Junge Frauen und Sterilisation: Ein Plädoyer für reproduktive Autonomie

Immer mehr junge Frauen wünschen eine Sterilisation. Statt Bevormundung und Skepsis plädiert Mandy Mangler für respektvollen Umgang mit dieser wohlüberlegten Entscheidung.

Selbstbestimmt – über junge Frauen, die sich sterilisieren lassen wollen

Immer wieder kommen junge Frauen zu mir in die Praxis – manchmal gerade 18 geworden, manchmal Mitte zwanzig – und wünschen sich eine Sterilisation. Dauerhafte Verhütung. Früher wurden diese Wünsche ganz selten an mich herangetragen. Heute regelmäßig.

Für viele Kolleginnen ist das ein Tabuthema, fast schon ein Reflex. Patientinnen berichten mir, dass sie sagen: „So jung? Das werden Sie bereuen!“ oder „Warten Sie, bis Sie den Richtigen gefunden haben.“

Doch die Studienlage ist eindeutig: Menschen, die schon früh wissen, dass sie keine Kinder wollen, bleiben in dieser Entscheidung meist konstant. Und selbst wenn sie ihre Meinung eines Tages ändern – medizinisch gibt es Möglichkeiten: künstliche Befruchtung, Rekanalisierung der Eileiter. Nur: Die Entscheidung liegt bei der Patientin.

Was erlaubt ist – und was schwierig bleibt

Rechtlich ist die Lage klar. Ab dem 18. Lebensjahr darf sich jede Person in Deutschland sterilisieren lassen. Ohne psychologisches Gutachten, ohne gesonderte Genehmigung. Auf der empfehlenswerten Seite selbstbestimmt-steril.de sind die Bedingungen transparent aufgelistet – inklusive Ärztinnen, die diesen Schritt begleiten.

Die eigentliche Hürde ist nicht das Gesetz, sondern die Haltung des medizinischen Personals. Viele Patientinnen berichten mir von Gesprächen, in denen sie bevormundet oder beschämt werden. Dabei ist der Eingriff medizinisch Routine: Eine Bauchspiegelung, die Entfernung eines kleinen Eileitersegments – das Zusammentreffen von Eizelle und Spermium wird dauerhaft verhindert. Die Methode ist sicher, kurz, und die Patientinnen sind in der Regel nach wenigen Tagen wieder fit.

Nur einmal in meiner Laufbahn habe ich erlebt, dass bei einer Operation irrtümlich die Mutterbänder statt der Eileiter durchtrennt wurden – vor über zwanzig Jahren, ich nehme an, es bestand bei der Operation ein unübersichtlicher Situs. Solche Fehler sind heute extrem unwahrscheinlich.

Und die Männer?

Die Sterilisation beim Mann – die Vasektomie – ist einfacher, risikoärmer und kostengünstiger. Dennoch liegt die Quote der weiblichen Sterilisation in Deutschland deutlich höher. Warum?

Manche vermuten, weil der Eingriff bei Frauen oft „mitgemacht“ wird – zum Beispiel im Rahmen eines Kaiserschnitts. Belegen lässt sich das nicht. Es gibt dazu keine strukturierten Statistiken in Deutschland. Sicher ist nur: Frauen tragen auch hier den größeren körperlichen Aufwand.

Wer sind die jungen Frauen, die diesen Weg gehen?

Sie haben oft erstaunlich klare Vorstellungen. Viele berichten von einer tiefen Angst vor Schwangerschaft – manche sprechen von einer regelrechten Schwangerschaftsphobie. Sie verhüten doppelt oder dreifach, weil sie sich eine Schwangerschaft weder körperlich noch psychisch vorstellen können.

Was sie eint: ein hoher Grad an Reflexion. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand diese Entscheidung leichtfertig trifft. Zumal der Eingriff meist selbst bezahlt werden muss – rund 1.000 Euro, keine Kassenleistung. Für eine junge Frau ist das viel Geld. Auf Lebenszeit gerechnet allerdings günstiger als jede hormonelle Langzeitverhütung.

Einmal habe ich eine Refertilisierung durchgeführt – bei einer 40-jährigen Patientin aus China, die während eines Kaiserschnitts gegen ihren Willen sterilisiert worden war. Für sie bedeutete der Eingriff die Wiederherstellung ihrer körperlichen Integrität. Sie wurde danach nicht schwanger, aber sie war zufrieden. Das zeigt, worum es wirklich geht: Selbstbestimmung.

Selbstbestimmung als ärztliche Haltung

Ich empfinde es als Privileg einer starken und zivilisierten Gesellschaft, die Selbstbestimmung fördert, Frauen auf diesem Weg zu begleiten – auch wenn ich selbst für mein Leben diese Entscheidung eventuell nicht getroffen hätte. Eine informierte Patientin, die die Konsequenzen versteht, ist in der Lage, eine kluge Entscheidung für ihren Körper und ihr Leben zu treffen.

Die ärztliche Rolle hat sich verändert: Patientinnen sind Expertinnen für ihren eigenen Körper; wir sind Expertinnen für Medizin, Risikoabschätzung und Aufklärung. Welche Option die Patientin wählt, liegt in ihrem Recht – solange sie aufgeklärt ist und die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind.

Unser Auftrag ist nicht, zu urteilen, sondern zu begleiten. We listen and we don´t judge.

Und meine Töchter?

Manchmal frage ich mich, was ich tun werde, wenn meine eigenen Töchter – sie sind sieben und neun – mich eines Tages fragen, ob ich ihnen das Kinderkriegen empfehlen kann.

Die Antwort wird nicht einfach. Denn die Datenlage ist ernüchternd: Frauen verlieren durch Schwangerschaft und Kindererziehung im Schnitt Jahre an Einkommen, Rentenansprüche und berufliche Entwicklung. Der sogenannte Care Gap bleibt bestehen – unabhängig davon, ob eine Frau Mutter ist oder nicht. Aber natürlich hat das Mutterwerden weit mehr Aspekte als jene, die sich in der Statistik abbilden lassen.

Vielleicht ist das der eigentliche Kern unserer Arbeit: Selbstbestimmung beginnt nicht mit der Sterilisation, sondern mit der Möglichkeit, eine Entscheidung überhaupt treffen zu dürfen – frei von Schuld, Druck oder Belehrung. Und zu wahrer Selbstbestimmung gehört sicher auch eine kinder- und familienfreundliche Gesellschaft, in der bestimmte Ängste aufgefangen werden können. 

Eine starke Medizin erkennt an, dass unterschiedliche Lebensentwürfe gleichberechtigt nebeneinander existieren dürfen. Und eine starke Medizin begleitet – ohne zu werten, mit Respekt, Wissen und offenem Ohr.