Wenn Rheuma aufs Herz geht: Die neue S3-Leitlinie kompakt für die Praxis

Warum das kardiovaskuläre Risiko bei Rheuma-Patienten dem eines Diabetikers ähneln kann, welche Substanzen das Herz schützen und was ein einfacher Fünf-Jahres-Rhythmus für Ihre Risikopatienten bedeutet. Die neue S3-Leitlinie im Praxis-Check.

Warum das Thema jetzt eine eigene Leitlinie bekommt

Bislang orientierte sich die Versorgung vor allem an den EULAR-Empfehlungen von 2015/2016 und deren Update 2022, die sich jeweils auf einzelne Erkrankungsgruppen (Arthritiden bzw. Gicht, Vaskulitiden, Kollagenosen) beschränkten. Die neue S3-Leitlinie “Management kardiovaskulärer Komorbiditäten entzündlich-rheumatischer Erkrankungen" deckt erstmals alle relevanten entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (ERE) ab – von RA und Psoriasis-Arthritis über systemischen Lupus erythematodes, systemische Sklerose, Myositiden und primäres Sjögren-Syndrom bis zu ANCA-assoziierten Vaskulitiden, Riesenzellarteriitis, Polymyalgia rheumatica, Morbus Behçet, Antiphospholipid-Syndrom und Gicht. Zusätzlich deckt ein eigenständiges Kapitel Diagnostik, Bildgebung und strukturierter Verlaufskontrolle ab.

Die zentrale Botschaft: Krankheitsaktivität ist ein kardiovaskulärer Risikofaktor

Die Leitlinie stellt unmissverständlich klar (Empfehlungsgrad A, starker Konsens): Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen haben, unabhängig von der spezifischen Diagnose, ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Besonders deutlich wird das bei harten Endpunkten:

  • MACE (schwere kardiovaskuläre Ereignisse): erhöhtes Risiko u. a. bei RA (um ca. 55 %), bei SLE und Myositiden etwa verdoppelt und vor allem bei ANCA-assoziierten Vaskulitiden mehr als verdreifacht. 
  • Schlaganfall: moderat erhöht bei RA, PsA, SpA und Gicht; deutlich erhöht bei SLE, PMR und Vaskulitiden
  • Myokardinfarkt: besonders ausgeprägt bei SLE (fast dreifaches Risiko) und PMR (3- bis 5-fach erhöht).
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit: stark erhöht bei SLE, systemischer Sklerose und PMR

Eine hohe, persistierende Krankheitsaktivität erhöht dieses Risiko zusätzlich. Am besten ist das für RA, SLE und AAV belegt. Bei RA lag das kardiovaskuläre Risiko in Remission auf Populationsniveau, stieg aber bei intermediärer Aktivität und vor allem während akuter Schübe deutlich an.

Für die Praxis heißt das: Konsequentes Treat-to-Target ist auch kardiovaskuläre Prävention. Eine lange Krankheitsdauer allein lässt sich dagegen nicht als unabhängiger Risikofaktor belegen. Das Risiko sollte also bereits nach Erstdiagnose mitgedacht werden, nicht erst nach Jahren.

Medikamentenwahl: Was die Leitlinie zur kardiovaskulären Sicherheit sagt

Ein Kernstück der Leitlinie sind praxisrelevante Einordnungen der gängigen antirheumatischen Substanzklassen:

NSAR und Glukokortikoide: so niedrig und so kurz wie möglich. 

Für beide Substanzgruppen zeigt sich ein dosis- und dauerabhängiges kardiovaskuläres Risiko. Bei NSAR ist das Signal substanzspezifisch: Rofecoxib (nicht mehr verfügbar) und Diclofenac zeigen in Registerdaten ein erhöhtes Risiko, für Celecoxib und Naproxen ist die Datenlage günstiger, ein einheitlicher Klasseneffekt lässt sich nicht belegen. 

Bei Glukokortikoiden ist die Kausalität der Dosis-Wirkungs-Beziehungen klar nachgewiesen (bei SLE: ca. +12 % Risiko pro Dosissteigerung des Prednisonäquivalents). Konsequenz für die Praxis: Dosis und Anwendungsdauer aktiv dokumentieren, Steroid-Reduktions-Strategien verfolgen, regelmäßig Blutdruck und Stoffwechselparameter kontrollieren.

Methotrexat: bei RA auch kardiovaskulär günstig. 

Beobachtungsdaten zeigen unter MTX, dass kardiovaskuläre Ereignisse um rund 20 % zurückgehen und die damit verbundene Mortalität sinkt. Die Leitlinie empfiehlt MTX bei bestehender Indikation daher explizit auch als kardioprotektive Option (Empfehlungsgrad B).

TNF-Inhibitoren: bevorzugt bei zusätzlichem CV-Risiko. 

