Das Bundesverdienstkreuz ist eine hohe Auszeichnung. Ich denke dankbar darüber nach, womit ich sie verdient habe. Ganz genau weiß ich das, ehrlich gesagt, nicht. Man wird ja vorgeschlagen – und vermutlich nicht nur einmal.
Was ich weiß: Der Bruder einer ehemaligen Patientin von mir hat nach ihrem Tod einen Brief gefunden, den sie an den Bundespräsidenten schreiben wollte. Darin hatte sie mich vorgeschlagen wegen meiner vielfältigen Aktivitäten und der intensiven Betreuung. Der Bruder hat diesen Brief weitergeleitet und eine Antwort mit Dank für den Vorschlag erhalten. Außerdem habe ich gehört, dass ich dies als Anerkennung meiner internationalen Aktivitäten und meines Engagements zur Information und Aufklärung von Patientinnen erhalten habe. Bereits 2019 bekam ich den Culture of Peace Award for Civic Engagement. Ich weiß es also letztendlich nicht, aber ich freue mich so sehr.
Das bestätigt nicht nur mich, sondern vor allem meine Teams und Netzwerke darin, dass wir offenbar das Richtige tun: Medizin auf höchstem wissenschaftlichen Niveau – und gleichzeitig mit einem ganzheitlichen Blick auf den Menschen in all seinen Facetten.
Meine Familie stammt aus Marokko. 1961 kamen meine Eltern nach Berlin. Sie waren Analphabeten. Mein Vater arbeitete zunächst in einer Kupferraffinerie in Lübeck, meine Mutter kam später nach, arbeitete erst als Bäckerin und dann viele Jahre als Stationshilfe in einem Krankenhaus hier im Wedding – ganz in der Nähe meiner heutigen Klinik. Sie hat Essen vorbereitet, Patientinnen gewaschen und versorgt – und mir dabei ganz nebenbei die Liebe zur Medizin vermittelt.
Ich bin überhaupt der erste Akademiker in meiner gesamten Familie, die mehrere tausend Menschen zählt. Das prägt – und verpflichtet.
Vielleicht gehört auch das dazu: In der siebten Klasse habe ich das Probehalbjahr nicht geschafft. Meine Noten waren zu schlecht – Deutsch 4, Englisch 5, Latein 5, Mathematik 4, Physik 3, Biologie 2, Musik 3, Kunst 5, Sport 2.
Und dennoch kann man Arzt und Professor werden. Ist das nicht wunderbar?
Meine Eltern und meine Familie haben immer an mich geglaubt – ohne Bedingungen, ohne besondere Noten, ohne Vorbehalte. Rückblickend war genau dieses Vertrauen der eigentliche Grundpfeiler meiner Motivation. Nicht Druck, nicht Angst vor dem Scheitern, sondern das Gefühl, dass an einen geglaubt wird und alles möglich ist, hier in Deutschland!
Ich glaube, ohne Leidenschaft ist nachhaltiger Erfolg nicht möglich.
Mich motiviert, dass mir Medizin immer noch große Freude macht – und dass ich sie gleichzeitig hinterfragen und neu gestalten darf. Das ist in Deutschland möglich, aber auch im internationalen Kontext. Diese Gestaltungsmöglichkeit sowohl in der klinischen Praxis als auch Forschung, aber auch bei anderen gesellschaftsrelevanten Themen, wie Diskriminierung und Rassismus, Nationalsozialismus, Kunst und Kultur ist ein großes Privileg. Und dass ich auch als Schriftsteller zeigen kann, wie Kunst Heilsamkeit schenken kann, mir selbst, aber auch anderen Menschen, ist so wunderbar. Medizin zu leben und zu verändern, das liebe ich und Liebe verleiht bekanntermaßen die höchste Energie!
Kommunikation ist und bleibt das wirksamste Instrument, um Menschen zu erreichen. Deshalb engagiere ich mich nicht nur in wissenschaftlichen Zeitschriften, sondern auch in gewöhnlichen Printmedien, Onlineportalen, Podcasts und sozialen Medien – etwa mit meinem Podcast Weißbunt oder dem Krebspodcast.
Diese großartige esanum-Kolumne hier bietet mir zusätzlich Raum zum Reflektieren, zum Einordnen, zum Zuspitzen. Denn was nützt ein langer Gedankengang ohne klare Botschaft? Am Ende müssen wir uns daran messen lassen, was bei den Menschen ankommt – nicht an dem, was wir glauben, gesagt zu haben.
Ich wünsche mir eine Medizin, die trotz aller Spezialisierung ganzheitlich bleibt – auf einer Meta-Ebene.
Ganzheitlichkeit darf kein Schlagwort im Leitbild sein, sie muss gelebt werden. Dafür braucht es aber eine strukturierte transsektorale, transdisziplinäre und transprofessionelle Zusammenarbeit – und diese muss auch anständig belohnt werden. Und das Gesundheitssystem muss die Zusammenarbeit fördern und belohnen, das spart am Ende auch sicher viel Geld und kommt unseren Patientinnen zu Gute, davon bin ich überzeugt.
Denn gegenwärtig verlieren wir enorm viel Geld und Zeit, weil Schnittstellen schlecht moderiert, nicht strukturiert und nicht verantwortlich geführt sind. Denken wir nur an das Thema Time Toxicity: die Zeit, die Menschen investieren müssen, um medizinische Leistungen überhaupt in Anspruch nehmen zu können – und wie selten setzen wir diese Zeit ins Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen, etwa beim Gesamtüberleben, beim funktionsfreien oder beim rezidivfreien Überleben.
Und schließlich: Medizin muss für alle da sein. Noch immer werden zu viele Menschen von Innovation ausgeschlossen – aufgrund von Bildung, Sprache, Herkunft oder Alter. Diese Auszeichnung ist für mich deshalb ein weiterer Ansporn: Medizin weiterzudenken, offener zu machen und gerechter zu gestalten – und das stets in der Allianz mit anderen Menschen. Daher nehme ich stellvertretend für sie alle diese Auszeichnung gerne an.