Psychische Erkrankungen auf TikTok oft falsch erklärt

Kurze Videos zu Depression, ADHS oder Autismus erreichen auf TikTok ein Millionenpublikum. Eine Analyse deutschsprachiger Clips zeigt jedoch, dass nur rund ein Fünftel fachlich korrekt ist – viele sind stark vereinfacht oder schlicht falsch.

Das Wichtigste auf einen Blick

Eine aktuelle Analyse hat untersucht, wie zuverlässig deutschsprachige TikTok-Videos zu psychischen Erkrankungen tatsächlich sind und ob sich Qualität und Korrektheit je nach Thema und Urheber der Videos unterscheiden.

  • Ausgewertet wurden 177 deutschsprachige TikTok-Videos zu ADHS, Depression, Autismus, Angststörungen, Narzissmus und posttraumatischer Belastungsstörung.
  • Zusammen kamen diese Videos auf mehr als 94 Millionen Aufrufe.
  • Nur ca. 19 % der Videos wurden als korrekt bewertet. Rund die Hälfte enthielt falsche oder stark vereinfachte Informationen. Etwa 30 % schilderten persönliche Erfahrungen.
  • Videos von Fachpersonen schnitten deutlich besser ab als Beiträge von Laien.

Die Autoren legten zunächst die sechs meistgesehenen deutschsprachigen Hashtags zu psychischen Störungen fest: ADHS, Depression, Autismus, Angststörung, Narzissmus und posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Zu jedem Thema wurden die ersten 30 deutschsprachigen Videos ausgewählt – so, wie sie ein Nutzer bei einer Suche auf TikTok sehen könnte. Drei Videos wurden ausgeschlossen, weil sie nicht sinnvoll auswertbar waren.

Zwei klinisch erfahrene Psychologen beurteilten die Clips unabhängig voneinander. Sie ordneten jedes Video einer von vier Gruppen zu: korrekt, zu stark verallgemeinernd, falsch oder persönlicher Erfahrungsbericht. Ein Video wurde also nicht allein deshalb kritisch bewertet, weil eine betroffene Person über eigene Symptome sprach. Als problematisch galt es vor allem dann, wenn falsche Aussagen gemacht oder normale Alltagserfahrungen als typische Krankheitszeichen dargestellt wurden.

Zusätzlich bewerteten die Autoren die allgemeine Qualität und Verlässlichkeit der Informationen mit etablierten Skalen. Außerdem wurde die Urheberschaft erfasst, also ob das Video von einer Fachperson, einer betroffenen Person oder einem Laien stammte. Daneben analysierten die Autoren, zu welchen Erkrankungen die zuverlässigsten Inhalte vorlagen.

Millionen Aufrufe – aber oft wenig Substanz

Die 177 Videos erreichten zusammen 94,3 Millionen Aufrufe und mehr als 7,4 Millionen Likes. Viele Aufrufe bedeuteten in dieser Analyse aber nicht automatisch, dass ein Video fachlich gut war.

Die Auswertung der Experten zeigte ernüchternde Ergebnisse:

  • Insgesamt wurden nur ca. 19 % der Videos als korrekt eingestuft.
  • 33 % der Videos enthielten falsche Informationen.
  • 18 % waren stark verallgemeinernd.
  • 30 % schilderten vor allem persönliche Erfahrungen.

Damit war gut jedes zweite Video (51 %) entweder falsch oder so stark vereinfacht, dass Patienten daraus leicht falsche Schlüsse über Symptome, Diagnosen oder den Behandlungsbedarf ziehen könnten.

Fachpersonen und Betroffene schneiden besser ab als Laien

Die Qualität unterschied sich deutlich je nach Urheberschaft: Etwa die Hälfte der Videos stammte von Betroffenen, knapp ein Drittel von Laien und nur 18 % von Fachpersonen. Am schlechtesten schnitten Beiträge von Laien ab. Videos von Fachpersonen waren insgesamt am zuverlässigsten; bei der allgemeinen Qualität unterschieden sie sich jedoch nicht deutlich von Videos Betroffener. Das zeigt: Persönliche Erfahrung kann durchaus hilfreich sein. Problematisch wird es vor allem, wenn Laien ohne fachliche Grundlage psychische Diagnosen erklären oder einordnen.

Die Qualität unterscheidet sich je nach Erkrankung

Auffällig waren auch die Qualitätsunterschiede zwischen den Themen. Inhalte zu PTBS waren vergleichsweise häufig korrekt; hier stammten zudem viele Videos von Fachpersonen. Die bessere Qualität könnte außerdem daran liegen, dass zentrale Merkmale wie ein traumatisches Ereignis und Flashbacks in kurzen Videos leichter zu erklären sind als die oft unschärferen Symptome anderer Störungen.

Ganz anders war es bei Narzissmus. Hier fanden die Autoren kein einziges korrektes Video. Die Beiträge waren häufig falsch oder stark verallgemeinernd und wurden fast ausschließlich von Laien erstellt.

Auch bei ADHS, Autismus, Depression und Angststörungen fanden sich vergleichsweise wenige korrekte Videos.

Fazit

Die Studie zeigt, wie gering die Verlässlichkeit von Aussagen auf TikTok sein kann. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist das heikel, weil falsche Begriffe und einfache Erklärungen bei Nutzern ein falsches oder unvollständiges Bild der Erkrankungen erzeugen können.

Hier bedarf es mehr Aufklärung: Nutzer sollten wissen, dass ein Video keine ärztliche Diagnostik ersetzt und dass Likes keine fachliche Qualität anzeigen. Die Autoren sehen hier auch Fachgesellschaften, Kliniken und Behandler in der Verantwortung: Bisher stammen nur sehr wenige Videos von offiziellen Institutionen. Gute und verständliche Inhalte könnten helfen, den Raum nicht allein Laien und Algorithmen zu überlassen.

Quelle
  1. Mross AL, Takahashi H, Koelkebeck K, Langenbach BP. Insufficient Quality of Mental Health Information on German-Speaking TikTok: A Content Analysis. Clin Psychol Eur. 2026 Feb 27;8(1):e17279. doi: 10.32872/cpe.17279. PMID: 41783472; PMCID: PMC12955308.