- Kim JY, Lee JK, Chang TI, Kim HW. Erythropoiesis-Stimulating Agents and Development of Cancer Among Patients Receiving Dialysis. JAMA Network Open. 2026;9(2):e260140. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.0140.
Die Autoren nutzten Daten des koreanischen National Health Insurance Service. Eingeschlossen wurden erwachsene Patienten mit neu diagnostiziertem Nierenversagen, die zwischen 2006 und 2017 eine Langzeitdialyse begonnen und mindestens eine ESA-Verordnung erhalten hatten. Patienten mit früherer Krebserkrankung oder weniger als 180 Tagen Dialyse wurden ausgeschlossen.
In die Analyse gingen Dialysepatienten ein, bei denen frühestens sechs Monate nach Beginn der Langzeitdialyse erstmals Krebs diagnostiziert wurde. Sie wurden mit bis zu vier Patienten ohne Krebsdiagnose verglichen, passend nach Alter, Geschlecht, Nachbeobachtungszeit, Jahr des Dialysebeginns und Dialyseverfahren. Die mediane Nachbeobachtungszeit lag bei 6,5 Jahren.
Die ESA-Exposition berechneten die Autoren über die mittlere Wochendosis. Untersucht wurden:
Als hoch dosiert galten Werte oberhalb des jeweiligen Medians: mehr als 10.325,5 U/Woche bei Epoetin alfa, mehr als 38,7 µg/Woche bei Darbepoetin alfa und mehr als 35,0 µg/Woche bei Methoxy-Polyethylenglykol-Epoetin beta.
Von 9.776 eingeschlossenen Patienten entwickelten 2.320 im Verlauf eine Krebserkrankung – am häufigsten im Verdauungstrakt, den Atemwegen und den Nieren.
Hohe ESA-Dosen waren bei den im Verlauf an Krebs erkrankten Patienten etwas häufiger als bei den Kontrollen: 53,8 % versus 48,8 %. Dieser Unterschied blieb in den bereinigten Analysen bestehen, auch nach Berücksichtigung von Begleiterkrankungen wie Diabetes, Hypertonie, Herzinsuffizienz, Gefäßerkrankungen, Lebererkrankungen und weiteren Faktoren.
Hierbei scheint das Patientenalter relevant zu sein: Bei Personen unter 60 Jahren zeigte sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen hoher ESA-Dosis und Krebsdiagnose. Bei Patienten ab 60 Jahren war der Zusammenhang dagegen deutlich. In dieser Gruppe hatten 56,2 % der Fälle hohe ESA-Dosen erhalten, aber nur 46,6 % der Kontrollen.
In der Analyse nach Tumorentität zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen hohen ESA-Dosen und Krebserkrankungen des Verdauungstrakts und des Respirationstrakts sowie für Tumoren unspezifischer Lokalisationen. Diese Ergebnisse sind aber aufgrund der geringen Anzahl der einzelnen Krebsarten mit Vorsicht zu interpretieren. Ein sicherer kausaler Rückschluss auf gezielte Tumorarten ist daraus nicht möglich.
Trotz der interessanten Ergebnisse gibt es auch einige Limitationen: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie; zudem wurden mögliche Störfaktoren wie Rauchen oder Alkoholkonsum nicht berücksichtigt. Auch Hämoglobinwerte, Ferritin und Transferrinsättigung lagen in der Datenbank nicht vor. Damit bleibt offen, ob hohe ESA-Dosen selbst zur Krebsentstehung beitrugen oder ob die Anämie per se teilweise ein frühes Zeichen einer noch nicht diagnostizierten Tumorerkrankung war.
Die koreanische Analyse zeigt bei Dialysepatienten einen Zusammenhang zwischen hohen ESA-Dosen und späteren Krebsdiagnosen, besonders ab einem Alter von 60 Jahren. Die Ergebnisse sprechen jedoch nicht gegen ESA als solche: Bei Dialysepatienten bleiben sie ein wichtiger Bestandteil der Anämiebehandlung. Entscheidend ist vielmehr die Dosierung. Die Daten stützen eine zurückhaltende Strategie, bei der unnötig hohe ESA-Dosen und zu ambitionierte Hämoglobinziele vermieden werden – vor allem bei Patienten in höherem Lebensalter.