Wie steht es um die Kritik an der NVL KHK? Entwicklungen und neue Perspektiven

Prof. Thiele von der DGK gibt ein Update zur Kritik an der nationalen Versorgungsleitlinie für koronare Herzkrankheit und diskutiert seitherige Entwicklungen und Verbesserungsmöglichkeiten.

Interview mit Prof. Holger Thiele

esanum: Wegen "potenzieller Patientengefährdung" haben Sie kürzlich gemeinsam mit der DGK Kritik an der neuen nationalen Versorgungsleitlinie für koronare Herzkrankheit geäußert. Wir hatten dazu ein Interview geführt. Was ist in dieser Causa seitdem geschehen?

Prof. Thiele: Diese Frage beschäftigt auch unseren Vorstand. Bei der letzten Vorstandssitzung haben wir versucht zu eruieren, wie es weitergeht. Momentan herrscht nach der Ablehnung der Leitlinie durch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie eine Pattsituation, mit der alle Beteiligten zunächst umgehen müssen. Durch den Regierungswechsel ist derzeit eine Vakuum-Situation entstanden, in der niemand genau weiß, wie es weitergeht.

Nationale Versorgungsleitlinie KHK: Bedenken und Hoffnungen zur Umsetzung

esanum: Das ist erstaunlich, denn in Ihren Begründungen für die Ablehnung haben Sie deutlich auf das Patientenwohl und mögliche Gefährdungen hingewiesen. Da wäre doch Eile geboten?

Prof. Thiele: Das Entscheidende ist: Üblicherweise werden nationale Versorgungsleitlinien als Grundlage für Disease-Management-Programme verwendet. Dieser Prozess ist noch nicht weiter fortgeschritten. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie wird sich, sobald die Fachgesellschaften in die Entwicklung der Disease-Management-Programme einbezogen werden, aktiv einbringen. Inwieweit dann unsere vielfach geäußerten Kritikpunkte berücksichtigt werden, ist derzeit noch offen.

esanum: Ihre Hoffnung besteht also darin, dass Ihre Kritikpunkte in der praktischen Umsetzung noch berücksichtigt werden?

Prof. Thiele: Genau, das ist unsere Hoffnung.

esanum: Die nationale Versorgungsleitlinie selbst wird also nicht überarbeitet, sondern Sie möchten die Umsetzung beeinflussen?

Prof. Thiele: Korrekt. Die nationale Versorgungsleitlinie ist in ihrer jetzigen Form festgeschrieben und wird sich bis zum nächsten Update nicht verändern.

Verhältnis zur Politik und anderen Fachgesellschaften

esanum: Wie hat die Politik auf Ihre kritische Fachexpertise bezüglich der Disease Management Programme (DMPs) bisher reagiert?

Prof. Thiele: Das liegt in der Verantwortung des Gemeinsamen Bundesausschusses. Bislang gibt es dazu keine Reaktion, soweit mir bekannt ist.

esanum: Gibt es überhaupt eine politische Reaktion auf Ihre Kritik an der nationalen Versorgungsleitlinie?

Prof. Thiele: Nein, eine politische Reaktion gibt es bisher nicht.

esanum: Fühlen Sie sich mit Ihrer Fachexpertise ignoriert?

Prof. Thiele: Es handelt sich hier um AWMF-Prozesse. Wir haben bereits Gespräche mit der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften geführt und die aus unserer Sicht mehr als berechtigte Kritik dargelegt. Das grundlegende Problem bei nationalen Versorgungsleitlinien ist, dass jede Fachgesellschaft, die auch nur entfernt mit der betreffenden Erkrankung zu tun hat, das gleiche Stimmgewicht hat wie die Fachgesellschaft, die federführend in der Behandlung der spezifischen Erkrankung ist. Die  koronare Herzkrankheit betrifft etwa fünf Millionen Menschen, die hauptsächlich von Hausärzten und Kardiologen behandelt werden. Bei Abstimmungen entscheiden jedoch auch fachfremde Gebiete mit gleichem Stimmrecht. Das ist die eigentliche Problematik.

Konflikt mit der Allgemeinmedizin

esanum: Wie positionieren sich die Hausärzte zu dieser Problematik?