Für TNFi liegt die konsistenteste Evidenz unter den Biologika vor: reduzierte Raten für Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz, kardiovaskulären Tod und Gesamtmortalität gegenüber Nicht-bDMARD-Therapie. Die Leitlinie empfiehlt TNFi bei RA bei bestehender Indikation auch zur Reduktion des kardiovaskulären Risikos (Empfehlungsgrad B).

Abatacept und IL-6-Inhibitoren: kein ungünstiges Signal. 

Auch für diese Substanzklassen findet sich kein Hinweis auf ein erhöhtes MACE-Risiko; einzelne Kohorten zeigen sogar günstigere Ereignisraten als unter TNFi. Zu beachten: eine IL-6-Blockade kann Lipidwerte erhöhen, ein Lipid-Monitoring ist hier besonders wichtig.

JAK-Inhibitoren: risikoadaptiert einsetzen. 

Dies ist die praktisch wichtigste Differenzierung der neuen Leitlinie: Kurzfristige RCT-Daten und Registerdaten aus der Routineversorgung (auch das deutsche RABBIT-Register) zeigen überwiegend kein erhöhtes MACE- oder VTE-Risiko. Die randomisierte Sicherheitsstudie ORAL Surveillance fand jedoch in einer gezielt ausgewählten RA-Hochrisikopopulation (≥50 Jahre, mindestens ein zusätzlicher CV-Risikofaktor) unter Tofacitinib ein höheres MACE- und Malignom-Risiko als unter TNFi, mit dosisabhängiger VTE-Häufung.

Das heißt: Bei RA-Patienten mit zusätzlichen kardiovaskulären Risikofaktoren oder stattgehabtem Herz-Kreislauf-Ereignis sollten JAK-Inhibitoren nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden. Eine begleitende Statintherapie kann bei Hypercholesterinämie das Risiko unter JAKi offenbar wieder auf TNFi-Niveau senken.

Hydroxychloroquin bei SLE und Xanthinoxidasehemmer bei Gicht werden ebenfalls eingeordnet: HCQ zeigt bei SLE Hinweise auf niedrigere kardiovaskuläre Ereignisraten (Empfehlungsgrad B), während sich für Febuxostat/Allopurinol aus randomisierten Studien kein gesicherter kardiovaskulärer Zusatznutzen ableiten lässt (Empfehlungsgrad 0 – „kann erwogen werden").

Klassische Risikofaktoren mit Blick auf das erhöhte Ausgangsrisiko

Für Blutdruck, Lipide und Antithrombose gilt ein pragmatischer Grundsatz: Screening und Therapieindikation orientieren sich an denselben Leitlinien wie für Nicht-Rheuma-Patienten (ESC/ESH-Hypertonieleitlinie, ESC/EAS-Dyslipidämie-Leitlinie). Das insgesamt höhere kardiovaskuläre Gesamtrisiko der Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen soll bei der Therapieintensität jedoch berücksichtigt werden.

  • Blutdruck: regelmäßiges Monitoring soll erfolgen (Empfehlungsgrad A); antihypertensive Therapie nach denselben Kriterien wie in der Allgemeinbevölkerung (Empfehlungsgrad B). Bei systemischer Sklerose Vorsicht: ACE-Hemmer zur reinen Prophylaxe der renalen Krise sind mit erhöhtem Risiko assoziiert, hier ist eine sorgfältige Indikationsstellung gefragt.
  • Lipide: regelmäßige Kontrolle des Lipidprofils soll erfolgen (Empfehlungsgrad A); lipidsenkende Therapie risikoadaptiert unter Berücksichtigung des erhöhten Gesamtrisikos (Empfehlungsgrad B).
  • Antithrombotische Therapie: Einsatz analog zur Allgemeinbevölkerung (Empfehlungsgrad B); bei Antiphospholipid-Syndrom gilt die spezifische S3-Leitlinie als Referenz (Empfehlungsgrad A). Eine unkritische ASS-Primärprophylaxe „weil Rheuma" ist durch die Daten nicht gestützt.
  • Gewicht, Ernährung, Bewegung: Bei Übergewicht/Adipositas soll eine Gewichtsreduktion angestrebt werden, eine gesunde Ernährung und mindestens 150 Minuten moderates bzw. 75 Minuten intensives Training pro Woche werden empfohlen (jeweils Empfehlungsgrad A). Hochintensives Intervalltraining kann bei geeigneten Patienten erwogen werden.

Diagnostik und Verlaufskontrolle: wann an das Herz denken?

