- Huang Z, Yaffe K, Li C, et al. Chronic Kidney Disease Severity and Risk of Cognitive Impairment. JAMA Netw Open. 2026;9(2):e2559834. doi:10.1001/jamanetworkopen.2025.59834
In die Studie gingen 5.607 Erwachsene mit chronischer Nierenkrankheit ein, das Durchschnittsalter lag bei 59,6 Jahren. Erfasst wurde nicht nur die allgemeine kognitive Entwicklung, sondern auch einzelne Teilbereiche: verbale Gedächtnisleistungen, also das Merken und spätere Wiedererkennen von Wörtern, Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie exekutive Funktionen wie Planen und flexibles Denken. Als renale Ausgangswerte wurden zu Studienbeginn die eGFR und der UPCR bestimmt. Die eGFR wurde in vier Klassen eingeteilt (≥ 60, 45–59, 30–44 und < 30 mL/min/1,73 m²), der UPCR in drei Gruppen (< 150, 150–500 und > 500 mg/g). Die kognitive Entwicklung wurde mit vier etablierten Tests jährlich oder zweijährlich erfasst; die mediane Nachbeobachtungszeit lag je nach Test zwischen vier und sechs Jahren.
Bei der Auswertung war vor allem der UPCR mit späteren kognitiven Einschränkungen verknüpft:
Für die eGFR ergab sich ein etwas anderes Bild. Auch hier zeigte sich zunächst ein Zusammenhang mit späteren Einbußen, vor allem bei Aufmerksamkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit. Pro Abnahme um eine Standardabweichung stieg das Risiko in diesem Bereich um 21 %. Bei einer eGFR unter 30 mL/min/1,73 m² lag sie im Vergleich zur Referenzgruppe mit Werten ab 60 mL/min/1,73 m² um 54 % höher.
Wurde zusätzlich der UPCR berücksichtigt, schwächte sich dieser Zusammenhang jedoch ab und war nicht mehr signifikant. Genau das ist eine der zentralen Aussagen der Studie: Die Proteinurie war stärker mit späteren kognitiven Einschränkungen verbunden als die eGFR allein.
Interessant war auch die gemeinsame Betrachtung von eGFR und Urin-Protein-Kreatinin-Quotient; hier ergab sich noch einmal ein etwas anderes Bild:
Nach Einschätzung der Autoren ergänzen sich eGFR und UPCR damit eher, als dass sie denselben Zusammenhang doppelt abbilden.
Die Autoren diskutieren einige mögliche Erklärungsansätze für die beobachteten Zusammenhänge. So können die Gefäße der Niere und des Gehirns durch dieselben Risikofaktoren, etwa durch Hypertonie und Diabetes, geschädigt werden. Chronische Nierenkrankheit und kognitive Einbußen könnten somit zum Teil auf gemeinsamen mikrovaskulären Schäden beruhen. Zudem verweisen die Autoren darauf, dass Proteinurie eng mit der endothelialen Gefäßfunktion verknüpft ist und deshalb kleine Gefäßschäden im Gehirn möglicherweise besser widerspiegeln könnte als die eGFR. Auch dass CKD eine Hypertonie verstärken kann, wird als möglicher Beitrag zu dem erhöhten Risiko kognitiver Einschränkungen genannt.
Neben Gefäßveränderungen nennen die Autoren weitere mögliche, durch die Nierenfunktionsstörung bedingte Mechanismen. Dazu zählen urämische Toxine, die Anreicherung von Metaboliten (z. B. Kynurenin), chronische Entzündung, oxidativer Stress, Schlafstörungen, Anämie sowie Störungen des Knochen- und Mineralstoffwechsels. Auch sie könnten dazu beitragen, dass mit zunehmender Schwere der Nierenerkrankung kognitive Einbußen häufiger werden.
Die Studie spricht dafür, dass mit zunehmender Schwere der chronischen Nierenkrankheit auch das Risiko für spätere kognitive Einschränkungen steigen könnte. Für die ärztliche Praxis lässt sich daraus ableiten: Bei Patienten mit chronischer Nierenkrankheit kann eine ausgeprägte Proteinurie – allein oder in Kombination mit niedriger eGFR – ein Hinweis darauf sein, die kognitive Entwicklung besonders gut im Blick zu behalten.