Prof. Thiele: Ich würde das nicht als Konflikt bezeichnen. Viele Hausärzte machen einen sehr guten Job, auch wenn die Rahmenbedingungen teilweise herausfordernd sind. Die Kernproblematik besteht aber in Teilen darin, dass insbesondere der wissenschaftliche Hausärzteverband eine teilweise fundamental andere Interpretation der Evidenz hat als wir. Dieser Konflikt zieht sich seit 20 Jahren durch Deutschland. Oft wird pauschal kritisiert, Kardiologen seien von der Pharmaindustrie beeinflusst und verschrieben deshalb bestimmte Medikamente. Das ist sicherlich unzutreffend. Wir bemühen uns, evidenzbasierte Medizin zu den Patienten zu bringen. Viele unserer Kritikpunkte haben nichts mit pharmazeutischen Interessen zu tun, abgesehen davon, dass wir basierend auf der Evidenz für eine liberalere Verordnung von Statinen bei Hochrisikopatienten plädieren.

esanum: Ist Medizin nicht immer auch mit Pharma verbunden?

Prof Thiele: In gewisser Weise schon. Die Problematik möglicher Interessenkonflikte ist uns Kardiologen sehr bewusst. Sowohl auf europäischer als auch auf deutscher Ebene wird auf Transparenz und Offenlegung von Verbindungen zur Industrie geachtet. Mit dem Hausärzteverband können wir doch sehr konstruktiv zusammenarbeiten, mit der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin gestaltet sich dies leider in manchen Bereichen deutlich schwieriger.

Fortschritte und Zukunftspläne

esanum: Was wurde bisher unternommen, um die Situation zu verbessern?

Prof. Thiele: Im Rahmen des nicht umgesetzten "Gesunden Herzgesetzes" konnten wir dennoch einige Fortschritte erzielen. Ein wichtiger Erfolg ist die Senkung der Verordnungsrestriktion für Statine bei Patienten mit hohem Cholesterinspiegel und kardiovaskulärem Risiko. Der Schwellenwert wurde von 20% auf 10% Ereignisrate in 10 Jahren reduziert. Dies entspricht nun den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie.

esanum: Was wäre aus Ihrer Sicht der nächste wichtige Schritt?

Prof. Thiele: Im "Gesundes Herzgesetz" war vorgesehen, dass Bürger regelmäßige Gesundheitschecks erhalten. Obwohl das Gesetz nicht umgesetzt wurde, bietet der Gemeinsame Bundesausschuss bereits die Möglichkeit zu Gesundheitsuntersuchungen. Diese werden jedoch von weniger als 20% der Bürger genutzt. Eine Systematisierung und breitere Nutzung dieser Untersuchungen wäre wünschenswert.

Aktuelle Schwerpunkte der Fachgesellschaft

esanum: Womit beschäftigt sich die Fachgesellschaft derzeit neben der nationalen Versorgungsleitlinie besonders?

Prof. Thiele: Unsere Schwerpunkte liegen auf Rauchprävention und der umfassenden Etablierung präventiver Maßnahmen. Wir streben nicht mehr ein gesundes Herzgesetz 2.0 an. Dieser Name ist sicherlich auch etwas unglücklich gewählt. Ziel ist jetzt mehr die Integration kardiovaskulärer und allgemeiner Prävention in ein umfassendes gesundheitspolitisches Programm. Die EU hat einen europäischen kardiovaskulären Gesundheitsplan implementiert, der in allen Mitgliedsländern umgesetzt werden sollte. Bisher haben sieben Länder eine nationale Herz-Kreislauf-Strategie entwickelt. Wir hoffen, dass Deutschland diesem Beispiel folgt, und versuchen, diesen Prozess positiv zu beeinflussen. Es gibt ja viel zu tun, da wir in Deutschland eine unter dem EU-Durchschnitt liegende Lebenserwartung haben und innerhalb der westlichen EU-Länder leider den letzten Platz in der Lebenserwartung haben. Das ist vor allem in der unzureichenden kardiovaskulären Prävention in Deutschland begründet.

esanum: Als Past-Präsident der DGK sind Sie also weiterhin aktiv in diesen Prozessen?

Prof. Thiele: Ich bin weiterhin intensiv involviert. Für die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie bin ich nach wie vor der Verantwortliche auf der europäischen Ebene für die DGK in Abstimmung mit den Aktivitäten der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie. Wir arbeiten kontinuierlich daran, diese europäischen Ansätze auf nationaler Ebene umzusetzen.