Delirmanagement: Was in der Klinik wirklich wirkt

Delirprävention und -behandlung gehören zur täglichen Herausforderung im Klinikalltag. Der Vortrag von PD Dr. Rösler zeigt, was praktisch umsetzbar ist – und was nicht hilft.

Das Wichtigste auf einen Blick – Delir vermeiden und behandeln

Delir: Wenn kleine Auslöser große Wirkung haben

Ein zentrales Konzept ist das Zusammenspiel aus Anfälligkeit und Auslösern: Ältere, multimorbide Patienten benötigen oft nur geringe Reize, um ein zu entwickeln. Jüngere hingegen brauchen starke Auslösefaktoren.

Wichtige Risikofaktoren sind neben einem hohen Lebensalter unter anderem:

  • kognitive Störungen, 
  • Gebrechlichkeit,
  • männliches Geschlecht, 
  • Seh- oder Hörstörungen, 
  • Polymedikation und 
  • Alkoholabusus.

Mögliche Auslöser sind:

  • Medikamente (z. B. Sedativa, Anticholinergika)
  • Operationen
  • Narkose
  • akute Erkrankungen
  • Schmerzen (u. a. durch Harnverhalt)
  • Anämie
  • Exazerbation chronischer Erkrankungen oder
  • Infektionen

Auch eine Exsikkose, Elektrolytstörungen, Alkoholentzug und Mangelernährung (z. B. Thiamin-, B12-Mangel) oder übersehene Sinnesdefizite (etwa defekte Brille, fehlendes Hörgerät) können ursächlich sein und sollten behoben werden.

Delirprävention

Der Anti-Delir-Baukasten – nicht-pharmakologisch, aber wirksam

Rösler verwies auf die Studie von Inouye et al. (NEJM), in der durch das gezielte Management von sechs Risikofaktoren – kognitive Einschränkung, Schlafentzug, Immobilität, Seh- und Hörstörungen sowie Dehydratation – die Delirhäufigkeit bei älteren stationären Patienten deutlich gesenkt werden konnte.
Auch Kliniken im deutschsprachigen Raum haben funktionierende Programme etabliert, etwa das „AKTIVER“-Konzept (Stuttgart).
Als wirksam haben sich z. B. erwiesen:

  • Schulung des Personals
  • regelmäßige Medikationsüberprüfungen
  • Ausgleich von Seh- und Hördefiziten
  • konsequente Frühmobilisierung
  • orientierungsfördernde Umgebungsgestaltung (z. B. Uhr, Kalender, persönliche Gegenstände wie Familienfotos, Fensternähe zur besseren Realitätsorientierung)

Pharmakologische Prävention: Ramelteon ja – aber nicht verfügbar

Ramelteon, ein Melatoninrezeptor-Agonist, zeigte in Studien eine signifikante Reduktion von Deliren, ist in Europa jedoch nicht zugelassen. Melatonin selbst wird laut Leitlinie zur Delirprävention nicht empfohlen – trotz einzelner positiver Ergebnisse.

Wenig klar Gesichertes – aber weitere medikamentöse Optionen im Gespräch

Einige Substanzen werden derzeit als potenzielle Optionen in der Delirprävention diskutiert – auch wenn belastbare Leitlinienempfehlungen bislang fehlen:

  • So existieren zu Gabapentin positive Pilotdaten, die eine Reduktion des postoperativen Opioidbedarfs zeigen konnten – ein indirekter Weg, um das Delirisiko zu senken.
  • Deutlich etablierter ist Dexmedetomidin, ein α2-Adrenozeptor-Agonist, der in mehreren Studien eine delirpräventive Wirkung gezeigt hat und inzwischen mancherorts verwendet wird. Rösler betonte jedoch, dass die Substanz nicht ohne Risiko sei: Nebenwirkungen wie Bradykardie sind möglich, und in einer aktuellen Studie war der Einsatz von Dexmedetomidin im Rahmen einer Thrombektomie mit einem ungünstigeren Outcome assoziiert. Eine sorgfältige Indikationsstellung sei daher unerlässlich.

Keine belastbare Evidenz gibt es hingegen für den Einsatz von Acetylcholinesterase-Hemmern (z. B. Pyridostigmin) oder niedrig dosierten Antipsychotika.

Delirbehandlung

Wenn das Delir da ist: Therapie – so wenig wie möglich, so gezielt wie nötig

Im Akutfall gilt die pharmakologische Behandlung als Mittel der Wahl. Die DGN S1-Leitlinie (Stand 2025) empfiehlt je nach Alter und Symptomatik folgende Optionen:

  • Über 65 Jahre: Bei Unruhe und Schlafstörungen Pipamperon (40 mg, Vorteil: kaum Interaktionspotenzial); Mirtazapin (7,5–15 mg) kann auch schlaffördernd wirken, ist jedoch mit Vorsicht zu verwenden (ggf. delirfördernd, bei Demenz nicht wirksam). Bei Wahn oder Fremdaggressivität Risperidon (2 × 0,5 mg), alternativ Aripiprazol (10 mg).
  • Unter 65 Jahren: Je nach Leitsymptomatik Melperon, Pipamperon, Risperidon, Haloperidol, Clonidin oder Dexmedetomidin.

In schweren Fällen mit Indikation zur Zwangsmedikation kann Haloperidol s.c. (0,2–1 mg, max. 4 mg/Tag) wirksam sein.

Nicht empfohlen sind:

  • Melatonin
  • Rivastigmin
  • Antipsychotika

Fazit: Alltagstaugliche Prävention ist der Schlüssel

Delir ist keine Randerscheinung – sondern tägliche Realität im Klinikalltag. Rösler machte deutlich, dass die wirksamste „Therapie“ eine konsequente Prävention ist – mit einfachen, aber konsequent umgesetzten Mitteln. Ursachen sollten frühzeitig identifiziert und behoben werden. Im Akutfall gilt: Medikamente sparsam und symptomorientiert einsetzen.

Quelle:
  1. Rösler, Alexander (Hamburg). Vortrag: Management des Delirs. Sitzung: Delir. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) 2025, Wiesbaden, 03.05.2025.