Krankenhauseinweisungen vom Hausarzt via Rettungsstellen – wozu?

Warum müssen selbst geplante Einweisungen vom Hausarzt den Umweg über überlastete Rettungsstellen nehmen? Der Berliner Haus- und Hautarzt Viktor Czaika kritisiert ein System, das Patienten, Praxen und Kliniken gleichermaßen frustriert.

Warum müssen ohnehin überlastete Rettungsstellen inzwischen Aufgaben übernehmen, die gar nicht zu ihrem eigentlichen Auftrag gehören?

Notaufnahmen von Akutkliniken waren schon immer Orte besonderer Dramatik. Hier werden Notfälle versorgt, akute lebensbedrohliche Situationen erkannt oder ausgeschlossen, Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen. Für medizinische Laien sind Abläufe nicht immer nachvollziehbar – und das ist in echten Notfällen auch kaum vermeidbar.

Doch zunehmend berichten Patienten in der Hausarztpraxis von überfüllten, teils chaotischen Zuständen in Berliner Rettungsstellen. Manche gehen nach stundenlangem Warten unverrichteter Dinge wieder nach Hause. Andere erhalten den Hinweis, sich am nächsten Tag lieber beim Hausarzt vorzustellen.

Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Warum ist die Kapazitätsgrenze der Notaufnahmen inzwischen kein Ausnahmezustand mehr, sondern Dauerzustand?

Dauerüberlastung statt Ausnahmezustand

Zu meiner Ausbildungszeit dienten Notaufnahmen der Versorgung echter Notfälle. Belastungsspitzen traten bei Großschadensereignissen, Extremwetterlagen oder schweren Infektwellen auf – also situativ.

Heute hingegen scheint die Überlastung strukturell.

Ein wesentlicher Grund ist der Personalmangel: Es fehlen Ärzte, Pflegekräfte und Notfallsanitäter. Selbst große Kliniken sind in der Rettungsstelle oft nur mit wenigen diensthabenden Ärzten besetzt – in der Regel Assistenzärzten in Weiterbildung. Fach- und Oberärzte agieren häufig aus dem Hintergrund.

Gleichzeitig suchen immer mehr Menschen die Notaufnahme auf, obwohl sie in einer hausärztlichen Praxis besser aufgehoben wären. Fehlende Facharzttermine – etwa in Kardiologie, Orthopädie, Dermatologie, HNO, Neurologie oder Pädiatrie – führen dazu, dass Patienten versuchen, über die Rettungsstelle spezialisierte Hilfe zu erzwingen. Das bindet Ressourcen und stellt gerade junge Assistenzärzte vor schwierige Entscheidungen.

Hinzu kommen infrastrukturelle Probleme: Bettenknappheit, wirtschaftlicher Druck, geplante Schließungen kleinerer Häuser und das Bevölkerungswachstum in Metropolen wie Berlin. Touristen und Berufspendler erhöhen zusätzlich das Patientenaufkommen. Auch ein gesteigertes Gesundheitsbewusstsein – befeuert durch Internetrecherchen und Selbstdiagnostik – trägt seinen Teil dazu bei.

Nicht nur Facharzt-, sondern auch viele Hausarztpraxen arbeiten am Limit. Neupatienten können oft nicht mehr aufgenommen werden. Gleichzeitig hoffen manche Patienten, sich durch den Gang in die Rettungsstelle Wartezeiten zu ersparen.

Wenn die Rettungsstelle zum Flaschenhals wird

Zunehmend organisieren Kliniken den gesamten Patientenzustrom über ihre Rettungsstellen – selbst geplante Einweisungen laufen zunächst über die Notaufnahme. Dort erfolgt eine erneute Dringlichkeitsprüfung und die Kontrolle der Bettenkapazität.

In der Praxis bedeutet das: Auch Patienten mit bereits telefonisch abgestimmter stationärer Aufnahme warten stundenlang – nicht selten, um anschließend wieder nach Hause geschickt zu werden.

