Handhalten kann Hirnwellen synchronisieren und Schmerz lindern

Warum halten wir schmerzhafte Prozeduren besser aus, wenn eine vertraute Person dabei die Hand hält? Eine neue Studie fand die faszinierende Antwort mittels EEG: Berührung führt zur Kopplung zwischen beiden Gehirnen.

Erstaunliche Wirkung von Berührung

Warum halten wir schmerzhafte Prozeduren besser aus, wenn eine vertraute Person dabei die Hand hält? Eine neue Studie fand die faszinierende Antwort mittels EEG: Berührung führt zur Kopplung zwischen beiden Gehirnen.

Wohl jeder kennt das Phänomen aus eigener Erfahrung: wird es bei einem Eingriff ohne Narkose haarig oder ist jemand verletzt, hilft eine Hand, die man drücken kann. Inzwischen ist bekannt, dass dies viel mehr als nur eine beruhigende, empathische Geste ist, sondern, dass es tatsächlich den Schmerz lindert – die zugrunde liegenden Mechanismen waren jedoch bislang unklar. 

Bessere Schmerzverarbeitung durch soziale Interaktion

Frühere Arbeiten betonten vornehmlich die Rolle der Empathie des Beobachters für die Schmerzlinderung beim Betroffenen. Doch es sieht so aus, dass die Berührung selbst (oder zumindest eine soziale Interaktion) von Bedeutung für den analgetischen Effekt ist.

Eine neue Studie1,2 führte an gesunden Paaren, die zum Zeitpunkt der Untersuchung mindestens ein Jahr zusammen waren, EEGs durch. Hierbei war immer ein Teilnehmer Schmerzempfänger und einer Beobachter. Die Messungen wurden für verschiedene Konstellationen verglichen: mit und ohne Schmerzreiz (definierter thermischer Reiz am Unterarm), mit und ohne Handhalten (ohne Körperkontakt, aber mit Partner anwesend versus Partner gar nicht im Raum).

Je stärker die Empathie, desto größer Synchronisation und analgetische Wirkung

In Übereinstimmung mit einer Vorarbeit der Autoren führte die Berührung des Partners zu einem analgetischen Effekt. Die Schmerzforscher der Universität Colorado und Haifa konnten dabei erkennen, dass Händehalten während des Schmerzreizes die Kopplung zwischen den Gehirnen beider Partner erhöhte.
Die Stärke der vom tröstenden Partner empfundenen Empathie korrelierte mit dem Ausmaß der Synchronisierung der Hirnwellen und dem Grad der Analgesie. Also je empathischer die Verbindung, desto größer der Effekt.

Um eine zufällige Kopplung der Hirnwellen auszuschließen, bezogen die Wissenschaftler den Grundzustand (synchron aufgezeichnetes EEG für beide Partner ohne Interaktion) in ihre Berechnungen mit ein. Die drei Kontrollsituationen (Berührung ohne Schmerz, Schmerz und keine Berührung und weder Schmerz noch Berührung) gingen mit deutlich weniger Synchronizität einher.

Warum wirkt interpersonelle Synchronisation schmerzlindernd?

Für den analgetischen Effekt der Berührung halten die Autoren zwei Erklärungen für möglich:

Die Berührung des Beobachters steigert die Gehirn-zu-Gehirn-Kopplung, wodurch der Empfänger sich verstanden fühlt. Hierüber werden Belohnungsschleifen aktiviert, die die Schmerzverarbeitung beeinflussen. Auch andere Studien konnten nachweisen, dass das Erlebnis von Synchronizität Belohnungsmechanismen aktiviert.

Eine andere These ist, dass wir Menschen, mit denen wir zusammen sind, physiologisch spiegeln. Zahlreiche Studien beobachteten ähnliche Muster der Gehirnaktivierung bei Empfängern und Beobachtern. Die Berührung scheint einen empathischen Austausch zu ermöglichen, durch den auch der Beobachter den Schmerz miterlebt und gleichzeitig emotionale Unterstützung an den Betroffenen überträgt. Dies wird als physiologische Kopplung messbar (häufig kommt es durch Berührung auch zu Synchronisation von Herzschlag und Atemfrequenz) und resultiert in Analgesie.

Ausblick

"In unserer heutigen modernen Welt haben wir viele andere Kommunikationsarten entwickelt, aber haben weniger körperliche Interaktionen. Diese Arbeit veranschaulicht die Kraft und Wichtigkeit menschlicher Berührung." sagt Erstautor Pavel Goldstein zu den Ergebnissen.

Diese Studie liefert damit eine wichtige Einsicht, hat aber zwei Limitationen: die Stichprobe war relativ klein (n = 44) und die Interaktion wurde nur in eine Richtung untersucht (die Rolle des Schmerzempfängers lag immer bei der Frau). Wie stark solche Effekte in die Gegenrichtung (Frau als Beobachter) oder auch zwischen Freunden oder Fremden ausfallen, wäre ein spannendes Thema, welches bislang noch wenig erforscht ist.

Literatur:
1. Goldstein, P., Weissman-Fogel, I., Dumas, G. & Shamay-Tsoory, S. G. Brain-to-brain coupling during handholding is associated with pain reduction. Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 115, E2528–E2537 (2018).
2. Holding hands can sync brainwaves, ease pain, study shows. ScienceDaily Available at: https://www.sciencedaily.com/releases/2018/03/180301094822.htm. (Accessed: 19th June 2018)

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