Antivirulenztherapie: Neue Wege jenseits des Antibiotikums

Was tun, wenn Antibiotika versagen? Auf dem DGIM 2026 wurden Antivirulenztherapien und monoklonale Antikörper als vielversprechende Alternativen gegen multiresistente Erreger wie Pseudomonas und Klebsiella diskutiert.

Das Wichtigste auf einen Blick

Antivirulenztherapien sollen nicht das Bakterium direkt abtöten, sondern seine krankmachenden Eigenschaften blockieren.

  • Zielstrukturen sind Toxine, Adhäsionsmechanismen, Biofilmbildung und andere Virulenzfaktoren.
  • Der Ansatz könnte den Selektionsdruck geringer halten als klassische bakterizide Therapien.
  • Zudem erscheint eine Kombination mit Antibiotika sinnvoll.
  • Präklinische Daten zu monoklonalen Antikörpern gegen Klebsiella pneumoniae und Pseudomonas aeruginosa sind vielversprechend.

Warum neue Therapieansätze nötig sind

Seit Einführung der Antibiotika lässt sich für praktisch jede Substanzklasse früher oder später eine Resistenzentwicklung beobachten. Das gilt nicht nur für ältere Antibiotika, sondern inzwischen auch für neuere Kombinationen. Der therapeutische Spielraum wird dadurch kleiner.

Hinzu kommt noch ein zweites Problem: Seit Jahren gibt es kaum neue Antibiotikaklassen. Meist werden bekannte Wirkprinzipien weiterentwickelt, grundlegend neue Strategien entstehen dagegen kaum.

Umso mehr rücken alternative, gezieltere Therapieansätze in der präklinischen Forschung in den Fokus. Untersucht werden hier nicht nur neue antibakterielle Substanzen, sondern auch Phagen, Immunmodulatoren und Verfahren, die gezielt an Virulenzfaktoren der Erreger ansetzen. Im Vortrag wurde aus diesem Spektrum vor allem die Antivirulenztherapie eingegangen.

Antivirulenztherapie als neue Option?

Bei dieser Behandlungsform geht es nicht darum, in erster Linie Bakterien abzutöten. Ziel ist vielmehr, krankmachende Eigenschaften des Erregers zu blockieren. Dazu zählen etwa Adhäsionsmechanismen, Toxine, Biofilmbildung oder andere Virulenzfaktoren. Die Grundidee ist, die Pathogenität des Erregers zu senken und damit dem Immunsystem bessere Voraussetzungen für die Kontrolle der Infektion zu geben. Zugleich könnte der Selektionsdruck geringer sein als unter klassischen bakteriziden Therapien. Auch synergistische Effekte in Kombination mit Antibiotika erscheinen möglich.

Antikörper gegen Klebsiella und Pseudomonas

Ein konkreter Ansatz innerhalb dieser Strategie sind monoklonale Antikörper. Sie können bakterielle Oberflächenstrukturen sowie Toxine binden, Immunzellen und das Komplementsystem aktivieren und so gezielt in die Infektionspathogenese eingreifen. 

Ein präklinisches Beispiel aus der Forschung zu Klebsiella pneumoniae zeigte, welche Effekte sich mit diesem Ansatz erzielen lassen. In der Toskana kam es zu einem Ausbruch eines hochresistenten Stammes mit ausgeprägter Virulenz – die 30-Tages-Mortalität betrug fast 40 %. Aus B-Zellen von Patienten, die eine solche Infektion überlebt hatten, konnten Antikörper isoliert werden, die an Kapsel- und Oberflächenstrukturen des Erregers banden. Im präklinischen Modell zeigten diese Antikörper bakterizide Effekte im Beisein von Komplementfaktoren sowie eine protektive Wirkung im Mausmodell. 

Ein weiterer Schwerpunkt der Forschung ist die Entwicklung monoklonaler Antikörper gegen Pseudomonas aeruginosa. Hier stehen Patienten mit Mukoviszidose im Fokus, die durch langjährige chronische Infektionen eine ausgeprägte Antikörperantwort entwickeln können. Aus einzelnen B-Zellen dieser Patienten lassen sich hochwirksame Antikörper gewinnen. Ziel ist unter anderem das Typ-III-Sekretionssystem von Pseudomonas, über das gewebeschädigende Toxine in Wirtszellen eingeschleust werden. Wie effektiv diese Antikörper sein können, ließ sich bereits am Mausmodell demonstrieren.

Fazit

Der Vortrag machte deutlich, dass es im Umgang mit resistenten Keimen ein Umdenken braucht: weg vom reinen Breitband-Antibiotikum, hin zu gezielteren pathogen- und indikationsspezifischen Therapien. Antivirulenzstrategien, etwa mit monoklonalen Antikörpern, sind noch keine klinische Realität und dürften zunächst schweren Infektionen vorbehalten bleiben. Die präklinischen Daten zeigen jedoch, dass sie das Potenzial haben, die antiinfektive Therapie künftig sinnvoll zu ergänzen.

Quelle
  1. Simonis, Alexander (Köln). Vortrag: Neue Methoden zur Bekämpfung problematischer Krankenhauskeime. Sitzung: Medizin im Wandel – Herausforderungen von der Mikrobenbekämpfung bis zum ärztlichen Berufsbild. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) 2026, Wiesbaden, 18.04.2026.