Adipositas als Infektionsrisikofaktor

Übergewicht macht krank – das ist bekannt. Aber wie stark es das Risiko für schwere Infektionen in die Höhe treibt, zeigt jetzt erstmals eine Studie mit über 540.000 Teilnehmenden. Die Zahlen sind deutlicher als erwartet.

Das Wichtigste auf einen Blick:

Adipositas (Body-Mass-Index (BMI) ≥ 30 kg/m²) war im Vergleich zu Normalgewicht mit einem etwa 70 % höheren Risiko für eine schwere Infektion verbunden.

Zur Studie

Die Zahl der Erwachsenen mit Übergewicht und Adipositas nimmt weltweit zu. Spätestens seit der COVID-19-Pandemie ist zudem klar, dass Menschen mit Adipositas bei Infektionen häufiger schwere Verläufe mit Krankenhausaufenthalt und erhöhter Sterblichkeit haben können. Auch vor der Pandemie gab es bereits Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Adipositas und schweren Infektionen – allerdings häufig bezogen auf einzelne Infektionskrankheiten.

Die vorliegende prospektive Multikohorten-Studie untersuchte nun systematisch, ob ein höherer BMI über ein breites Spektrum von Infektionskrankheiten mit einem erhöhten Risiko für schwere Infektionen verbunden ist. Zusätzlich schätzen die Autoren auf Basis internationaler Gesundheitsdaten, welchen Anteil infektionsbedingter Todesfälle man rechnerisch der Adipositas zuschreiben könnte.

Endpunkte und Datengrundlage

Für die Analyse wurden zwei finnische Kohortenstudien (FPS und HeSSup; Start 1998–2002) mit der UK Biobank-Kohorte (Start 2006–2010) kombiniert. Der Body-Mass-Index wurde zu Beginn erhoben und die Studienpopulation in Normalgewicht, Übergewicht sowie Adipositas Grad I–III (Grad I: BMI 30,0–34,9 kg/m², Grad II: 35,0–39,9 kg/m², Grad III: ≥ 40,0 kg/m²) eingeteilt. Anschließend wurden die beiden Endpunkte „stationäre Krankenhausaufnahme aufgrund einer Infektionserkrankung“ sowie „infektionsbezogene Todesfälle“ über nationale Register erfasst.

Die Autoren werteten insgesamt 925 Infektionsdiagnosen aus, klassifiziert nach akut oder chronisch und nach Art des Pathogens (bakteriell, viral, parasitär, pilzbedingt). Zusätzlich wurden zehn spezifische Infektionskrankheiten gesondert betrachtet, darunter Pneumonie, Influenza, akute Pharyngitis/Tonsillitis, untere Atemwegsinfekte, Harnwegsinfektionen, gastrointestinale Infektionen, Haut- und Weichteilinfektionen, HIV, Tuberkulose und, in der UK Biobank, COVID-19.

Je höher der BMI, desto höher das Risiko

In den finnischen Kohorten (n = 67.766) traten über etwa 14 Jahre Nachbeobachtung 8.230 schwere Infektionen auf, in der UK-Biobank-Kohorte (n = 479.498) über etwa 12,6 Jahre 81.945.

Beide Datensätze zeigten ähnliche Trends bezüglich eines höheren Risikos bei steigendem BMI: 

Effekte nicht auf eine Krankheit beschränkt

Die Ergebnisse waren nicht auf einzelne Diagnosen begrenzt: Der Zusammenhang zeigte sich über ein breites Spektrum an Infekten und alle Erregertypen. In den separat betrachteten Infektionserkrankungen fiel auf, dass besonders Haut- und Weichteilinfektionen stark mit Adipositas verknüpft waren (HR 2,8). Interessanterweise ergab sich für HIV und Tuberkulose dagegen kein Hinweis auf ein erhöhtes Risiko. Die Autoren erklären dies mit einer möglichen Umkehrkausalität: Da beide Erkrankungen häufig mit deutlichem Gewichtsverlust einhergehen, wird der statistische Zusammenhang durch diesen Umstand verschleiert.

Ergänzend übertrugen die Autoren ihre Ergebnisse auf weltweite Sterbedaten. Hieraus ergab sich die rechnerische Schätzung, dass Adipositas bei ungefähr jedem zehnten infektionsbedingten Todesfall eine Rolle spielen könnte.

Mögliche Ursachen

Die Studienautoren nennen einige anatomische, metabolische und immunologische Veränderungen, die mit Adipositas assoziiert werden und die Abwehr schwächen könnten. Die mögliche Folge: schwere Infektverläufe werden begünstigt.

Zu den möglichen Mechanismen zählen:

Quelle:
  1. Nyberg ST, Frank P, Ahmadi-Abhari S, et al. Adult obesity and risk of severe infections: a multicohort study with global burden estimates. The Lancet. Veröffentlicht online am Februar 2024. doi:10.1016/S0140-6736(25)02474-2.