Wirkung von 100 mg Aspirin ist gewichtsabhängig

In Deutschland werden im Allgemeinen 100 mg Acetylsalicylsäure (ASS) verordnet. Eine gewichtsadaptierte Dosisanpassung wird nicht vorgenommen. Doch eine im renommierten Fachblatt Lancet publizierte Studie könnte das Konzept einer einzigen Dosis über den Haufen werfen.

Lancet-Studie stellt den "one-dose-fits-all" Ansatz infrage

Niedrigdosiertes Aspirin gilt seit langem als Standardmedikament in der Primär- und Sekundärprävention kardiovaskulärer Ereignisse. In Deutschland werden im Allgemeinen 100 mg Acetylsalicylsäure (ASS) verordnet. Eine gewichtsadaptierte Dosisanpassung wird nicht vorgenommen. Doch eine im renommierten Fachblatt Lancet publizierte Studie könnte das Konzept einer einzigen Dosis über den Haufen werfen.

Das Wirkungsparadox von Aspirin

Die Wirkung von ASS beruht auf der irreversiblen Hemmung der Cyclo-Oxygenase-1 (COX-1), die zu einer fast vollständigen Aufhebung der Thromboxanproduktion und damit zu einer stark reduzierten Plättchenaggregation führt. Seit Jahren fragen sich jedoch Wissenschaftler, warum die beobachtete Risikoreduktion kardiovaskulärer Ereignisse durch ASS nur moderat ausgeprägt ist. Bisher konnte auch nicht geklärt werden, warum niedrigdosiertes ASS Schlaganfälle nur bei Frauen verhindert, während Männer dazu hochdosiertes ASS benötigen – bei identischem Body-Mass-Index. Das Team um Peter Rothwell von der Universität Oxford vermutet, dass das Körpergewicht einen entscheidenden Einfluss auf die Wirkung von Aspirin haben könnte.

Die Forscher untersuchten daher in einer Metaanalyse neun großangelegte Studien zur Primärprävention von Aspirin mit über 100.000 Teilnehmern und 4 kleinere Studien zur Sekundärprävention. Die verwendete ASS-Dosis unterschied sich dabei je nach Studie und wurde von den Wissenschaftlern in Low-Dose ASS (75 – 100 mg) und High-Dose ASS (300 – 325 mg oder 500 mg) eingeteilt. Das mittlere Körpergewicht der Patienten reichte in den Studien von 60 bis 81 kg.

Low-Dose ASS wirkt nur bei einem Körpergewicht von 50 – 69 kg

Die Patienten wurden in zwei Gruppen eingeteilt, mit 70 kg Körpergewicht als Schnittpunkt. Die Daten zeigen: Überraschenderweise haben nur Patienten unter 70 kg von der primärpräventiven Wirkung von Low-Dose ASS in Bezug auf kardiovaskuläre Ereignisse profitiert (Hazard Ratio [HR] 0,77; 95%iges Konfidenzinterval [KI] 0,68 – 0,87; p < 0,0001).

Eine genauere Analyse dieser Gruppe zeigt, dass Low-Dose ASS sogar nur bei Patienten mit einem Gewicht von 50 bis 69 kg wirksam war (HR 0,75; 0,65 – 0,85; p < 0,0001), während sehr schlanke Patienten mit weniger als 50 kg Körpergewicht nicht profitierten (HR 1,25; 0,74 – 2,09; p = 0,4). Die Einnahme von magensaftresistenten ASS-Tabletten und ein Nikotinabusus verschlechterte die Wirkung von Low-Dose ASS ebenfalls.

