Impfungen bei Kindern: Beratungsbedarf vor allem bei Impfmythen

Zustimmung ja, vollständige Umsetzung nein: 25 % der Eltern wünschen nur ausgewählte Impfungen, 40 % der Kinder sind unvollständig DTP-immunisiert. Was RKI-Daten über die Gründe verraten und welche Maßnahmen in der Praxis wirken.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Viele Eltern bewerten Impfungen als wichtig und sicher für ihre Kinder und vertrauen ihrem Kinderarzt.
  • Zustimmung bedeutet nicht automatisch vollständige Umsetzung: Rund 71 % wünschen alle empfohlenen Impfungen für ihr Kind, etwa 26 % favorisieren ein selektives Impfschema.
  • Nur 58 % der Kinder unter fünf Jahren sind altersgerecht gegen DTP geimpft. 
  • Beratungsbedarf besteht vor allem bei konkreten Impfmythen, etwa „zu viel zu früh“, Überlastung des Immunsystems oder Autismus als angebliche Impffolge.

Die RKI-Auswertung betrachtete mehrere Faktoren, die Impfentscheidungen beeinflussen können: die Einstellung der Eltern zu Impfungen, das Vertrauen in die Ärzteschaft, den Einfluss des persönlichen Umfelds und praktische Hürden im Alltag. Außerdem wurde am Beispiel der Impfung gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis untersucht, wie häufig empfohlene Impfungen tatsächlich in Anspruch genommen werden. Ein weiterer Schwerpunkt lag darauf, wie gut Eltern typische Falschbehauptungen über Impfungen erkennen.

Die meisten Eltern sehen Impfschutz als wichtig und sicher

Die grundsätzliche Haltung war überwiegend positiv. Impfungen wurden mehrheitlich als wichtig für die Gesundheit des Kindes angesehen, besonders bei jüngeren Kindern: Rund 90 % der Eltern von Kindern unter fünf Jahren bewerteten Impfungen als eher wichtig oder sehr wichtig. Bei Eltern von Kindern zwischen fünf bis sieben Jahren lag die Zustimmung bei etwa 80 %.

Auch bei der Sicherheit zeigte sich ein positives Bild. Die Mehrheit hielt Impfungen für eher sicher oder sehr sicher. Etwas mehr Unsicherheit fand sich bei Eltern jüngerer Kinder.

Trotzdem möchten nicht alle Eltern die Empfehlungen gemäß dem Impfkalender vollständig umsetzen: Etwa 71 % der Eltern wünschen für ihr Kind alle Impfungen, 26 % nur einen Teil. Knapp 4 % wollen ihr jüngstes Kind gar nicht impfen lassen.

Kinderarzt und Umfeld stärken die Impfentscheidung

Bei vielen Eltern hat die Einschätzung des Kinderarztes zur Impfindikation weiterhin großes Gewicht. In allen Altersgruppen gaben etwa 80 % der Eltern an, eher hohes oder sehr hohes Vertrauen in die Kinderärzte zu haben.

Auch im privaten Umfeld überwiegt offenbar die Zustimmung zum Impfschutz: Knapp 80 % der Eltern gaben an, dass Familie und enge Freunde eine Impfung des Kindes eher befürworten. Mehr als 80 % gingen zudem davon aus, dass die meisten anderen Eltern in ihrem Umfeld ihre Kinder impfen lassen.

Barrieren in der praktischen Umsetzung

Trotz der recht positiven Einstellung der meisten Eltern sehen die Befragten auch praktische Hürden bei der Umsetzung des Impfschutzes: Zwar bewerteten knapp 90 % der Eltern den Zugang zu Impfungen als leicht bzw. eher leicht; der Aufwand im Alltag wurde aber nicht von allen so niedrig eingeschätzt. Etwa 40 % empfanden Fahrtkosten, Zeitaufwand oder die Organisation der Kinderbetreuung zumindest teilweise als Belastung. Am häufigsten wurde genannt, dass sich Impftermine nicht immer gut mit den eigenen Arbeitszeiten vereinbaren lassen.

DTP: nur knapp 60 % altersgerecht geimpft

In der Befragung wurde auch erfasst, welche Impfungen die Kinder bereits erhalten hatten. Näher ausgewertet wurde die Grundimmunisierung gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis, kurz DTP. Das Ergebnis:

  • Bei Kindern unter fünf Jahren waren ca. 58 % altersgerecht gegen DTP geimpft. 
  • Etwa 39 % wiesen eine unvollständige Grundimmunisierung auf.
  • Rund 3 % waren vollständig ungeimpft. 

Evidenz vs. Mythen: Wissenslücken in der Elternschaft

Ein weiterer Teil der Befragung beschäftigte sich mit dem Impfverständnis der Eltern: Was wissen sie über Impfungen, und wie gut können sie typische Falschbehauptungen bewerten? Besonders deutlich zeigte sich die Unsicherheit bei den folgenden Impfmythen:

  • Rund 40 % der Eltern waren unsicher oder hielten die Aussage für zutreffend, Kinder würden widerstandsfähiger, wenn man sie nicht gegen so viele Krankheiten impft.
  • Ebenfalls etwa 40 % waren unsicher oder stimmten der Aussage zu, dass zu viele Impfungen das kindliche Immunsystem überlasten könnten.
  • Knapp 50 % zeigten Wissensdefizite hinsichtlich des optimalen Zeitpunkts der frühen Immunisierung.
  • Beim angeblichen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus zeigte sich ein ähnliches Bild: Etwa 50 % der Befragten waren unsicher über den Wahrheitsgehalt oder bewerteten die Aussage falsch.

Fazit: Strategien für die Praxis

Die IMPRESS-Daten zeigen, dass viele Eltern von Kindern unter sieben Jahren Impfungen grundsätzlich positiv sehen. Diese gute Ausgangslage reicht allein aber nicht aus. Ein Teil der Eltern entscheidet sich nur für ausgewählte Impfungen, manche Impfserien werden nicht altersgerecht umgesetzt, und bei bekannten Falschbehauptungen bestehen weiterhin Unsicherheiten.

Um diese Punkte gezielt zu adressieren, sollten Folgetermine möglichst direkt vereinbart und Erinnerungssysteme konsequent genutzt werden – etwa per SMS, E-Mail oder App. Ebenso wichtig ist es, das impfbezogene Wissen der Eltern durch leicht zugängliche und verständliche Informationsangebote zu stärken. Verbreitete Impfmythen sollten aktiv angesprochen werden, ohne die dahinterliegende Sorge abzutun. Gerade weil das Vertrauen in Kinderärzte hoch ist, kann eine klare und konkrete Empfehlung aus der Praxis viel bewirken.

Quelle
  1. Robert Koch-Institut (2026). Kinder schützen, Entscheidungen verstehen: Wie Eltern über Impfungen denken. Ergebnisse des Forschungsprojekts IMPRESS: Impfverhalten verstehen, Preparedness steigern. Schwerpunkt: Eltern von Kindern unter 7 Jahren.