Carsten Linnemann ist jetzt also Gesundheitsminister. Das ist bemerkenswert, denn so richtig scharf auf diesen Job schien er zunächst nicht gewesen zu sein. Ein Ministeramt? Lieber nicht. Und nun steht er im Bundestag und erklärt uns, wie er das deutsche Gesundheitssystem retten möchte.
Man könnte sagen: Manche Menschen wachsen in ein Amt hinein. Andere werden hineingeschoben und entdecken dann erstaunlich schnell, dass sie schon immer einen Plan hatten.
Linnemanns Plan ist jedenfalls bestechend einfach: Die Beiträge sollen runter, die Versorgung soll besser werden, Ärzte sollen mehr Zeit für Patienten haben und gleichzeitig muss kräftig gespart werden. Kurz gesagt: weniger bezahlen, mehr bekommen. Wer möchte das nicht?
Vielleicht ist Linnemann damit auch deshalb so entspannt, weil er als ehemaliger Nicht-ganz-so-gerne-Minister jetzt eine besonders elegante Lösung gefunden hat: Man verspricht einfach alles gleichzeitig. Das erspart zunächst einmal die lästige Frage, was davon am Ende tatsächlich bezahlt werden kann.
„An Einsparungen kommen wir nicht vorbei“, sagt der Minister. Natürlich nicht.
Das Gesundheitssystem ist schließlich ein bisschen wie ein überfüllter Kleiderschrank: Irgendwo muss man anfangen, Dinge herauszunehmen. Nur hat Linnemann bisher nicht verraten, ob er bei den Kassen, Krankenhäusern, Ärzten, Pflegekräften, Patienten oder Leistungen anfangen möchte.
Er spricht lieber von „Doppelstrukturen“, „Fehlanreizen“ und „ineffizienten Abläufen“.
Das sind wunderbare Wörter. Sie haben den unschätzbaren Vorteil, dass jeder sofort zustimmend nickt und niemand genau weiß, was anschließend wegfallen soll. Doppelstrukturen? Weg damit! Fehlanreize? Abschaffen! Ineffizienz? Optimieren! Und schon sind acht Milliarden eingespart. Jedenfalls in der PowerPoint-Präsentation.
Besonders großzügig ist Linnemann bei den Krankenkassenbeiträgen. Die sollen perspektivisch sogar sinken. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen entlastet werden. Gleichzeitig soll die Versorgung natürlich zuverlässig bleiben.
Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant ankündigen: „Ab morgen kostet jedes Menü nur noch die Hälfte. Dafür gibt es größere Portionen und besseren Service.“
Man möchte höflich fragen: Wer kocht dann eigentlich? Linnemann beantwortet diese Frage nicht. Vielleicht liegt das daran, dass er als Gesundheitsminister noch gar nicht richtig im Ministerium angekommen ist. Vielleicht ist er gedanklich noch auf dem Weg zurück zu dem Moment, als er das Ministeramt eigentlich gar nicht haben wollte. Aber nun ist er da. Und wenn man schon Minister ist, muss man offenbar auch eine Rede halten. Darin darf natürlich die Notaufnahme nicht fehlen.
Das ist viel zu viel. Bis zu ein Drittel der Patienten könnte eigentlich ambulant behandelt werden. Ein harmloser Infekt sei kein Fall für die Notaufnahme.
Das stimmt vermutlich. Nur hat der durchschnittliche Bürger leider noch keinen kleinen Linnemann im Ohr, der ihm beim Fieber sagt: „Bleiben Sie ruhig, das ist ambulant.“ Der Patient weiß eben nicht, ob es ein harmloser Infekt ist. Genau deshalb geht er zum Arzt. Aber vielleicht ist auch das bald Vergangenheit. Vielleicht bekommt jeder Bürger künftig beim Betreten einer Notaufnahme eine digitale Ampel: Grün für „harmlos“, Gelb für „selbst schuld“, Rot für „Herzinfarkt“.
Das wäre echte Digitalisierung. Apropos Digitalisierung: Linnemann möchte Ärzte von Bürokratie befreien. „Zeit für Patienten, nicht für Formulare“, lautet sein schöner Satz. Das ist ungefähr die Art von Satz, die man sich sofort auf ein Plakat drucken möchte. Darunter könnte stehen: Formular 1.0 wird ersetzt durch Formular 2.0. Denn Digitalisierung allein beseitigt keine Bürokratie. Sie kann sie auch einfach schneller machen. Der Arzt sitzt dann nicht mehr über einem Papierstapel, sondern vor einem Bildschirm mit 37 Pflichtfeldern. Aber immerhin blinkt es digital.
Und so steht am Ende ein Minister im Bundestag, der angeblich zunächst gar kein Minister werden wollte und nun erklärt, wie Deutschland künftig besser sparen, steuern und digitalisieren soll.
Man kann ihm zugutehalten: Das Amt hat ihn offenbar verändert.
Aus dem Mann, der den Ministerposten nicht unbedingt wollte, ist innerhalb kürzester Zeit ein Mann geworden, der sehr genau weiß, was alle anderen künftig anders machen sollen.
Nur eine Kleinigkeit fehlt noch. Der konkrete Plan. Wer muss verzichten? Welche Leistungen werden gestrichen? Welche Krankenhäuser müssen schließen? Wer zahlt künftig mehr? Wo genau werden die Milliarden eingespart? Das sind leider die langweiligen Fragen. Linnemann liefert lieber die schönen Antworten: Beiträge runter. Versorgung rauf. Bürokratie weg. Und wenn das nicht funktioniert?
Dann kann man immer noch sagen, dass man das Ministeramt ja eigentlich gar nicht wollte. Vielleicht ist das die eleganteste Reformidee von allen.
Diskussion: Doppelstrukturen, Fehlanreize, ineffiziente Abläufe – wo würden Sie als Erstes ansetzen, wenn Sie es ernst meinen müssten?