Routinemäßige versus selektive Kalziumsupplementierung nach totaler Thyreoidektomie

Alle Patienten nach Thyreoidektomie prophylaktisch substituieren oder nur diejenigen mit erniedrigtem PTH? Dieser Frage gingen Forscher aus Kolumbien auf den Grund.

Hypokalzämie nach Thyreoidektomie:

  • Eine postoperative Hypokalzämie ist die häufigste Komplikation nach einer totalen Thyreoidektomie. Sie tritt bei bis zu 40 % der Patienten auf.
  • Die Hypokalzämie steht in erster Linie im Zusammenhang mit intraoperativen Verletzungen oder einer Devaskularisierung der Nebenschilddrüsen und führt zu einem vorübergehenden oder dauerhaften Hypoparathyreoidismus.
  • Die klinischen Symptome reichen von leichten Parästhesien und Muskelkrämpfen bis hin zu schweren Komplikationen wie Tetanie, Herzrhythmusstörungen und Krampfanfällen.
  • Zur Behandlung einer manifesten Hypokalzämie werden Kalzium und Calcitriol eingesetzt; zusätzlich erfolgt in vielen Zentren eine routinemäßige prophylaktische Supplementierung nach der Operation.

Bei der Therapie einer postoperativen Hypokalzämie werden zwei Hauptstrategien unterschieden:

  1. routinemäßige prophylaktische Supplementierung mit Kalzium und Calcitriol (C+C) für alle Patienten
  2. selektive Supplementierung auf der Grundlage einer frühzeitigen postoperativen Parathormon-(PTH)-Messung

Gratwanderung zwischen Hypo- und Hyperkalzämie 

Die routinemäßige Verabreichung von C+C kann eine Hypokalzämie verhindern, birgt aber zugleich das Risiko einer Übertherapie mit Nebenwirkungen wie gastrointestinalen Symptomen bis hin zum akuten Nierenversagen. Die selektive Strategie beruht dagegen auf dem postoperativen PTH-Wert als Prädiktor für eine Hypokalzämie.

In ihrer multizentrischen, randomisierten klinischen Studie nahmen die Forscher 258 Patienten auf, die sich einer totalen Thyreoidektomie aufgrund einer benignen oder malignen Erkrankung unterzogen. Sie wurden im Verhältnis 1:1 randomisiert und erhielten Calciumcarbonat (1.200 mg alle 8 Stunden) und Calcitriol (0,25 μg alle 12 Stunden):

  • entweder routinemäßig 15 Tage lang nach dem Eingriff (C+C-Gruppe)
  • oder lediglich bei einem PTH-Wert von weniger als 15 pg/ml, gemessen 4 Stunden nach der Operation (PTH-Gruppe)

Der primäre Endpunkt war die Inzidenz symptomatischer Hypokalzämien innerhalb von 15 Tagen nach der Operation, anhand eines validierten Fragebogens zu den Hauptsymptomen eines Hypoparathyreoidismus. Zu den sekundären Endpunkten gehören eine biochemische Hypokalzämie sowie unerwünschte Ereignisse im Zusammenhang mit der Supplementierung.

PTH-Messung senkt Bedarf an Kalziumsupplementierung 

Eine symptomatische Hypokalzämie trat insgesamt bei 9,3 % der Patienten auf, davon 7,8 % in der PTH-Gruppe und 11,1 % in der C+C-Gruppe. Der Unterschied war jedoch nicht signifikant (Odds Ratio [OR] 0,68; 95 % KI 0,29–1,57; P = 0,36). Eine biochemische Hypokalzämie wurde bei 21,6 % in der PTH-Gruppe und bei 17,6 % in der C+C-Gruppe beobachtet, auch hier ohne statistische Signifikanz (OR 1,29; 95 % KI 0,57–2,93; P = 0,53). Allerdings war eine postoperative Kalziumergänzung in der PTH-Gruppe nur bei etwa einem Drittel der Patienten erforderlich.

Unerwünschte Ereignisse und Komplikationen, die typischerweise mit einer Kalziumergänzung verbunden sind, waren in beiden Gruppen ähnlich und traten insbesondere bei der routinemäßigen Prophylaxe nicht häufiger auf.

Für die Studienautoren sind damit beide Strategien probate Therapieoptionen. Die routinemäßige C+C-Gabe scheine sicher zu sein und das Risiko für Hyperkalzämie-bedingte Symptome nicht zu erhöhen; andererseits könne mit der PTH-gesteuerten Strategie der Bedarf an Supplementierung reduziert werden.

Sie plädieren daher für einen pragmatischen Ansatz: Die Wahl der Strategie solle von der Verfügbarkeit von PTH-Tests, der Durchführbarkeit im Rahmen einer ambulanten Thyreoidektomie und den Präferenzen des Chirurgen abhängig gemacht werden.

Quelle:
  1. Garcia-Lozano C et al., Routine vs Selective Calcium Supplementation After Total Thyroidectomy. A Randomized Clinical Trial. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2026, online 19. Februar.