KI im Arztbrief: Wo Kardiologen heute wirklich Zeit sparen – und wo es gefährlich wird

Arztbriefe, Literaturrecherche, Datenstrukturierung: KI-Chatbots halten längst Einzug in die kardiologische Routine. Doch zwischen Effizienzgewinn und Haftungsrisiko verläuft eine schmale Linie.

KI-Chatbots: Praktische Hilfe statt autonomer Assistent

KI-Chatbots können den klinischen Alltag bereits heute spürbar entlasten – etwa bei der Strukturierung von Arztbriefen, der sprachlichen Überarbeitung medizinischer Texte oder bei organisatorischen Routineaufgaben. Gerade unter wachsendem Zeitdruck entsteht hier ein konkreter Effizienzgewinn.

Dr. Johanna Tennigkeit macht jedoch klar: KI darf nicht mit medizinischer Entscheidungsautorität verwechselt werden. Therapieempfehlungen, klinische Bewertungen oder patientenrelevante Entscheidungen bleiben ärztliche Aufgaben. Denn jedes Ergebnis muss fachlich geprüft werden – inklusive möglicher Fehlinterpretationen oder sogenannter Halluzinationen.

Arztbriefschreibung: Zeitgewinn nur mit Kontrolle

Besonders in der Arztbriefschreibung sehen viele Kliniker derzeit großes Potenzial. KI kann Texte strukturieren, sprachlich glätten und formale Qualität verbessern. Genau hier setzt Dr. Tennigkeit KI im Alltag bereits ein.

Gleichzeitig beschreibt sie eine spürbare Zurückhaltung unter Ärzten – vor allem wegen rechtlicher Unsicherheiten und möglicher Haftungsfragen. Entscheidend sei deshalb ein klar definierter Workflow: KI kann unterstützen, aber nicht eigenständig formulierte Inhalte ungeprüft in die Patientenversorgung überführen.

Sind Prozesse sauber etabliert, hält Dr. Tennigkeit eine Zeitersparnis von bis zu 20 % für realistisch.

Literaturrecherche: Schneller Überblick – aber keine Abkürzung zur Evidenz

Auch in Forschung und Fortbildung verändern KI-Tools die Arbeitsweise vieler Ärzte. Modelle wie ChatGPT, Perplexity oder Claude können große Mengen wissenschaftlicher Literatur in kurzer Zeit zusammenfassen und helfen, sich schnell in neue Themenfelder einzuarbeiten.

Gerade hier warnt Dr. Tennigkeit jedoch vor einem häufig unterschätzten Problem: KI-Systeme tendieren dazu, komplexe Evidenzlagen zu vereinfachen. Subgruppenanalysen, Limitationen oder klinisch relevante Nuancen werden häufig „glattgebügelt“.

Für Kardiologen bedeutet das: KI eignet sich hervorragend für den ersten Überblick – die kritische Bewertung der Studiendaten bleibt jedoch menschliche Kernkompetenz.

Arzt-Patienten-Kommunikation bleibt menschlich

Automatisch generierte Informationen könnten die Kommunikation mit Patienten künftig verändern. Dennoch sieht Dr. Tennigkeit eine klare Grenze: Die finale Kommunikation müsse menschlich bleiben.

Patienten erwarteten nicht nur Informationen, sondern Einordnung, Vertrauen und persönliche Interaktion. KI könne vorbereiten und unterstützen – das ärztliche Gespräch aber nicht ersetzen.

Die wichtigsten Red Flags beim KI-Einsatz

Zum Abschluss formuliert Dr. Tennigkeit zentrale Warnsignale für den Einsatz von KI in der kardiologischen Routine:

Ihr Fazit: KI wird die kardiologische Routine verändern – aber nicht die ärztliche Verantwortung ersetzen. Entscheidend ist nicht, ob KI genutzt wird, sondern wie reflektiert Ärzte sie in ihren Alltag integrieren.

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Dieser Artikel entstand im Rahmen der 92. DGK-Jahrestagung. Weitere Highlights finden Sie in unserer Kongressberichterstattung.