Notruf 112: Dispatcher-Reanimation rettet Leben in Europa

In der Europäischen Union wird die überwiegende Mehrheit aller Notrufe über die Nummer 112 abgewickelt – eine Nummer, die nahezu allen Bürgern bekannt ist. Ein Übersichtsartikel zum europäischen Tag des Notrufs.

112 als primärer klinischer Zugang zur Notfallversorgung in Europa

Laut dem Bericht zur Umsetzung der EU-Notrufnummer 112 aus dem Jahr 2024 werden etwa 62 % aller Notrufe in der Europäischen Union über die 112 abgewickelt, was ihre Rolle als Hauptzugang zu Notfalldiensten unterstreicht. Die öffentliche Bekanntheit hat ein hohes Niveau erreicht: Rund 94 % der EU-Bürger wissen, dass 112 unionsweit als einheitliche Notrufnummer genutzt werden kann, mit konstant hoher Wiedererkennung in allen Mitgliedstaaten. Aus klinischer Perspektive zeigen diese Zahlen: Das System ist flächendeckend etabliert und bekannt. Die entscheidenden Herausforderungen liegen nun bei Leistungsfähigkeit, Versorgungsqualität und nahtloser Integration in die notfallmedizinische Behandlungskette.

Sobald ein Notruf eingeht, wird über die 112 eine strukturierte und zeitkritische Ereigniskette in Gang gesetzt, die jedem direkten medizinischen Kontakt vorausgeht. In dieser Phase werden nicht nur Eintreffzeiten festgelegt, sondern auch weichenstellende Entscheidungen getroffen: Welche Klinik wird angefahren? Welche spezialisierten Teams müssen voralarmiert werden?

Frühe Triage und dispatchergestützte Interventionen

Im operativen Kern des 112-Systems stehen die Leitstellen (Public Safety Answering Points, PSAPs), in denen Notrufe entgegengenommen, bewertet und priorisiert werden. Die Europäische Kommission berichtete, dass ein erheblicher Anteil der Anrufe bereits auf dieser Ebene abschließend bearbeitet wird, ohne an den Rettungsdienst weitergeleitet zu werden. Während dieser Filterprozess von Ärzten und der Öffentlichkeit mitunter als administratives Hindernis wahrgenommen wird, stellt er tatsächlich eine Form klinischer Steuerung dar. Durch frühzeitige Identifikation nicht dringlicher Situationen tragen Leitstellen dazu bei, rettungsdienstliche Kapazitäten zu schonen und die Variabilität der Eintreffzeiten bei Hochrisikofällen zu verringern. In diesem Sinne leistet die zentrale Notrufbearbeitung einen direkten Beitrag zur Versorgungsqualität und Systemresilienz.

Die klinische Relevanz dieser frühen Phase zeigt sich besonders deutlich beim außerklinischen Herzstillstand. Das Überleben hängt hier kritisch vom Zeitintervall zwischen Kollaps und Beginn der kardiopulmonalen Reanimation ab. Die dispatchergestützte Telefonreanimation hat sich als evidenzbasierte Schlüsselintervention in diesem Zeitfenster etabliert. In einem wissenschaftlichen Statement konnten Lerner et al. zeigen, dass strukturierte Reanimationsanleitungen durch Disponenten die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Laienreanimation erhöhen und das Überleben verbessern (2012; doi: 10.1161/CIR.0b013e31823ee5fc). Eine nachfolgende systematische Übersichtsarbeit von Eberhard et al. bestätigte einen Zusammenhang zwischen dispatchergestützter Reanimation und verbessertem neurologisch intakten  Überleben nach einem außerklinischen Herzstillstand (2021; doi: 10.1186/s13049-021-00875-5).

Ähnliche Prinzipien gelten für weitere zeitkritische Notfälle. Beim akuten Schlaganfall beeinflusst die frühe Erkennung während des Notrufs die präklinische Priorisierung und den Zugang zu Reperfusionsstrategien. Beim Polytrauma bestimmen die frühzeitige Identifikation von Hochrisikomechanismen und physiologischer Gefährdung Entscheidungen über die Aktivierung des Traumateams.

In der Trauma- und Notfallversorgung wird zunehmend Aufmerksamkeit auf das Konzept des „Zero-Point Survey" gelegt, definiert als kognitive und logistische Vorbereitung vor dem direkten Patientenkontakt. Im europäischen Notfallsystem ermöglicht der 112-Anruf diesen Prozess, indem strukturierte Informationen von der Leitstelle bereits vor Eintreffen an die Rettungsteams übermittelt werden. Präzise Angaben zum Unfallhergang, zu physiologischer Gefährdung, zum Einsatzort sowie Situationskontext ermöglichen es Rettungsteams, ein Zero-Point Survey vor Ankunft durchzuführen. Mentale Vorbereitung, Ressourcenplanung und klinische Priorisierung erfolgen damit bereits vor dem ersten Patientenkontakt.

Der European Resuscitation Council (ERC) erkennt Leitstellen und die frühe Notrufbearbeitung explizit als integrale Bestandteile von „systems saving lives" an und betont, dass Behandlungsergebnisse von der gesamten Rettungskette und nicht von klinischen Einzelmaßnahmen geprägt werden (ERC Guidelines, 2021). In diesem Rahmen ist der Notruf kein reiner administrativer Schritt, sondern eine frühe klinische Intervention mit messbaren Konsequenzen.