Die Leitlinie liefert erstmals einen strukturierten diagnostischen Pfad:

  • Bei klinischem Verdacht auf kardiale/vaskuläre Beteiligung: Basisdiagnostik mit Anamnese, körperlicher Untersuchung, EKG, transthorakaler Echokardiographie sowie NT-proBNP und Troponin (Empfehlungsgrad A).
  • Bei Verdacht auf Myokardbeteiligung (z. B. bei Myositis, systemischer Sklerose, SLE): kardiale MRT als nicht-invasive Methode der ersten Wahl, Endomyokardbiopsie nur in ausgewählten Fällen.
  • Bei Verdacht auf Aortitis (Großgefäßvaskulitiden): MR-Angiographie, CT-Angiographie oder FDG-PET/CT.
  • Bei Verdacht auf myokardiale Ischämie: Abklärung wie in der Allgemeinbevölkerung, unter Berücksichtigung des erhöhten Ausgangsrisikos.
  • Bei Verdacht auf pulmonal-arterielle Hypertonie: Diagnostik und Therapie nach der jeweils gültigen Leitlinie.
  • Koronarkalkmessung oder Karotis-/Femoralis-Sonographie können zur Verfeinerung der Risikoeinschätzung erwogen werden (Empfehlungsgrad 0).

Risikostratifizierung als Regeltermin: Die kardiovaskuläre Risikoabschätzung soll bei allen Rheuma-Patienten mindestens alle fünf Jahre erfolgen, bei Hochrisikopatienten jährlich. Wichtig für die Praxis: Generische Scores wie SCORE2 oder QRISK unterschätzen das Risiko bei mehreren entzündlich-rheumatischen Erkrankungen häufig. Die Leitlinie erlaubt daher den Einsatz krankheitsspezifischer Multiplikatoren (z. B. Faktor 1,5 bei RA) sowie ergänzender Verfahren wie Karotis-Sonographie oder spezialisierter Tools (etwa aGAPSS-CVD bei APS).

Besonders zu beachten bei einzelnen Entitäten:

  • RA: Herzklappenveränderungen (v. a. Mitralinsuffizienz) und Vorhofflimmern (Inzidenz ca. 40 % erhöht) sind häufiger als angenommen; die koronare Herzkrankheit ist bei älteren RA-Patienten hochprävalent.
  • Systemische Sklerose: Myokardfibrose, diastolische Dysfunktion und pulmonal-arterielle Hypertonie sind prognostisch entscheidend – NT-proBNP, Troponin und CMR-Late-Gadolinium-Enhancement helfen bei der Risikoeinschätzung.
  • Riesenzellarteriitis: Aortale Spätkomplikationen (Aneurysma, Dissektion) treten oft erst rund fünf Jahre nach Diagnose auf; ein Grund für strukturierte bildgebende Verlaufskontrollen auch nach der Akutphase.
  • AAV: deutlich erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz, Rhythmusstörungen und Mortalität besonders im ersten Jahr nach Diagnosestellung.

Was das für die Sprechstunde bedeutet – eine praktische Checkliste

  1. Aufklären: Patienten über das erhöhte kardiovaskuläre Risiko informieren; das ist selbst ein Empfehlungsgrad-A-Statement.
  2. Aktivität kontrollieren: Treat-to-Target der rheumatischen Grunderkrankung ist die wirksamste kardiovaskuläre Präventionsmaßnahme, die die Rheumatologie beisteuern kann.
  3. Regelmäßig screenen: Blutdruck und Lipide kontinuierlich, kardiovaskuläres Gesamtrisiko mindestens alle fünf Jahre (Hochrisiko: jährlich).
  4. Bei der Substanzwahl mitdenken: MTX und TNFi bei bestehender Indikation auch als kardiovaskulär günstige Optionen werten; bei JAK-Inhibitoren bei Risikopatienten besonders sorgfältig abwägen und Statintherapie bei Dyslipidämie nicht vergessen.
  5. Glukokortikoide und NSAR minimieren: niedrigste wirksame Dosis, kürzeste mögliche Dauer.
  6. Lebensstil aktiv ansprechen: Gewicht, Ernährung, Bewegung sind mehr als Zusatzempfehlung, sie sind Grad-A-Empfehlungen.
  7. Interdisziplinär denken: Bei kardialen Symptomen oder auffälligen Biomarkern frühzeitig mit Kardiologie/Angiologie/Hausarztpraxis rücksprechen, die Leitlinie ist explizit als Schnittstellen-Instrument gedacht.

Fazit

Die neue S3-Leitlinie liefert erstmals einen übergreifenden, evidenzbasierten Rahmen für ein Thema, das in der Versorgung von Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen bislang oft nachrangig behandelt wurde. Für die Praxis lässt sich die Kernbotschaft auf einen Nenner bringen: Kardiovaskuläre Prävention ist integraler Bestandteil des Rheuma-Managements; nicht additiv, sondern von der Erstdiagnose an mitzudenken, mit besonderem Augenmerk auf Krankheitsaktivität, Substanzwahl und regelmäßige Risikoerfassung.

Quelle
  1. S3-Leitlinie „Management kardiovaskulärer Komorbiditäten entzündlich-rheumatischer Erkrankungen", AWMF-Register-Nr. 060-010, Version 1.0, Stand 12.03.2026, publiziert bei AWMF online. Federführende Fachgesellschaft: Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. (DGRh). Vollständige Langfassung: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/060-010.