komplikationen im Gallengangsystem treten bei etwa 10 bis 25 % der Patienten nach Lebertransplantation (LTx) auf und können bis hin zum Transplantatverlust führen.
  • Zu den häufigsten Komplikationen zählen Anastomosenstenosen mit Gallengangstrikturen und ischämischen Gallengangläsionen.
  • Mittel der Wahl für Diagnostik und Behandlung ist die endoskopische retrograde Cholangiographie (ERCP), mit der wirksame Interventionen wie eine Dilatation und Stentimplantation erfolgen können.
  • Auch die ERCP birgt Risiken, insbesondere infektiöse Komplikationen wie die Post-ERCP-Cholangitis, die wiederum bei Lebertransplantierten häufiger auftreten.

Keine klaren Leitlinienvorgaben

Während sich in der Vergangenheit viele Experten für eine breite und langanhaltende Antibiotikatherapie im Rahmen einer ERCP bei Hochrisikopatienten aussprachen, dringen neuere Empfehlungen wie die Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Gastrointestinale Endoskopie (ESGE) und die Leitlinie der Europäischen Vereinigung für Leberforschung (EASL) auf einen individualisierteren Ansatz und unterstreichen neben der Infektionsprävention die Bedeutung eines sorgfältigen Umgangs mit Antibiotika.

Diesen haben sich auch PD Dr. med. Jessica Seeßle und ihr Team am Universitätsklinikum Heidelberg auf die Fahne geschrieben. Sie führten in ihrem Zentrum eine neue Standardarbeitsanweisung (SOP) ein: Bei Lebertransplantationsempfängern, die sich einer routinemäßigen ERCP ohne klinische Anzeichen einer Cholangitis unterziehen, soll eine einmalige Ampicillin/Sulbactam-Gabe (in der Regel 3 g) 30 Minuten vor dem Eingriff erfolgen.

Cholangitis nach Einmalantibiose weder häufiger noch schwerwiegender

Nach ersten Erfahrungen mit diesem Vorgehen wurde eine SOP-Kohorte (n = 54 Eingriffe) mit einer historischen Kohorte (n = 100 Eingriffe) verglichen, bei der eine mehrtägige Antibiotikatherapie noch Behandlungsstandard war. Insgesamt waren die Cholangitis-Raten in der deskriptiven Analyse mit 18,0 % in der historischen und 22,2 % in der SOP-Kohorte vergleichbar. Auch die Schweregrade waren jeweils ähnlich. Die Forscher heben besonders hervor, dass auch bei Eingriffen mit Ballondilatation, die bisher als besonders risikobehaftet galten, kein signifikanter Unterschied zu verzeichnen war. Die Raten der postinterventionellen Cholangitis betrugen:

Verkürzte Antibiotikatherapie nicht für alle Patienten geeignet

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass infektiöse Komplikationen nach einer ERCP bei Lebertransplantationsempfängern seltener auftreten als bisher befürchtet und eine restriktive Antibiotikaprophylaxe im Sinne einer Antibiotic Stewardship ausreichend sein könnte. „Für Transplantationsempfänger, die unter chronischer Immunsuppression leiden und häufig hospitalisiert werden, ist die Minimierung unnötiger Antibiotikagaben besonders wertvoll“, betonen die Autoren.

Gleichwohl weisen sie darauf hin, dass eine verkürzte Antibiotikadauer nicht bei allen Patienten angemessen sei. So benötigten beispielsweise Patienten mit nicht drainierten intrahepatischen Gallengängen, multiplen Strikturen oder einer zu Beginn bestehenden Cholangitis möglicherweise eine verlängerte Prophylaxe.

Quelle
  1. Seeßle J et al. Assessing the effect of single dose antibiotic prophylaxis compared with a multiday regimen in liver transplant recipients undergoing routine endoscopic retrograde cholangiopancreatography: a retrospective, single-centre, registry-based cohort study with a historical control group. BMJ Open Gastroenterology 2026; 13: e002200. https://doi.org/10.1136/bmjgast-2025-002200 (letzter Zugriff: 26.10.2026).