Digitale Unterstützung und künstliche Intelligenz unterstützen Entscheidungsfindung

Die klinische Wirkung des 112-Systems wird zunehmend durch digitale Technologien beeinflusst, die darauf abzielen, Unsicherheiten und Verzögerungen in den frühesten Phasen der Notfallversorgung zu reduzieren. Eines der relevantesten Beispiele ist die weitverbreitete Implementierung der Advanced Mobile Location (AML), das die automatische Übermittlung von Standortdaten des Anrufers vom Smartphone an die Leitstelle ermöglicht. Zwar ändert AML keine klinischen Prioritäten, verkürzt aber die Zeit zwischen Notrufeingang und Alarmierung und ermöglicht damit einen früheren medizinischen Kontakt.

Aktuelle Diskussionen auf europäischer Ebene, unterstützt durch die European Emergency Number Association (EENA), haben die Bedeutung einer hochpräzisen Ortung auch bei Roaming-Anrufen hervorgehoben. Aus klinischer Sicht stärkt diese Entwicklung die Versorgungskontinuität: Ein Patient, der im Ausland die 112 anruft, sollte denselben Notfallpfad durchlaufen wie ein Einheimischer, sodass Ärzte in Grenzregionen Patienten aufnehmen können, deren präklinische Triage und Ortung klinisch zuverlässig sind – unabhängig von Nationalität oder Sprache.

Aufbauend auf dieser digitalen Infrastruktur etabliert sich künstliche Intelligenz als ergänzendes Werkzeug in der Notrufbearbeitung und Disposition. Aktuelle Anwendungen konzentrieren sich auf Entscheidungsunterstützung statt Automatisierung und zielen darauf ab, Disponenten bei der Anrufklassifizierung, Priorisierung und Erkennung lebensbedrohlicher Muster unter Bedingungen hoher kognitiver Belastung und Zeitdruck zu unterstützen. In der präklinischen Notfallversorgung werden KI-gestützte Systeme erforscht, um Konsistenz zu verbessern, Variabilität zu reduzieren und die menschliche Entscheidungsfindung in großem Maßstab zu unterstützen. Wichtig ist: Diese Werkzeuge sollen klinisches Urteilsvermögen nicht ersetzen, sondern bestärken, indem sie strukturierte Unterstützung in einem zunehmend komplexen operativen Umfeld bieten.

Aus klinischer Perspektive spiegelt die Integration digitaler Tools und KI in das 112-System einen umfassenden Wandel der Notfallmedizin hin zu systembasierter Versorgung wider. Die Behandlungsergebnisse bei akuten Erkrankungen werden nicht nur durch innerklinische Expertise bestimmt, sondern durch die Leistungsfähigkeit des gesamten Notfallpfades – beginnend mit dem ersten Anruf. Das Verständnis, wie frühe Triage, dispatchergestützte Interventionen und digitale Entscheidungsunterstützung zusammenwirken, ist daher für Ärzte aller Fachrichtungen von grundlegender Bedeutung.

In diesem Kontext sollte der Notruf über die 112 als erste therapeutische Maßnahme in der europäischen Notfallversorgung betrachtet werden – zunehmend geprägt durch evidenzbasierte Protokolle und intelligente Systeme, mit Auswirkungen, die weit über den Moment der Anrufannahme hinausreichen.

Quellen:
  1. European Commission. 2024 report on the implementation of the EU emergency number 112. Brussels: European Commission; 2024.
  2. Lerner EB, Rea TD, Bobrow BJ, Acker JE 3rd, Berg RA, Brooks SC, Cone DC, Gay M, Gent LM, Mears G, Nadkarni VM, O'Connor RE, Potts J, Sayre MR, Swor RA, Travers AH; American Heart Association Emergency Cardiovascular Care Committee; Council on Cardiopulmonary, Critical Care, Perioperative and Resuscitation. Emergency medical service dispatch cardiopulmonary resuscitation prearrival instructions to improve survival from out-of-hospital cardiac arrest: a scientific statement from the American Heart Association. Circulation. 2012 Jan 31;125(4):648-55. doi: 10.1161/CIR.0b013e31823ee5fc. Epub 2012 Jan 9. PMID: 22230482.
  3. Eberhard KE, Linderoth G, Gregers MCT, Lippert F, Folke F. Impact of dispatcher-assisted cardiopulmonary resuscitation on neurologically intact survival in out-of-hospital cardiac arrest: a systematic review. Scand J Trauma Resusc Emerg Med. 2021 May 24;29(1):70. doi: 10.1186/s13049-021-00875-5. PMID: 34030706; PMCID: PMC8147398.
  4. Semeraro F, Greif R, Böttiger BW, Burkart R, Cimpoesu D, Georgiou M, Yeung J, Lippert F, S Lockey A, Olasveengen TM, Ristagno G, Schlieber J, Schnaubelt S, Scapigliati A, G Monsieurs K. European Resuscitation Council Guidelines 2021: Systems saving lives. Resuscitation. 2021 Apr;161:80-97. doi: 10.1016/j.resuscitation.2021.02.008. Epub 2021 Mar 24. PMID: 33773834.
  5. European Emergency Number Association (EENA). Advanced Mobile Location (AML): improving caller location accuracy for emergency communications. Brussels: EENA; updated 2024.