Fernsehen und kognitiver Abbau im Alter: Ergebnisse der 'English Longitudinal Study of Ageing'

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass starker Fernsehkonsum bei Menschen über 50 Jahren mit einem Abbau des verbalen Gedächtnisses assoziiert ist.

Viel Fernsehen und Verschlechterung des Gedächtnisses gehen Hand in Hand

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass starker Fernsehkonsum bei Menschen über 50 Jahren mit einem Abbau des verbalen Gedächtnisses assoziiert ist.

Einige spannende und wichtige Arbeiten beschäftigten sich bereits mit den Auswirkungen von chronischem Fernsehkonsum auf die Gehirnentwicklung von Kindern (Buchtipp und guter Startpunkt auch für Laien: "Vorsicht Bildschirm!" von Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer).
Doch die Effekte bei älteren Erwachsenen waren bislang weniger erforscht.
Eine große, in der Nature veröffentlichte Untersuchung1,2 wertete daher Daten von 3.662 Personen über 50 Jahren aus der 'English Longitudinal Study of Aging' aus. Sie analysierten die Assoziation zwischen dem Fernsehkonsum zum Ausgangszeitpunkt und der Kognition 6 Jahre später.

Gibt es eine fernsehbedingte Demenz?

Die AutorInnen vom University College London fanden heraus, dass tägliches Fernsehen von 3,5 h und mehr mit einer dosisabhängigen Verschlechterung des verbalen Gedächtnisses über die folgenden 6 Jahre hinweg einherging. Der Zusammenhang blieb auch nach Korrektur für mögliche Confounder (wie demografische Faktoren, sozioökonomischen Status, Depressionen, körperliche Gesundheit, Gesundheitsverhalten und inaktiven Lebensstil) bestehen. Auch auf eine Reihe von Sensitivitätsanalysen (bspw. zur Untersuchung reverser Kausalität) zeigte sich das Ergebnis robust. Die Abnahme war bei den Personen mit besserer Kognition zum Ausgangszeitpunkt besonders evident.

Dieses Ergebnis steht in Einklang zu dem einer früheren Studie über den Zusammenhang zwischen MMSE (Mini-Mental-State-Examination) und Fernsehen in einer Kohorte älterer Erwachsener in China.3

Warum bestehen solche Assoziationen zwischen Fernsehen und Kognition?

Die Tatsache, dass die Assoziation auch unter Kontrolle für verschiedene, mit einer inaktiven Lebensweise verbundene Variablen bestehen blieb, deutet darauf hin, dass es nicht nur die bewegungsarme Natur des Fernsehens ist, die für die Beziehung zur Kognition verantwortlich ist.
Experimentelle Arbeiten konnten nachweisen, dass Fernsehen zu einem alarmbereiteren, aber dafür weniger konzentrierten Gehirn führt. Fernsehen bedeutet schnell wechselnde Bilder, Töne und Handlung und ist im Vergleich zu anderen Bildschirmaktivitäten wie Internetrecherche oder Spielen die passivste Art, solche Reize zu empfangen. Während Studien geringere posteriore Alpha-Band-Oszillationen im EEG in Reaktion auf Fernsehen messen konnten (was funktionelle Aktivierung anzeigt), fanden sie zugleich schlechte Leistungen im Kurz- und Langzeitgedächtnisses nach dem Fernsehen und niedrige Hirnwellenaktivität.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass exzessives Fernsehen mit schlechterer Gedächtnisleistung verknüpft sein könnte, weil es andere, kognitiv stimulierende Aktivitäten verdrängt, etwa Lesen, Brettspiele oder kulturelle Aktivitäten.

Ein Mechanismus, der zusätzlich zum fernsehbedingten Gedächtnisabbau beitragen könnte, ist Stress.
Zum einen lässt sich messen, dass Fernsehen als Medium physiologisch Stress verursacht, der aus der oben beschriebenen Mischung von erhöhter Alarmbereitschaft (durch die schnell wechselnden Bilder) und gleichzeitiger Passivität entsteht. Zum anderen haben wir über den Inhalt oder das Programm bisher noch gar nicht gesprochen, aber dieses bedeutet häufig auch Stress, sei es durch Erzeugung von Spannung oder Darstellung von Gewalt. Eine Auswertung des britischen Fernsehens von 2001–2013 ergab im Schnitt 2,1–11,5 gewalttätige Szenen in Seifenopern pro Stunde, wovon 40% als mittel bis sehr gewalttätig einzustufen waren. Da das Drama für Entertainment-Zwecke häufig gesteigert wird, scheint es möglich, dass Gewalt, Konflikte und Katastrophen im Fernsehen noch stärker und angespannter erlebt werden als es in Wirklichkeit der Fall wäre.
Chronischer Stress steht bekanntermaßen mit erhöhten Glukokortikoid-Spiegeln in Zusammenhang, die direkte Effekte auf den Hippocampus haben können, da in dieser Region Glukokortokoid-Rezeptoren existieren. Infolgedessen ist erwiesen, dass Stress zur Atrophie des Hippocampus und gestörter Neurogenese sowie Beeinträchtigung der Kognition führt.2

Referenzen:
1. DGN. Gibt es eine Fernseh-bedingte Demenz? DGN - Deutsche Gesellschaft für Neurologie https://www.dgn.org/presse/pressemitteilungen/60-pressemitteilung-2019/3757-gibt-es-eine-fernseh-bedingte-demenz.
2. Fancourt, D. & Steptoe, A. Television viewing and cognitive decline in older age: findings from the English Longitudinal Study of Ageing. Sci Rep 9, 1–8 (2019).
3. Wang, J. Y. J. et al. Leisure activity and risk of cognitive impairment: the Chongqing aging study. Neurology 66, 911–913 (2006).

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