Dirty Pain: Wer spart, chronifiziert

70 bis 80 % der chronischen Schmerzen haben sich von ihrer Ursache gelöst. Gerade hier ist Psychotherapie unverzichtbar. Ein Schmerztherapeut über die Folgen fehlender Therapieplätze.

Ökonomisch reiner Wahnsinn: Sparen ohne medizinische Evidenz

Wir dürfen nicht vergessen, dass Schmerz immer zwei Komponenten hat: sowohl eine somatische als auch eine psychische – besonders, wenn es sich um chronische Schmerzen handelt. Darauf  zielt unsere multimodale, stationäre Schmerztherapie. Wir haben immer eine approbierte Psychotherapeutin mit im Boot. Psychotherapie ist unabdingbar mit der Schmerztherapie verbunden.

Im ambulanten Sektor arbeite ich zwar nicht so direkt mit einem Psychotherapeuten zusammen, dennoch ist Psychotherapie für die Behandlung eines chronischen Schmerzpatienten häufig unverzichtbar. Ich gebe meinen Patienten sehr oft eine Überweisung zu einer ambulanten Psychotherapie – doch diese ist jetzt bereits schlecht zugänglich für die Patienten. Das heißt, es gibt keine zeitnahen Termine. Wenn das so bleibt oder schlechter wird, muss ich das eventuell medikamentös kompensieren. Damit erzeuge ich auch einen höheren Kostenanteil bei Medikamenten. Oder ich muss den Patienten häufiger einbestellen und erzeuge auf diese Weise ebenfalls höhere Kosten. Und Schmerzmedizin ist nicht gerade billig. Dennoch steht fest: Diese Möglichkeiten sind nicht so effektiv wie eine begleitende Psychotherapie.

70 bis 80 Prozent Dirty Pain – und das zunehmend 

Wir sprechen von Clean Pain und Dirty Pain. Der Clean Pain liegt einer Schmerzerkrankung zugrunde – etwa ein Bandscheibenvorfall, eine Coxarthrose oder anderes, und im Laufe der Zeit verselbständigt sich der Schmerz, löst sich von seiner Ursache und wird zu einer chronifizierten Schmerzerkrankung. Das bezeichnen wir als Dirty Pain. Und das macht 70 bis 80 Prozent der chronischen Schmerzerkrankungen aus.  Wenn jetzt die Therapiemöglichkeit für diese Patienten fehlt, dann konservieren wir die Schmerzerkrankung. Wir haben somit eine Taste auf der Klaviatur der Schmerzmedizin verloren, weil mit den Sparmaßnahmen bei der Psychotherapie eine Saite gerissen ist. Das ist furchtbar! 

Psychotherapeuten geben ihre Kassenzulassung zurück

Es gibt ein einziges Bundesland, in dem die Anzahl der Psychotherapeuten noch relativ hoch ist – das ist Berlin. Aber bei uns im Ruhrgebiet warten die Patienten teilweise ein Jahr auf einen Therapieplatz. Und es wird schlechter werden.

Ich sehe um mich herum Psychotherapeuten, die ihre Kassenzulassung zurückgeben, weil sie davon nicht existieren können. Dann gibt es zu diesen Therapeuten nur noch im Ersatzverfahren Zugang. Das bedeutet, Kassen sind zwar im Rahmen ihres Versorgungsauftrages  gesetzlich verpflichtet, dem Patienten, dem ich ein entsprechendes Schreiben ausstelle, diesen Zugang ggf. auch nach GOÄ-Honorierung zu bezahlen. Dennoch muss der Patient oft sehr lange warten – und das verschlechtert natürlich seine Erkrankung.

Warum werden solche Sparmaßnahmen beschlossen?

Wenn ich mir vorstelle, wer das Gesundheitsministerium geführt hat und wer es jetzt führt, stellen sich mir gewisse Fragen. Wenn eine Juristin oder ein Betriebswirtschaftler dieses Ressort leitet, braucht es ein Expertengremium, das sich um diese Probleme kümmert. Und dessen Meinung muss berücksichtigt werden. Doch das ist offensichtlich nicht der Fall. Da wird von Laien etwas durchgestellt, was keine medizinische Evidenz hat.

Es werden mehr Menschen weiter chronifizieren

Es gibt mehr als 20 Millionen chronische Schmerzpatienten im Land. Doch im Moment werden in etlichen Krankenhäusern Abteilungen für multimodale Schmerztherapien geschlossen. Die Versorgung von Patienten, für die die multimodale Schmerztherapie bisher ein Auffangbecken war, bricht damit weg. Menschen mit chronischen Schmerzerkrankungen werden im Stich gelassen, sie chronifizieren hoffnungslos. Sie fallen aus dem Arbeitsleben heraus und das Sozialsystem muss sie auffangen. Ein relativ gut funktionierendes System ist damit zerstört. Die Folgekosten sind kaum absehbar. Abgesehen vom menschlichen Leid – das Ganze ist auch ökonomisch reiner Wahnsinn!

Braucht es mehr Psychotherapie oder eine bessere Steuerung der vorhandenen Ressourcen? Diskutieren Sie mit in den Kommentaren.