Semaglutid bei Adipositas: Erhöhtes Gastroparese-Risiko auch bei Nicht-Diabetikern?
Die Therapie mit Semaglutid kann bei Adipositas zur Gewichtsreduktion führen – doch das Risiko für eine Gastroparese ist laut US-Daten deutlich erhöht.
Das Wichtigste auf einen Blick
In der US-Studie erkrankten deutlich mehr Patienten unter Semaglutid an einer Gastroparese als unter anderen Abnehmstrategien (Bupropion/Naltrexon oder nach einer Schlauchmagen-OP).
- Das Risiko war mehr als dreimal so hoch wie unter Bupropion/Naltrexon – und sogar sechsmal höher als nach einer Schlauchmagen-OP.
- Besonders gefährdet waren Frauen sowie Patienten mit GERD oder MAFLD. Auch ein BMI zwischen 30 und 34 kg/m² ging mit einem erhöhten Risiko einher.
- Eine Sensitivitätsanalyse bestätigte den Zusammenhang auch unter strengeren Kriterien.
- Für die Praxis bedeutet das: Trotz guter Wirksamkeit ist nicht nebenwirkungsfrei – das Gastroparese-Risiko sollte bei der Therapieplanung berücksichtigt werden.
Bei Diabetikern wurde ein möglicher Zusammenhang zwischen Semaglutid und Gastroparese bereits beschrieben – vermutlich im Zusammenhang mit der verlangsamten , die zu den bekannten Effekten der GLP-1-Agonisten zählt. Ob dieses Risiko auch bei Personen ohne diabetische Vorerkrankung besteht, war bisher unklar – also bei Patienten ohne den bekannten Risikofaktor Diabetes, der selbst mit einer erhöhten Prävalenz von Gastroparese assoziiert ist.
Die vorliegende retrospektive Kohortenstudie zielte daher darauf ab, das Gastroparese-Risiko unter Semaglutid bei adipösen Patienten ohne zu untersuchen – im Vergleich zu zwei anderen in den USA etablierten Gewichtsreduktionsstrategien: Bupropion/Naltrexon, ein pharmakologisch anders wirkendes Präparat ohne Einfluss auf die Magenentleerung (in Deutschland nicht mehr erhältlich), sowie die Schlauchmagenresektion (Sleeve-Gastrektomie) als chirurgischer Ansatz.
Datenbasis war die US-Versichertendatenbank Merative MarketScan (2018–2022). Eingeschlossen wurden 55.460 adipöse Erwachsene (BMI ≥ 30 kg/m², Alter 18–64 Jahre) ohne vorbestehende Gastroparese oder Typ-2-Diabetes. Die drei Behandlungsgruppen umfassten 36.990 Personen unter Semaglutid, 7.369 unter Bupropion/Naltrexon und 11.101 nach Schlauchmagenresektion. Die mittlere Nachbeobachtungsdauer lag gruppenabhängig zwischen 1,0 und 2,1 Jahren.
Deutlich höheres Risiko für Gastroparese unter Semaglutid
Untersucht wurde dabei, wie häufig es im Verlauf nach Beginn der jeweiligen Intervention erstmals zu einer Gastroparese-Diagnose kam. Nach Auswertung der Versichertendaten zeigte sich ein deutlicher Unterschied in der Häufigkeit der Magenentleerungsstörung zwischen den untersuchten Gruppen:
- Die Inzidenz von Gastroparese war unter Semaglutid am höchsten (6,5/1000 Personenjahre), gefolgt von Bupropion-Naltrexon (2,1/1000) und Schlauchmagenresektion (1,1/1000).
- Das adjustierte Risiko war bei Semaglutid signifikant erhöht (vs. Bupropion-Naltrexon: Hazard Ratio (HR) 3,38; 95 % KI 2,30–4,95; vs. SG: HR 5,88; 95 % KI 3,78–9,16). Die absolute Risikodifferenz betrug 4,4 bzw. 5,4 pro 1000 Personen, die Number Needed to Harm lag bei 226 bzw. 183.
Auch bei Anwendung einer strengeren Definition der verzögerten Magenentleerung – nämlich nur dann, wenn zusätzlich zur Gastroparese-Diagnose auch ein Rezept für ein Prokinetikum vorlag – blieb das Risiko unter Semaglutid signifikant erhöht (vs. Bupropion-Naltrexon: HR 2,46; vs. SG: HR 4,36).
Subgruppenanalyse: Wer besonders gefährdet ist
Manche Personengruppen im Semaglutid-Arm waren besonders anfällig für eine Gastroparese: In diesem Kollektiv waren eine metabolisch assoziierte Fettlebererkrankung (MAFLD; HR 2,11), eine gastroösophageale (GERD; HR 1,80), ein Body-Mass-Index zwischen 30 und 34 (vs. ≥ 40; HR 1,93) sowie weibliches Geschlecht (HR 1,56) signifikant mit einem erhöhten Risiko für Gastroparese assoziiert.
Was für die Praxis wichtig ist
Trotz einer insgesamt geringen Inzidenz für Gastroparese im untersuchten Kollektiv zeigt die Studie ein deutlich erhöhtes Risiko unter Semaglutid bei Personen, die das Medikament zur einsetzen. Im Vergleich schnitt die chirurgische Option der Schlauchmagenresektion am günstigsten ab.
Für die Praxis könnten die Ergebnisse sowohl bei der Wahl der Therapie zur Gewichtsnormalisierung als auch im perioperativen Management von Bedeutung sein – insbesondere bei Patienten, die bereits gastrointestinal vorbelastet sind. Die Autoren verweisen auf eine potenzielle Aspirationsgefahr durch verzögerte Magenentleerung im Rahmen von Sedierungen, auch wenn die Datenlage hierzu bislang uneinheitlich ist.
Die Ergebnisse sind allerdings vor dem Hintergrund methodischer Einschränkungen einzuordnen: Die Diagnose Gastroparese beruhte allein auf ICD-Codes und wurde nicht durch Magenentleerungstests bestätigt. Zudem blieb unklar, ob und wie regelmäßig die verordneten Medikamente tatsächlich eingenommen wurden. Auch die Nachbeobachtungszeit war begrenzt. Trotz dieser Einschränkungen verdeutlicht die Analyse, dass potenzielle gastrointestinale von GLP-1-Agonisten künftig mehr Beachtung finden sollten – sowohl in Studien als auch in der praktischen Versorgung.
- Aneke-Nash C, Hung KS, Wall-Wieler E, Zheng F, Sharaiha RZ. Comparing the risk of gastroparesis following different modalities for treating obesity: semaglutide versus bupropion-naltrexone versus sleeve gastrectomy - a retrospective cohort study. BMJ Open Gastroenterol. 2025 Apr 2;12(1):e001704. doi: 10.1136/bmjgast-2024-001704. PMID: 40175094; PMCID: PMC11966946.