Ist zu viel Sport gefährlich für das Herz?

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie steigt das Risiko einer Koronarverkalkung mit zunehmender körperlicher Aktivität an. Erhöht zu viel Bewegung das kardiovaskuläre Risiko?

Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Koronarverkalkung gefunden

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie steigt das Risiko einer Koronarverkalkung mit zunehmender körperlicher Aktivität an. Erhöht zu viel Bewegung das kardiovaskuläre Risiko?

Ausreichend Sport schützt vor kardiovaskulären Erkrankungen. Dieser Tipp wird vielen Menschen im Praxisalltag mit auf den Weg gegeben. Schließlich existieren viele Studien, in denen körperliche Aktivität einen kardioprotektiven Effekt aufweist. Überraschend kamen da die Daten einer 2017 veröffentlichten Studie. Sie zeigte, dass Profi-Ausdauersportler einen höheren koronaren Kalziumscore (CAC-Score) aufwiesen als vergleichbare inaktive Menschen. Dies könnte sich negativ auf ihr kardiovaskuläres Risiko auswirken. Es ist bis jetzt unklar, ob dies nur für Spitzensportler gilt oder ob auch Menschen, die nur moderat Sport treiben, von einer stärkeren Koronarverkalkung betroffen sein könnten. Weiterhin ist nicht geklärt, ob körperliche Aktivität auch einen Effekt auf den CAC-Score in der Zukunft hat. Um diese Fragen zu beantworten, führte ein Wissenschaftsteam um Dr. Sung aus der Universitätsklinik in Seoul, Südkorea, eine prospektive Kohortenstudie mit über 25.000 jungen Koreanern durch.

Kohortenstudie mit 25.000 Menschen

Die Forschenden nutzten die Daten der Kangbuk Samsung Health Study, die den Gesundheitszustand von Koreanen über mehrere Jahre hinweg dokumentierte. Das Durchschnittsalter der Probanden lag bei 42 Jahren und 89% waren männlich. Um den Zusammenhang zwischen Koronarverkalkung und körperlicher Aktivität zu untersuchen, wurden nur Individuen berücksichtigt, die über 30 Jahre alt waren, mehrere CAC Messungen aufwiesen sowie einen Fragebogen zu körperlicher Aktivität beantwortet hatten. Anhand des Fragebogens wurden die StudienteilnehmerInnen in mehrere Gruppen eingeteilt: körperlich inaktiv (kein Sport), moderat aktiv (≥ 3 Tage intensiver Sport für mehr als 20 min oder ≥ 5 Tage moderater Sport oder Spazierengehen für mindestens 30 Minuten mit ≥ 600 metabolische Äquivalent [MET]-min pro Woche) und sehr aktiv (≥ 3 Tage intensiver Sport mit 1.500 MET-min pro Woche oder 7 Tage lang jeglichen Sport mit 3.000 MET-min pro Woche). Menschen mit bekannter koronarer Herzkrankheit wurden nicht eingeschlossen.

Die Forschenden untersuchten dann anhand eines linearen Mixed Models, ob es einen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und dem CAC-Score gab. Dabei adjustierten sie ihre Ergebnisse nach typischen Confoundern wie Body Mass Index, Lipidprofil, Blutdruck etc.

Sportlich sehr aktive Menschen haben höheren CAC-Score

Der Anteil von körperlich inaktiven, moderat aktiven, oder sehr aktiven Menschen lag bei je 47%, 38% und 15%. Probanden mit starker körperlicher Aktivität waren älter, eher Nichtraucher und wiesen ein besseres Lipidprofil auf. Es zeigte sich, dass körperlich sehr aktive Menschen zu Beginn der Untersuchung einen signifikant höheren CAC-Score als inaktive Menschen besaßen (12,0 versus 9,5). Dieser verschlechterte sich innerhalb der nächsten 5 Jahre nochmals signifikant auf 35,1 und lag damit höher als der CAC-Score von 24,3 bei inaktiven Probanden. Ähnliche Ergebnisse fanden sich für die moderat aktive Gruppe.

In einer Subgruppen-Analyse wurden daraufhin Patienten mit positiven bzw. negativem CAC-Score bei Studieneinschluss analysiert. Hier fand sich bei Personen mit initial positivem CAC-Score initial kein Unterschied in Bezug auf körperliche Aktivität. Nach 5 Jahren wiesen jedoch auch hier die Probanden, die am meisten Sport trieben, einen signifikant stärkeren Anstieg des CAC-Scores auf als die inaktiven (+90,9 versus +75,9). Bei Patienten mit initial unauffälligem CAC-Score zeigte sich nach 5 Jahren eine stärkere Zunahme bei den aktivsten der Kohorte im Vergleich zu den Inaktiven.

Kein Kausalzusammenhang

Die Studie zeigt, dass körperliche Aktivität mit einem höheren Risiko für koronare Verkalkung assoziiert ist. Dies trifft sowohl auf Menschen ohne als auch mit messbarer Koronarverkalkung bei Studieneinschluss zu. Dieser Zusammenhang wurde bereits in früheren Studien berichtet. Neu an dieser Untersuchung ist, dass auch moderat körperlich aktive Menschen einen leicht höheren CAC-Score haben und sich dieser durch weitere körperliche Aktivität wiederum stärker erhöhen kann als bei inaktiven Menschen.

Aufgrund des Studiendesigns können die ForscherInnen keinen Kausalzusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Koronarkalk bilden. Sie schreiben, dass ihre Studie nicht missinterpretiert werden soll nach dem Motto, dass Sport gefährlich für das Herz sei. Vielmehr sollte der Effekt körperlicher Aktivität auf den CAC-Score im klinischen Alltag mehr berücksichtigt werden, um das kardiovaskuläre Risiko eines Patienten bzw. einer Patientin weiter zu reduzieren.

Eine Erklärung für den beobachteten Zusammenhang gibt es nicht. Die Forscher spekulieren, dass starke körperliche Aktivität zu einer Stressreaktion in den Koronargefäßen führen könnte, was eine Atherosklerose der Koronarien begünstigt. Alternativ könnte Sport den Grad der Koronarverkalkung erhöhen, ohne das kardiovaskuläre Risiko zu beeinflussen. So wird vermutet, dass stärker kalzifizierte Plaques, die mit einem erhöhten CAC-Score einhergehen, mechanisch stabiler sind und damit vor einem Herzinfarkt schützen könnten. Welche Vermutung korrekt ist, können nur weitere Studien mit harten Endpunkten wie z. B. kardiovaskulären Events klären. Weiterhin ist zu beachten, dass die Studie ausschließlich mit Koreanern durchgeführt wurde. Ob sich die Ergebnisse auch hierzulande anwenden lassen, ist unklar.

Quellen:
Sung et al. Physical activity and the progression of coronary artery calcification. Heart 2021; 0:1–7.

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