Therapie und Verlauf
Das Zusammentreffen eines Aufenthaltes in waldiger Natur mit dem Auftreten pruriginöser (heftig juckender) knotiger Infiltrate spricht zunächst für das Vorliegen einer Iktusreaktion, also einer Insektenstichreaktion. Zumeist ist das konkrete ursächliche Insekt nicht eruierbar, doch wird von den meisten Betroffenen die grundsätzliche Anwesenheit von Mücken, Bremsen o.Ä. wahrgenommen. Im frühen Frühjahr ist die Belastung durch Stechinsekten allerdings in der Regel noch gering. Demnach hatte die Patientin im vorliegenden Fall auch keinen Angriff durch Insekten oder Anthropoden bemerkt, was sie selbst verwunderte. Sehr wichtig war hier jedoch der Hinweis auf gespinstartige Strukturen in einigen Sträuchern.
Der Eichenprozessionsspinner – Biologie und Verbreitung
Ab April/Mai bilden die Raupen des „Eichenprozessionsspinners“ (lat. Thaumetopoea processionea) Nester an Eichen sowie an anderen Gehölzen oder Stauden, die bei oberflächlicher Betrachtung mit Spinnennetzen verwechselt werden können. Es handelt sich dabei um Schmetterlingsraupen, deren Brennhaare beim Menschen schwere allergische Reaktionen – die sogenannte „Raupendermatitis“ – auslösen können. Der Name „Eichenprozessionsspinner“ stammt von der Eigenart der haarigen Raupe ab, sich zur Nahrungssuche hintereinander oder nebeneinander zu bewegen, also eine "Prozession" durchzuführen. Thaumetopoea processionea breitete sich seit etwa 1995 auch in Deutschland aus, zunächst überwiegend in Bayern, Mittel- und Unterfranken. Inzwischen ist er jedoch ubiquitär anzutreffen, und durch den Klimawandel ist der Eichenprozessionsspinner (EPS) seit einigen Jahren auch ganz besonders in Berlin und Brandenburg heimisch geworden. Betroffen sind nicht nur lichte Eichenwälder und Waldränder, sondern auch Alleen und Parkanlagen im gesamten Stadtgebiet Berlins sowie in Brandenburg. Die Thaumetopoea processionea ist aktuell in Berlin und Brandenburg wieder in Hochsaison. In Brandenburg wird für 2026 sogar eine massive Raupenplage erwartet, insbesondere in Regionen wie der Prignitz. Es handelt sich um die Raupe eines an sich unscheinbaren grauen Schmetterlings. Sie befällt vorzugsweise, aber nicht ausschließlich, Eichen und verursacht massiven Fraßschaden an den Bäumen. Die „Eichenprozessionsspinner“ leben im Familienverband in „Gespinstnestern“, von denen aus sie „prozessionsartig“ auswandern. Dabei bilden sie lange kettenartige Gebilde, die möglicherweise potenziellen Fressfeinden eine abschreckende Schlange vorgaukeln sollen.
Entwicklungsstadien und Gefährdungspotenzial der Brennhaare
Die für den Menschen gefährlichen Raupen des „Eichenprozessionsspinners“ schlüpfen Anfang Mai und durchlaufen bis zur Verpuppung Ende Juni/Anfang Juli fünf bis sechs Entwicklungsstadien. Ab dem dritten Larvenstadium wachsen die sehr feinen giftigen Brennhaare heran, die sehr leicht brechen und durch den Luftstrom bis über 100 m weit getragen werden. Auch nach dem Schlüpfen bleiben an den Larvenhäuten in den Nestern Brennhaare zurück, die bis zu einem Jahr lang giftig bleiben können. Gespinstnester an Bäumen und auf dem Boden bleiben daher eine noch lange bestehende Gefahrenquelle.
Ähnlich wie beim Kontakt mit Nesseln bestimmter Quallenarten erzeugen die Brennhaare des „Eichenprozessionsspinners“ entzündliche, urtikariell-pruriginöse, teils sogar blasig-hämorrhagische, juckende oder brennende Hautläsionen. Diese sind zumeist streng auf die Kontaktareale begrenzt, sodass eben textilgeschützte Areale nicht betroffen sind.
