Nicht-antibiotische Medikamente (NAMs) können direkte antibakterielle Wirkungen aufweisen (z.B. Statine) oder die Entwicklung von Kreuzresistenzen fördern (z.B. bestimmte nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)). Bakterien können außerdem durch die Aufnahme von Plasmiden zusätzliche Resistenzmechanismen erwerben. Dieser als Transformation bezeichnete Prozess kann etwa durch Diclofenac gefördert werden. Wiederum andere NAMs tragen zur Resistenzentwicklung bei, weil sie vom Körper nicht vollständig abgebaut werden können und ins Abwasser gelangen; dies trifft zum Beispiel auf einige Antibiotika wie Ciprofloxacin oder Nicht-Antibiotika wie Tramadol zu.1
Die Problematik der Mehrfachmedikation ist besonders relevant bei älteren Patienten, bei denen sowohl NAMs als auch Antibiotika häufig zum Einsatz kommen. Ein australisches Forscherteam untersuchte daher neun häufig in Altenpflegeeinrichtungen verwendete Wirkstoffe (Ibuprofen, Diclofenac, Paracetamol, Furosemid, , Atorvastatin, Tramadol, Temazepam sowie Pseudoephedrin in klinisch relevanten Konzentrationen im ) und deren Einfluss auf die Mutationshäufigkeiten bei E. coli in Gegenwart des Fluorchinolons Ciprofloxacin. Es wurde gewählt, weil Ciprofloxacin ein bekannter Mutationsauslöser ist und oft zur Behandlung von Harnwegsinfektionen verordnet wird, die zu den häufigsten bakteriellen Infektionen zählen.1
Erhöhte Mutationsrate und Anhäufung von Mutationen
Die Ergebnisse erschienen Ende August in ‘Nature'. Ibuprofen und Paracetamol erhöhten die Mutationshäufigkeit signifikant und bewirkten insbesondere eine hohe Ciprofloxacin-Resistenz. Die minimalen Hemmkonzentrationen (MHK) für diesen Wirkstoff stiegen um das 32-Fache. Diclofenac und Furosemid hatten einen analogen Effekt. Eine gleichzeitige Exposition gegenüber zwei NAMs erhöhte die Mutationsraten und die Ciprofloxacin-Resistenz weiter.1
Mittels Gesamt-Genom-Sequenzierung (Whole Genome Sequencing, WGS) konnten die Wissenschaftler zwei Arten von relevanten Mutationen bei den E. coli-Stämmen identifizieren. Zum einen kam es zu einer Veränderung des Targets für Ciprofloxacin, sodass es wirkungslos wurde. Die zweite Art der Mutation resultierte in einer Zunahme der Arzneimittel-Effluxpumpen, welche viele verschiedene Antibiotika aus einer Bakterienzelle ausschleusen, sodass keine toxischen Konzentrationen erreicht werden. Diese Art der Mutation ist für NSARs vorbekannt und besonders problematisch, da sie eine Resistenz gegen verschiedenste Antibiotika verleiht, betonen die Autoren.2 Die Mutanten wiesen eine verringerte Empfindlichkeit gegenüber mehreren Wirkstoffen (≥4-fach) auf; neben Ciprofloxacin waren dies β-Lactam-Antibiotika (Amoxicillin, Ceftazidim, Meropenem) sowie Levofloxacin und Minocyclin, welche allesamt Substrate einer solchen Effluxpumpe sind, die mehrere Klassen von Antibiotika eliminieren kann.
Einer weiteren Arbeit zufolge können auch Antidepressiva wie Fluoxetin, Sertralin und Duloxetin Multiresistenzen durch den Erwerb von Mutationen auslösen.3 Künftige Studien sollen weitere Medikamente untersuchen, die häufig zusammen mit Antibiotika verabreicht werden und für die ebenfalls der Verdacht besteht, dass sie die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen anheizen, wie beispielsweise .2
- Chen, H., Sapula, S. A., Turnidge, J. & Venter, H. The effect of commonly used non-antibiotic medications on antimicrobial resistance development in Escherichia coli. npj Antimicrob Resist 3, 73 (2025).
- Painkillers linked to antimicrobial resistance. Medicine Today 11.
- Wang, Y. et al. Antidepressants can induce mutation and enhance persistence toward multiple antibiotics. Proc Natl Acad Sci U S A 120, e2208344120 (2023).