Nachlese vom Diabetes-Kongress der DDG 2022

Vom 25. bis 28. Mai 2022 fand die 56. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft inBerlin statt. Einige Highlights...

Krebs inzwischen häufigste Todesursache bei Diabetes mellitus Typ 2

Übergewicht und Diabetes gehen mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Neoplasien einher und können auch die Prognose bei bestehender maligner Erkrankung nachteilig beeinflussen. Laut aktuellen Schätzungen werden  Übergewicht und Diabetes in den nächsten 10–20 Jahren das Rauchen von Platz Eins der vermeidbaren Krebsursachen verdrängen.

Je höher der Body-Mass-Index und je entgleister die Stoffwechsellage, desto stärker steige das persönliche Krebsrisiko, betonte ein Sprecher der Arbeitsgemeinschaft "Diabetes und Krebs" der DDG. An Malignomen wie Darmkrebs erkranken Betroffene mit Diabetes Typ 2 häufig schon früher als stoffwechselgesunde Menschen. Vielleicht wichtigste Botschaft: viele Tumoren wären durch Diabetesprävention, insbesondere gesunde Ernährung, Bewegung und Gewichtsabnahme, verhinderbar.1

Fasten kann Adipositas und Diabetes Typ 2 vorbeugen

Ein von uns in früheren Beiträgen bereits beleuchtetes spannendes Thema des Kongresses war, wie Fastenzeitfenster zu positiven Umstellungen des Stoffwechsels beitragen können, etwa durch Intervallfasten. Professor Stephan Herzig vom Helmholtz Diabetes Center München skizzierte im Rahmen der Vorab-Pressekonferenz, welche Rolle die in den letzten Jahren entdeckten molekularen Schalter für die belegten positiven Effekte freiwilliger Fastenzeitfenster haben, darunter eine Blutdrucksenkung sowie eine Verbesserung der Glukose- und Blutfettwerte.

Eine neue klinische Studie in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Heidelberg weist nach, dass Fasten bei bestehenden Langzeitschäden des Diabetes sogar therapeutisch wirkt, zum Beispiel über eine Verbesserung der Nierenfunktion bei diabetischer Nephropathie. Das Helmholtz Diabetes Center liefert außerdem neue Daten dazu, wie sich Hungerperioden auf die Normalisierung der Immunfunktion auswirken, die in der Pathophysiologie des Diabetes eine wichtige Rolle spielt.2

Herzinsuffizienz wird bei Diabetes nicht immer früh genug erkannt

Dekompensierte Herzinsuffizienzen sind für die meisten stationären Einweisungen verantwortlich und gehen mit hohen Rehospitalisations- und Mortalitätsraten einher. Menschen mit Bluthochdruck sowie Diabetes und Hyperglykämie sind besonders gefährdet. Screenings sind wichtig, um diese häufigste kardiovaskuläre Folgeerkrankung des Diabetes im asymptomatischen Stadium nicht zu übersehen.

Seit der Aktualisierung der ESC-Guidelines 2021, die sowohl bei reduzierter als auch bei erhaltener Ejektionsfraktion von Anfang an auch einen SGLT2-Inhibitor empfehlen, werden SGLT2-Inhibitoren flächendeckender bei Herzinsuffizienz mit und ohne Diabetes eingesetzt, bisher vorrangig das schon seit November 2020 zugelassene Dapagliflozin, nun aber auch das seit Juni 2021 für die Herzinsuffizienz zugelassene Empagliflozin. Zuletzt berichtete die 'EMPEROR-Preserved'-Studie ein um 25% reduziertes Risiko für kardiovaskulär bedingten Tod oder Hospitalisierung aufgrund von Dekompensation (p < 0,001) und die Zahl renaler Events sank um 50% (p < 0,001). Auch für Dapagliflozin bestätigte sich dies in der 'DELIVER'-Studie. Der kardio- und nephroprotektive Effekt ist erstaunlich, aber aktuell noch nicht erklärbar. „Die Kurven gehen sehr früh auseinander, also ein Wirkmechanismus, den wir vielleicht noch gar nicht so ganz verstehen“, berichtete Professor Jochen Seufert aus Freiburg anlässlich eines Industriesymposiums.3

Verbot von an Kinder gerichteter Werbung für ungesunde Produkte längst überfällig

Aktuell erleben wir eine anhaltende Teuerung alltäglicher Güter. Als besonders besorgniserregend empfindet Barbara Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz für nichtübertragbare Krankheiten (DANK) und Geschäftsführerin der Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), dass gerade gesunde Lebensmittel überproportional im Preis gestiegen sind (z.B. Gemüse um mehr als 9% seit letztem April). Anlässlich der 2. DDG-Pressekonferenz wurde die Forderung an Ampelkoalition und Ernährungsminister Cem Özdemir laut, hier gegenzusteuern. Die im April von Özdemir bereits vorgeschlagene komplette Streichung der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse begrüßt sie als gutes Signal, denn gesunde Ernährung dürfe "keine Frage des Geldbeutels sein." Im Gegenzug appelliert sie an die Bundesregierung, die Hersteller ungesunder Softdrinks mit einer Herstellerabgabe zu belegen. Dies würde die Produzenten sicherlich auch animieren, ihre Rezepturen gesünder zu gestalten.

Erneut angesprochen wurde das schon seit Jahren diskutierte Thema Werbung. Bitzer zitiert Daten, laut denen mediennutzende Kinder zwischen 3 und 13 Jahren im Schnitt 15 Werbungen für ungesunde Produkte pro Tag (!) sehen. 92% der Lebensmittelwerbung, die sich an Kinder richtet, wirbt für Ungesundes. Bitzer rekapituliert die weiter gestiegenen Übergewichtsraten bei Erwachsenen und Kindern und erinnert daran, dass Adipositas in Europa zu den Haupttodesursachen gehört. Im Koalitionsvertrag war ein Werbeverbot an Kinder unter 14 zwar "vollmundig angekündigt" worden, bisher sei aber wenig passiert, so Bitzer. Die DDG hat diesbezüglich ein Positionspapier mit konkreten Vorschlägen erarbeitet und bittet Herrn Özdemir, sich für ein umfassendes Werbeverbot (nicht nur im Fernsehen, sondern auch auf Instagram und über Plakate) für gesundheitsschädliche Produkte an Kinder einzusetzen.4

Quellen: 

  1. Sowohl Adipositas als auch Typ 2 Diabetes erhöhen das Risiko für verschiedene Tumorerkrankungen. https://diabeteskongress.de/wp-content/uploads/2022/05/20220512_PM-Krebs-Diabetes-Kongress-2022_F.pdf.
  2. Wie freiwillige Hungerperioden den Metabolismus beeinflussen. https://diabeteskongress.de/wp-content/uploads/2022/05/20220518_PM-Fasten-Diabetes-Kongress-2022_F.pdf.
  3. DDG 2022: Herzinsuffizienz und Diabetes - das gefährliche Duo | Gelbe Liste. https://www.gelbe-liste.de/kardiologie/herzinsuffizienz-und-diabetes.
  4. e.V, D. D.-G. 2. Kongress-Pressekonferenz im Rahmen des Diabetes Kongresses 2022. Deutsche Diabetes Gesellschaft e.V. https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/pressekonferenzen/2-kongress-pressekonferenz-im-rahmen-des-diabetes-kongresses-2022.

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