Auslöser der Raupendermatitis ist das in den mit Widerhaken versehenen Nesselhaaren vorkommende Thaumetopoetin, ein hitzestabiles lösliches Protein, das heftigste Reizungen an Haut und Schleimhäuten verursacht und sogar zum tödlichen allergischen Schock führen kann. Die Intensität der Reaktion hängt stark von der individuellen Reaktionsbereitschaft ab. Seltener können die obligat irritativ-toxisch wirkenden Eiweiße ausgeprägte allergische Reaktionen mit Manifestationen außerhalb der Kontaktstellen sowie potenziell lebensbedrohliche Systemreaktionen hervorrufen. Auch Hunde und andere Haustiere sind gefährdet, wenn sie an den Raupen schnüffeln oder mit ihnen in Berührung kommen.
Diagnosestellung und Therapieverlauf im vorliegenden Fall
Das klinische Bild und die detaillierte Anamnese eines zeitlichen Zusammenhanges mit dem Kontakt zu mutmaßlich vom „Eichenprozessionsspinner“ befallenen Jasminstauden, ohne Hinweis auf stechende Insekten, ließen die Diagnose einer Raupendermatitis mit großer Sicherheit zu. Initial wurde eine Lokaltherapie mit Clobetasol über wenige Tage hinweg eingeleitet, um die starke Entzündung zurückzudrängen. Diese wurde auf die lokale Fixkombinationstherapie aus Miconazol und Flupredniden umgestellt. Dies geschah zur Behandlung einer beginnenden Superinfektion, die durch Kratzeffekte entstand. Miconazol ist ein Breitspektrumantimykotikum, das mit großer therapeutischer Breite sehr wirksam gegen grampositive Bakterien ist. Die Juckreizstillung erfolgte mit Desloratadin p.o. Unter dieser Behandlung kam es zu einer protrahierten Abheilung über 10 Tage hinweg.
Bei der Raupendermatitis sind stets potente topische Steroide gegen Entzündung und Infiltrat sowie systemische Antihistaminika gegen den meist heftigen Pruritus erforderlich, bei bronchospastischer Symptomatik kommen zusätzlich inhalative Bronchodilatoren und gegebenenfalls ein systemischer Steroidstoß zum Einsatz.
Bei Sichtung von Symptomatik nach Kontakt mit dem „Eichenprozessionsspinner“ sollten die folgenden Verhaltensregeln befolgt werden (Tab. 1 und 2).
Tab. 1: Maßnahmen bei Sichtung.
| Maßnahme | Verhaltensregeln |
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Abstand halten |
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Meldung erstatten |
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Professionelle Entfernung |
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Der Patientin wurde geraten, Erkundigungen über womöglich ähnliche Symptome bei den übrigen Teilnehmern der Pflanzaktion einzuholen und ggf. ärztlich vorzustellen. Außerdem sollte das zuständige Amt über die Gefahrenstelle informiert werden.
Tab. 2 Maßnahmen bei Symptomatik nach Kontakt.
| Symptomatik | Verhaltensregeln |
|---|---|
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Juckreiz, Ausschlag |
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Atemnot |
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Fazit
Der „Eichenprozessionsspinner“ (EPS) stellt aufgrund seiner giftigen Brennhaare eine ernstzunehmende Gefahr in der Natur dar, insbesondere von Mai bis Juli. Die Haare enthalten das Nesselgift Thaumetopoein, das bei Berührung oder Einatmen heftige allergische Reaktionen auslösen kann. Er breitet sich in Deutschland zunehmend aus. Befallende Bereiche sollten gemieden und bei Sichtung Abstand gehalten werden. Nach Kontakt sind Körper und Kleidung gründlich zu reinigen; bei Symptomen ist ärztliche Vorstellung dringend angeraten. Nur Fachfirmen sollten die Nester entfernen.