Fasten, glutenfreie Ernährung, Kurkuma oder Weihrauch: Viele Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen haben bereits eigene Erfahrungen gesammelt, bevor sie in der Praxis oder Klinik vorstellig werden. Genau darin sieht Dr. Stange eine zentrale Herausforderung. Denn positive Images einzelner Maßnahmen ersetzen keine individuelle Bewertung des Krankheitsverlaufs.
Im Interview beschreibt er, warum Ärzte die Erfahrungen ihrer Patienten ernst nehmen sollten – ohne unkritisch jede Selbsttherapie zu bestätigen. Entscheidend sei die professionelle Einordnung: Was hilft tatsächlich? Was kostet nur Disziplin, ohne klinischen Nutzen?
Besonders klar positioniert sich Stange bei der Integration naturheilkundlicher Verfahren in die reguläre Versorgung. Physikalische Therapien wie Ganzkörper-Kältetherapie, Ergotherapie oder Reha-Maßnahmen seien in der Rheumatologie weiterhin hochrelevant – auch im Zeitalter moderner Biologicals.
Er warnt davor, Therapieerfolg allein an Laborwerten festzumachen. Funktionalität, Belastbarkeit und langfristige Teilhabe müssten stärker in den Fokus rücken. Gerade im Alltag chronisch kranker Patienten seien diese Faktoren oft entscheidender als einzelne Entzündungsparameter.
Ein Schwerpunkt des Gesprächs ist die Diskrepanz zwischen öffentlicher Erwartung und tatsächlicher Evidenz. Stange spricht offen über Studien mit enttäuschenden Ergebnissen und erklärt, warum sich Ernährungstherapien kaum pauschal bewerten lassen.
Sein Ansatz ist pragmatisch: Nicht jede Maßnahme müsse einen spektakulären Effekt haben. Mehrere moderate Therapiebausteine könnten sich klinisch sinnvoll ergänzen. Gleichzeitig brauche es eine ehrliche Kommunikation darüber, wo Nutzen wissenschaftlich belegt ist – und wo nicht.
Besonders relevant für den Praxisalltag: der Umgang mit Patienten, die über Jahre sehr konsequente Ernährungsregeln verfolgen, ohne objektiv davon zu profitieren. Dr. Stange beschreibt, wie schwierig es sein kann, fest verankerte Überzeugungen behutsam zu hinterfragen.
Das Interview zeigt, wie Ärzte therapeutische Sicherheit und Selbstwirksamkeit miteinander verbinden können – ohne Patienten zu bevormunden oder riskante Entwicklungen zu ignorieren.
Auch Risiken und Grenzen werden konkret angesprochen. Gerade bei rheumatologischen Patienten mit starkem Gewichtsverlust oder niedrigen BMI-Werten könne Fasten problematisch werden. Dr. Stange erläutert, bei welchen Warnzeichen Ärzte aufmerksam werden sollten und warum die Indikationsstellung immer individualisiert erfolgen muss.
Das Gespräch liefert damit nicht nur eine Einordnung aktueller Evidenz, sondern auch konkrete Orientierung für den klinischen Alltag zwischen Patientenwunsch, Erwartungsdruck und therapeutischer Verantwortung.
Dieser Artikel entstand im Rahmen des 132. DGIM-Kongresses. Weitere Highlights vom DGIM 2026 finden Sie in unserer Kongressberichterstattung.