Auswirkungen verzögerter OPs beim RCC

Bereits des Öfteren haben wir in den vergangenen Wochen hinter die Kulissen der urologischen Praxis in Coronazeiten geblickt. Welche Langzeitauswirkungen drohen infolge von Terminverschiebungen und nachlassender Vorsorgeteilnahme aus Angst vor Ansteckung? Für das Nierenzellkarzinom gibt es dazu erste Erfahrungen aus Vor-Corona-Tagen.

Bereits des Öfteren haben wir in den vergangenen Wochen hinter die Kulissen der urologischen Praxis in Coronazeiten geblickt. Welche Langzeitauswirkungen drohen infolge von Terminverschiebungen und nachlassender Vorsorgeteilnahme aus Angst vor Ansteckung? Für das Nierenzellkarzinom gibt es dazu erste Erfahrungen und Richtwerte, die in der Praxis helfen können. So scheinen kürzere Verschiebungen zumindest bei Tumoren vom Grad T2 das Gesamtüberleben nicht oder nicht wesentlich zu verschlechtern.

Das Patientengut der Studie umfasste mehr als 11.800 Menschen, die wegen einer als T2N0M0 klassifizierten Läsion in den Nieren zwischen 2004 und 2015 operativ behandelt wurden. Obgleich die Studienpopulation also aus Vor-Corona-Zeiten stammt, lassen sich hier dennoch wichtige Erkenntnisse ableiten, wie mit einer verzögerten Operation bei ähnlichen Patient*innen in der Pandemie umzugehen ist.

Bis zu zwei Monate Verzug sind möglich

Als Hauptergebnis fanden die Autor*innen der retrospektiven Studie, dass ein Operationsverzug von bis zu zwei Monaten beim Nierenzellkarzinom im klinischen Stadium T2 (cT2) keine signifikanten Einschränkungen für das Gesamtüberleben bedeutete. Anders sieht es jedoch bei einem Operationsaufschub um drei bis vier Monate [HR = 1,12] oder darüber hinaus (5-6 Monate) aus [HR = 1,51].

Wurden "gesunde" Patient*innen ohne weitere Komorbiditäten als Grundlage betrachtet, so fand sich ein schlechteres Gesamtüberleben lediglich bei denjenigen, deren cT2-Läsionen länger als fünf bis sechs Monate nicht operiert werden konnten [HR = 1,68; p = 0,002]. Nach drei bis vier Monaten wurde indes keine statistische Signifikanz mehr erreicht.

Übertragung der Ergebnisse auf die aktuelle Pandemie-Situation

Die vorliegende Arbeit ist eine der wenigen retrospektiven Studien, die sich mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit Verzögerungen bei onkologisch-indizierten Operationen zu Nachteilen für die Patient*innen oder gar zu einem schlechteren Gesamtüberleben führen. Hauptgründe für die aufgetretenen Verzögerungen bei den notwendigen Operationen waren vor allem ein höheres Lebensalter sowie Komorbiditäten der Patient*innen.

In der aktuellen COVID-19-Pandemie kommt zu den vorgenannten Gründen noch Angst hinzu, sich im Krankenhaus mit SARS-CoV-2 zu infizieren. In der Folge bleiben Patient*innen den Kliniken fern oder müssen je nach Notlage Operationen auch von Seiten des Klinikums verschoben werden.

Gerade für die Pandemie-Situation liefert die retrospektive Arbeit hier wertvolle Daten, die zeigen, dass kleinere Verzögerungen bis zu zwei Monaten bei Patient*innen mit T2 Nierenzellkarzinomen durchaus toleriert werden können, ohne dabei das Mortalitätsrisiko infolge der Tumorerkrankung zu erhöhen.

Darüber hinaus muss zwischen vorerkrankten und gesunden Patient*innen unterschieden werden. Erstere sollten nach Möglichkeit auch in der COVID-19-Pandemie nicht länger als zwei Monate aufgeschoben werden. Hier drohen oberhalb dieses Zeitfensters durchaus negative Folgen für das Gesamtüberleben. Bei ansonsten gesunden Patient*innen indes wäre ein Aufschub von bis zu drei oder vier Monaten gefahrlos möglich, so die Studienergebnisse.

Fazit für die Praxis

Altersbedingt sowie in Abhängigkeit von Komorbiditäten oder aufgrund der aktuellen Coronalage kann es im Bereich der operativen Versorgung von Patient*innen mit Nierenzellkarzinom zu verzögerten Operationen kommen. Dies wirkt sich im Falle ansonsten gesunder Patient*innen bis zu einer Rückstellung von drei oder vier Monaten nicht negativ auf das Gesamtüberleben aus. Anders bei den vorerkrankten oder älteren Patient*innen: Hier sind Verschiebungen oberhalb von zwei Monaten durchaus mit einem höheren Risiko für ein schlechteres Gesamtüberleben verbunden.

Wichtig ist darüber hinaus, dass jede Entscheidung für oder gegen einen Operationsaufschub immer eine individuelle Entscheidung darstellt und somit von der Gesamtverfassung der Patient*innen abhängt. Auch sagen die präsentierten Daten nichts über den Verlauf niedrig- oder höhergradiger Nierenzellkarzinome aus, sodass die Auswirkungen eines Behandlungsaufschubes auf den Krankheitsverlauf für diese Patient*innen ebensowenig extrapoliert werden können.

Positiv bleibt jedoch, dass es grundsätzlich möglich ist, onkologisch indizierte Operationen für eine gewisse Zeit aufzuschieben, ohne dass den Patient*innen daraus gleich Nachteile erwachsen müssen. Ein verbessertes Impfmanagement kann zusätzlich Ängste abbauen und die angespannte Pandemielage an den Kliniken langfristig entschärfen. Operationen könnten dann auch wieder bei entsprechender Indikation und frühzeitig stattfinden. 

Originalquelle:
Ginsburg KG et al., Association of Surgical Delay and Overall Survival in Patients With T2 Renal Masses: Implications for Critical Clinical Decision-making During the COVID-19 Pandemic. Urology 2021; 147: 50−56

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