Die größte Veränderung der letzten Jahre sieht PD Dr. Philipp Breitbart nicht allein in der künstlichen Intelligenz, sondern in der Kombination aus KI und neuer CT-Hardware. Mit dem Photon-Counting-CT steht erstmals eine Technologie zur Verfügung, die deutlich mehr Bildinformationen liefert als frühere Scanner-Generationen.
Gerade in der kardialen CT ist das entscheidend: Das Herz bewegt sich permanent, die diagnostisch nutzbare Diastole dauert oft nur wenige Millisekunden. Moderne Systeme erfassen in dieser extrem kurzen Zeit deutlich mehr Bildinformationen – und schaffen damit die Grundlage für präzisere KI-Analysen.
Der entscheidende Unterschied: Die CT beantwortet heute nicht mehr nur die Frage nach einer relevanten Stenose. Zunehmend rücken koronare Atherosklerose, Placklast und Plackzusammensetzung in den Fokus.
Ein zentrales Thema des Interviews ist die wachsende Bedeutung der KI-gestützten Plackanalyse. Breitbart verweist auf Daten, die zeigen: Für das Langzeitrisiko vieler Patienten scheint die gesamte koronare Placklast teilweise prognostisch relevanter zu sein als die isolierte Frage nach einer >50%-Stenose.
Besonders kritisch wird es bei Patienten mit diffuser Plaquebelastung über mehrere Koronarsegmente hinweg. Selbst ohne hochgradige Stenosen kann das Risiko ähnlich hoch sein wie bei einer manifesten Dreigefäßerkrankung.
Die klinische Konsequenz: Prävention und LDL-Management könnten sich künftig stärker an Plackmorphologie und Plackverteilung orientieren – nicht mehr ausschließlich an lumeneinengenden Läsionen.
Im klinischen Alltag sieht Breitbart bereits konkrete Entlastungen durch KI:
Besonders relevant: Die visuelle Aufbereitung verbessert nicht nur die Befundung, sondern auch die Patientenkommunikation. Farbige 3D-Darstellungen der Koronarien erhöhen laut Breitbart häufig das Verständnis und die Therapieadhärenz.
Trotz aller Fortschritte warnt Breitbart vor einem zentralen Risiko: mangelnder Vergleichbarkeit.
Aktuell liefern unterschiedliche Softwarelösungen und Scanner teils deutlich abweichende Ergebnisse – selbst bei identischen Datensätzen. Sogar verschiedene Post-Processing-Algorithmen desselben Systems können unterschiedliche Plackwerte erzeugen.
Das erschwert:
Die Folge: Viele KI-basierte Analysen bewegen sich weiterhin im Übergang zwischen Forschung und klinischer Routine.
Breitbart plädiert klar gegen ein unkritisches Vertrauen in KI-Befunde. Fehler entstehen beispielsweise dann, wenn Segmentierungen der Gefäßwand minimal falsch gesetzt werden und dadurch Placks über- oder unterschätzt werden.
Deshalb bleibt die manuelle Plausibilitätskontrolle essenziell. Für Breitbart entsteht die eigentliche diagnostische Qualität erst aus der Kombination von:
Sein Vergleich: KI müsse in der Kardiologie betrachtet werden wie ein Autopilot im Cockpit – hilfreich, aber niemals ohne ärztliche Kontrolle.
Ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs: Ausbildung und Weiterbildung.
Wenn KI-Systeme zunehmend in Befundung und Risikobewertung eingreifen, müssen Kardiologen verstehen:
Die zentrale Botschaft des Interviews: KI ersetzt den Kardiologen nicht – sie erhöht die Anforderungen an klinische Einordnung, Kontrolle und Verantwortung.
Dieser Artikel entstand im Rahmen der 92. DGK-Jahrestagung. Weitere Highlights finden Sie in unserer Kongressberichterstattung.