Eule oder Lerche: Wie der Chronotyp das Herzrisiko beeinflusst

Wer abends lieber lange wach bleibt, trägt möglicherweise ein deutlich höheres Herzrisiko – das zeigt eine Großstudie der Harvard Medical School. Die gute Nachricht: Die innere Uhr muss gar nicht umgestellt werden - doch was stattdessen?

Chronotyp und gesundheitliche Risiken:

  • Im Vergleich zu Personen mit einem intermediären Chronotyp haben Erwachsene mit einem Abend-Chronotyp aufgrund der Diskrepanz zwischen innerer Uhr und sozialen Zeitgebern ein höheres Risiko für circadiane Fehlausrichtungen („social jetlag“).
  • Diese Unstimmigkeiten im circadianen Rhythmus begünstigen vermutlich ungesunde Lebensgewohnheiten wie unregelmäßige Schlafmuster, ungünstige Ernährung, höheren Alkoholkonsum und Rauchen.
  • Darüber hinaus kann eine circadiane Fehlausrichtung zu einer Dysregulation des Blutdrucks, des Glukosespiegels und des Lipidprofils führen.
  • Schließlich werden circadiane Störungen und der Abend-Chronotyp mit einem erhöhten Risiko für Stimmungsstörungen und psychische Belastungen, einschließlich Depressionen und Angstzuständen, in Verbindung gebracht.

Chronotyp ist genetisch determiniert 

Der Chronotyp spiegelt die angeborenen circadianen Präferenzen wider und zeigt sich durch einen individuellen Schlaf-Wach-Rhythmus. Etwa 8-11 % der Erwachsenen weisen einen Abend-Chronotyp auf, der durch eine späte Schlafenszeit sowie eine spätere Tagesaktivität gekennzeichnet ist. Etwa 24-35 % haben einen Morgen-Chronotyp mit früheren Schlafenszeiten und einem erhöhten Aktivitätsniveau in der frühen Tageshälfte. Der Rest liegt dazwischen (intermediärer Chronotyp).

Forscher der Harvard Medical School in Boston haben den Chronotyp von 322.777 Teilnehmern der UK-Biobank im Alter von 39-74 Jahren ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestimmt und mit der kardiovaskulären Gesundheit abgeglichen. Dafür verwendeten sie den Life’s Essential 8-Score der American Heart Association (AHA), der acht Risikofaktoren enthält:

  • vier Verhaltensfaktoren (Ernährung, körperliche Aktivität, Nikotinkonsum, Schlaf) sowie
  • vier klinische Parameter (Körpergewicht, Blutfette, Blutzucker und Blutdruck).

Der Score reicht von 0-100, wobei höhere Werte eine bessere kardiovaskuläre Gesundheit anzeigen. Ein Gesamtwert unter 50 Punkten wurde als ungünstig definiert. Als weiterer Endpunkt dienten neu auftretende kardiovaskuläre Ereignisse wie ein Myokardinfarkt oder Schlaganfall.

Hohes kardiovaskuläres Risiko bei nachtaktiven Frauen

Teilnehmer mit einem Abend-Chronotyp wiesen im Vergleich zum intermediären Typ eine um 79 % höhere Prävalenz eines insgesamt schlechten kardiovaskulären Gesundheitsprofils auf (LE8-Score < 50), während sie bei Morgenmenschen um 5 % geringer war. Bei Frauen war dieser Zusammenhang noch deutlicher als bei Männern (Prävalenzverhältnis 1,96 bei Frauen vs. 1,67 bei Männern).

Dabei ist wohl weniger der Chronotyp selbst als vielmehr das damit verbundene Verhalten für die schädlichen gesundheitlichen Effekte verantwortlich: Mediationsanalysen zeigten, dass sich rund 75 % des erhöhten kardiovaskulären Risikos von Abendmenschen durch ein ungünstiges Gesundheitsverhalten erklären lässt - allen voran Nikotinkonsum und unzureichender Schlaf, gefolgt von ungünstiger Ernährung.

Nachtmenschen müssten demnach nicht unbedingt ihre innere Uhr umstellen, um ihr kardiovaskuläres Risiko zu minimieren, sondern sich schlicht gesünder ernähren und verhalten – ein Rat, der für Eulen und Lerchen gleichermaßen gilt.

Quelle:
  1. Kianersi S et al., Chronotype, Life’s Essential 8, and Risk of Cardiovascular Disease: A Prospective Cohort Study in UK Biobank. J Am Heart Assoc 2026, DOI: 10.1161/JAHA.125.044189.