Infantile Hämangiome – Betablocker-Behandlung ohne Nebenwirkungen?

Infantile Hämangiome treten bei 4 - 5% aller Säuglinge auf. Die Gefäßtumore verlaufen meist unkompliziert, andernfalls sind Betablocker Goldstandard. Dabei kommt es jedoch häufig zu Nebenwirkungen. Andere wirksame Optionen sind nur off-label.

Therapie mit Betablockern bei Kindern

Mädchen häufiger betroffen

Infantile Hämangiome treten bei etwa 4% bis 5% aller Säuglinge auf. Mädchen sind hierbei etwa dreimal so häufig betroffen wie Jungen. Auch die Frühgeburtlichkeit stellt einen Risikofaktor dar.1

Die benignen Gefäßtumore oder Malformationen durchlaufen drei Phasen, bevor sie in aller Regel ohne Behandlung verschwinden1:

Therapie in der Regel nicht nötig

Etwa 80% bis 90% aller kindlichen Hämangiome sind unkomplizierter Natur, das heißt, sie regredieren auch ohne Behandlung. In etwa 10% bis 15% der Fälle ist jedoch eine Therapie notwendig1. Das geschieht dann, wenn komplizierende Faktoren hinzukommen, wie1

Frühzeitige Behandlung ist wichtig

Liegt ein kompliziertes infantiles Hämangiom vor, ist eine frühzeitige Therapie wichtig, um Spät- und Folgeschäden zu vermeiden. Idealerweise beginnt die Behandlung im zweiten bis fünften Lebensmonat, also in der Wachstumsphase der Gefäßveränderung. Manchmal sollte der Therapiebeginn jedoch nicht hinausgezögert sondern sofort vollzogen werden.1

Der Goldstandard in der Hämangiom-Behandlung ist die systemische Gabe des Betablockers Propranolol. Obwohl dem Medikament eine gute Wirksamkeit bei Hämangiomen nachgewiesen wurde, kommt es im Therapieverlauf bei etwa 30 % der behandelten Kinder zu Komplikationen wie Schlafstörungen, Unruhe, Durchfall, aber auch Bronchospasmen, Bradykardien und Hypotonien sind beschrieben worden1.

Da Propranolol lipophil ist und so auch die Blut-Hirn-Schranke passiert, sind Störungen der Gehirnentwicklung diskutiert, jedoch bisher nicht in Studien belegt worden.1,2

Andere Betablocker wirksam, aber bisher off-label

In mehreren großen systematischen Reviews und Metaanalysen wurde Atenolol als Therapiealternative zu Propranolol untersucht und zeigte eine vergleichbare Wirksamkeit in Bezug auf infantile Hämangiome bei jedoch deutlich geringeren Nebenwirkungen3. Die Anwendung von Atenolol ist aktuell noch off-label1,2.

Ebenfalls off-label kommen topische Betablocker wie Timolol zur Anwendung. Auch sie können therapeutische Erfolge erzielen, jedoch eher bei kleinen, unkomplizierten Hämangiomen. Die Sicherheitsbewertung ist hier noch nicht abschließend geklärt1,2

Fazit für die Praxis

Nicht alle infantilen Hämangiome müssen behandelt werden. Liegen komplizierende Faktoren vor, ist Propranolol bisher nach wie vor der Goldstandard in der Therapie. Andere Betablocker zeigen gutes therapeutisches Potential, sind jedoch in Deutschland aktuell noch off-label.

Referenzen: 

  1. S2k-Leitlinie Infantile Hämangiome im Säuglings- und Kleinkindesalter – eine Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (federführend), der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft, der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Dermatologie, der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, Deutsche Röntgengesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Interventionelle Radiologie und minimal-invasive Therapie.
  2. Teichler A, Mücke A. Nutzen und Risiken sorgsam abwägen. Dtsch Dermatolog. 2020;68(11):856–67. German. doi: 10.1007/s15011-020-3341-4. Epub 2020 Nov 18. PMCID: PMC7653979.
  3. Pattanshetti SA, Mahalmani VM, Sarma P, Kaur H, Ali MM, Malik MA, Peters NJ, Prajapat M, Kumar S, Medhi B, Samujh R. Oral Atenolol versus Propranolol in the Treatment of Infantile Hemangioma: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Indian Assoc Pediatr Surg. 2022 May-Jun;27(3):279-286. doi: 10.4103/jiaps.jiaps_3_21. Epub 2022 May 12. PMID: 35733601; PMCID: PMC9208683.