Peter K., ein 41-jähriger Mann, stellte sich drei Tage nach einer Zahnextraktion mit anhaltender oraler Blutung in der Notaufnahme vor.
Der Eingriff umfasste die Entfernung eines Unterkiefermolaren, der von einer fortgeschrittenen Parodontitis betroffen war, und wurde unter Lokalanästhesie in einer zahnärztlichen Privatpraxis durchgeführt. Laut Operationsbericht verlief die Extraktion technisch komplikationslos, und der Patient wurde mit standardmäßigen postoperativen Anweisungen entlassen.
Bereits wenige Stunden nach dem Eingriff entwickelte der Patient jedoch eine anhaltende Sickerblutung aus der Extraktionswunde, die eine wiederholte Kompression mit Mullkompressen zu Hause erforderlich machte. In den folgenden zwei Tagen sistierte die Blutung nicht vollständig und war durch eine intermittierende Koagelauflösung gekennzeichnet, was mehrfache Nachuntersuchungen durch den behandelnden Zahnarzt zur Folge hatte.
Mehrere lokale Maßnahmen wurden versucht, darunter die erneute Naht der Alveole und Applikation topischer Hämostatika. Diese Interventionen führten nur zu einer partiellen und vorübergehenden Blutstillung.
Aufgrund der anhaltenden Blutung trotz wiederholter lokaler Interventionen, stellte sich der Patient in der Notaufnahme vor und wurde zur weiteren Abklärung und Überwachung stationär aufgenommen.
Der Patient gab einen guten allgemeinen Gesundheitszustand an. Er verneinte frühere Episoden abnormer Blutungen, leichte Hämatome, Epistaxis, Hämarthrosen oder prolongierte Blutungen nach leichten Traumata. Zuvor hatte er sich zahnärztlichen Eingriffen stets ohne Komplikationen unterzogen.
Es war keine familiäre Blutungsanamnese bekannt. Er nahm keine antikoagulatorische oder thrombozytenaggregationshemmende Therapie ein. Er verneinte exzessiven Alkoholkonsum und hatte keine Vorgeschichte, die auf eine chronische Leber- oder Nierenerkrankung hindeutete.
Zum Zeitpunkt der Untersuchung waren die Vitalparameter stabil. Die orale Inspektion zeigte eine langsame, aber kontinuierliche Blutung aus der Extraktionsalveole, verbunden mit einem gingivalen Ödem, jedoch ohne purulente Sekretion oder Zeichen einer offensichtlichen Infektion. Es wurden keine Petechien, Ekchymosen oder andere mukokutane Blutungsmanifestationen beobachtet.
Zu diesem Zeitpunkt erschien das klinische Bild überwiegend lokal bedingt. Eine Entzündung der Alveole, verzögerte Koagelstabilisierung oder mechanische Koageldislokation wurden als plausible Erklärungen in Betracht gezogen.
Initiale Labordiagnostik
Basislabortests wurden durchgeführt, um häufige systemische Blutungsursachen auszuschließen:
- Hämoglobin: 12,8 g/dl (leicht reduziert im Vergleich zum Ausgangswert des Patienten von 14,5 g/dl);
- Thrombozytenzahl: 245×10⁹/l (im Normbereich);
- Prothrombinzeit (PT): 12,1 Sekunden; INR: 1,05 (im Referenzbereich);
- Aktivierte partielle Thromboplastinzeit (aPTT): 36,4 Sekunden (institutioneller Referenzbereich: 24–34 Sekunden).
Die moderate aPTT-Verlängerung – nur 2,4 Sekunden über der oberen Normgrenze – wurde zunächst als klinisch unspezifisch interpretiert, insbesondere in Abwesenheit einer persönlichen oder familiären Blutungsanamnese. Auf dieser Grundlage blieb die Arbeitsdiagnose eine persistierende postoperative Blutung lokaler Genese.
Ein weiterer Versuch der lokalen Hämostase wurde unternommen, bestehend aus Spülung der Alveole, fester Tamponade mit Jodoformgaze und Achternaht. Trotz dieser Maßnahmen trat die Blutung innerhalb von Stunden erneut auf.
Ein klinisch irreführendes Laborprofil
An diesem Punkt begann der Fall, Besorgnis zu erregen.
Das Blutungsmuster erschien unverhältnismäßig zu den lokalen Befunden und refraktär gegenüber technisch adäquater lokaler Behandlung. Gleichzeitig bot das routinemäßige Gerinnungsscreening keine definitive systemische Erklärung.
Diese Diskordanz zwischen dem klinischen Verhalten der Blutung und dem scheinbar beruhigenden Laborprofil veranlasste eine Neubewertung des diagnostischen Rahmens.
Wiederholte Labortests bestätigten:
- Thrombozytenzahl: normal;
- PT/INR: im Referenzbereich;
- aPTT: persistierend verlängert, jedoch nur moderat (ca. 50–60 Sekunden, abhängig vom Assay).
Wichtig war, dass das Ausmaß der aPTT-Verlängerung unzureichend blieb, um den Schweregrad und die Persistenz der Blutung eindeutig zu erklären, und isoliert betrachtet gemäß lokaler Protokolle keine dringende hämatologische Intervention erforderte.
Mehrere diagnostische Hypothesen wurden erwogen, darunter:
- persistierende lokale entzündliche Blutung;
- eine subtile Thrombozytenfunktionsstörung;
- eine erworbene Gerinnungsstörung;
- eine zuvor nicht diagnostizierte kongenitale Blutungsstörung mit begrenzter phänotypischer Ausprägung.
Die Abwesenheit einer persönlichen oder familiären Blutungsanamnese sprach weiterhin gegen eine hereditäre Störung und verstärkte die diagnostische Unsicherheit.
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- Fan G, Shen Y, Cai Y, Zhao JH, Wu Y. Uncontrollable bleeding after tooth extraction from asymptomatic mild hemophilia patients: two case reports. BMC Oral Health. 2022 Mar 13;22(1):69. doi: 10.1186/s12903-022-02074-9. PMID: 35282827; PMCID: PMC8919556.
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