Patienten über 70 kg benötigen hochdosiertes ASS

Auch bei Patienten mit einem Körpergewicht über 70 kg blieb Low-Dose ASS ohne Effekt (HR 0,94; KI 0,86 – 1,04; p = 0,24). Überraschenderweise stellten die Forscher sogar einen Anstieg tödlicher kardiovaskulärer Ereignisse um 33 % in dieser Patientengruppe fest (HR 1,33; KI 1,08 – 1,64; p = 0,0082). Eine Erklärung für diese paradoxe Wirkung könnte in der ineffektiven ASS-Dosis bei gleichzeitiger Gegenregulation anderer Signalwege liegen, die wiederum die Blutgerinnung verstärken könnten.

Höhergewichtige Patienten benötigen daher wohl auch eine höhere Aspirindosis. Dies zeigen auch die Daten der Metaanalyse: So konnte eine Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse bei Patienten mit mehr als 70 kg Körpergewicht nur mit 300 – 325 mg High-Dose ASS erreicht werden (HR 0,79; 0,70 – 0,90; p = 0,0005). Bei Patienten über 90 kg war sogar nur die 500 mg Dosis effektiv (HR 0,45; KI 0,26 – 0,79; p = 0,005).

Low-Dose ASS reduziert Krebsrisiko nur bei Normalgewichtigen

In einem weiteren Schritt untersuchten die Wissenschaftler den Effekt von Aspirin auf das Krebsrisiko am Beispiel des Kolonkarzinoms und nutzen dazu die Daten von über 73.000 Patienten. Low-Dose ASS konnte bei Patienten mit weniger als 70 kg Körpergewicht das 20-Jahres-Risiko für die Entwicklung eines Kolonkarzinoms um 36 % senken (HR 0,64; 0,50 – 0,82; p = 0,0004), während Patienten mit einem höheren Gewicht kein niedrigeres Krebsrisiko aufwiesen (HR 0,87; 0,71 – 1,07; p = 0,32).

Die Forscher fanden auch, dass Low-Dose ASS für Patienten ab einem Alter von 70 Jahren und mit einem Körpergewicht unter 70 kg schädlich sein kann. Diese Gruppe zeigte ein 31 % erhöhtes 3-Jahres-Krebsrisiko (HR 1,31; 1,07 – 1,61; p = 0,009). Die Forscher vermuten, dass Abbauprodukte des Aspirins bei älteren Patienten aufgrund verminderter renaler Elimination das Krebswachstum beschleunigen könnten.

Übergewichtige Patienten benötigen zur Darmkrebsprävention dagegen eine stärkere Aspirindosis. So zeigen die Daten, dass 325 mg ASS bei Patienten bis 80 kg Körpergewicht das Risiko für Darmkrebs um 31 % senkt (HR 0,69; 0,55 – 0,87; p = 0,0014). Nicht untersucht wurde, ob Patienten mit einem Gewicht über 80 kg eventuell von 500 mg ASS profitieren könnten.

Mehrheit der Patienten könnte falsch dosiert sein

Die Ergebnisse dieser Metaanalyse zeigen eindeutig, dass das „one-dose-fits-all“-Konzept (deutsch: eine Dosis für alles) für Aspirin infrage gestellt werden muss. Vielmehr hängt die plättchenhemmende Wirkung vom Körpergewicht ab. Die Wissenschaftler resümieren, dass Aspirin in den ausgewählten Studien bei 80 % der Männer und 50 % der Frauen aufgrund des Körpergewichts unwirksam war. Eine Übertragung dieser Daten auf die Allgemeinbevölkerung würde bedeuten, dass Aspirin bei Hunderttausenden Deutschen zu niedrig dosiert sein könnte. Eine höhere ASS-Dosis geht jedoch auch immer mit einem erhöhten Blutungsrisiko einher, insbesondere im gastrointestinalen Bereich. Daher sollten vor einer endgültigen Anpassung der Leitlinien noch weitere placebokontrollierte Studien den Zusammenhang von ASS und Körpergewicht untersuchen.

Quelle:
Rothwell PM et al. Effects of aspirin on risks of vascular events and cancer according to bodyweight and dose: analysis of individual patient data from randomised trials. The Lancet. Published: 12 July 2018. Link zur Studie.

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