Ich erlebe regelmäßig folgendes Szenario:

Der erfahrene Facharzt für Allgemeinmedizin oder Innere Medizin stellt die Indikation zur stationären Aufnahme und hat diese bereits telefonisch mit der Klinik besprochen. In der Rettungsstelle beurteilt ein Assistenzarzt die Situation anders und lehnt die Aufnahme ab. Rücksprachen mit Oberärzten erfolgen – wenn überhaupt – nur telefonisch. Der Patient wird zurückgeschickt, häufig mit dem juristisch absichernden Hinweis:

„Bei Verschlechterung wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt oder stellen Sie sich erneut in der Rettungsstelle vor.“

Damit beginnt ein Kreislauf der Sinnlosigkeit.

Am nächsten Tag sitzt der verärgerte Patient wieder in der Hausarztpraxis. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass Einweisungsschein und Vorbefunde – Laborwerte, EKG, Sonografie, D‑Dimere – nicht ausreichend berücksichtigt wurden.

Frust auf allen Seiten

Für Hausärzte ist diese Situation aus mehreren Gründen problematisch:

Erstens: Die Entscheidung erfahrener Fachärzte wird faktisch revidiert, ohne dass der Patient zwingend fachärztlich gesehen wurde.

Zweitens: Eine erneute Einweisung erfordert zeitaufwendige und oft unangenehme Rücksprachen mit der Klinik – Zeit, die in der ohnehin überlasteten Praxis fehlt.

Drittens: Die ärztliche Reputation leidet. Der Patient zweifelt an der ursprünglichen Entscheidung, was zusätzliche, zeitraubende Erklärungen notwendig macht.

Das früher gängige Modell der direkten stationären Aufnahme – gegebenenfalls nach Terminvereinbarung oder über eine zentrale Aufnahme – war in vielen Fällen effizienter.

Wenn jedoch die Rettungsstelle zum zentralen „Flaschenhals“ für den gesamten Patientenzustrom wird, ohne dass Personaldecke und Struktur darauf ausgelegt sind, sind lange Wartezeiten, Informationsverluste und Unzufriedenheit zwangsläufig.

Eskalation und Vertrauensverlust

Die Folgen gehen über Frustration hinaus. In Berlin kam es bereits mehrfach zu tätlichen Angriffen auf Klinikpersonal.

„Regulär“ eingewiesene Patienten werden verständlicherweise hinter akuten Notfällen zurückgestellt. Manche entscheiden sich daher, die Klinik wieder zu verlassen. Sprachliche Barrieren verschärfen zusätzlich Missverständnisse.

Gerade deshalb ist die fachliche Voreinschätzung durch den Hausarzt von besonderer Bedeutung – sie sollte nicht leichtfertig ignoriert werden.

Universitärer Olymp versus Niederungen der Praxis?

Gelegentlich entsteht der Eindruck einer Hierarchisierung: hier der „universitäre Olymp“, dort die „Niederungen der Praxis“.

Dabei verfügen viele Hausärztinnen und Hausärzte über langjährige klinische Erfahrung – nicht selten als frühere Oberärzte. Diese Expertise sollte gerade von jüngeren Klinikärzten nicht unterschätzt werden. Kollegialität und gegenseitiger Respekt sind Voraussetzung für funktionierende Versorgungsstrukturen.

Vorscreening durch Hausärzte – Lösung oder Verlagerung?

Politisch wird inzwischen diskutiert, über ein hausärztliches Vorscreening oder den kassenärztlichen Notdienst die Rettungsstellen zu entlasten.

Doch würde das Problem damit gelöst – oder lediglich verlagert?

Hausarztpraxen arbeiten bereits am Limit. Im kassenärztlichen Notdienst sind Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen tätig. Sollen sie – teils telefonisch – juristisch belastbar entscheiden, wer notfallgeeignet ist und wer nicht? Wie sicher ist eine solche Triage ohne unmittelbare Untersuchung?

Fazit

Wenn jeder Patient – selbst mit geplanter Einweisung – zwingend über die Rettungsstelle laufen muss, wird diese zwangsläufig zum strukturellen Engpass. Die Folgen sind lange Wartezeiten, missverständliche Zurückweisungen, zusätzliche Arztkontakte am Folgetag und belastende Telefonate zwischen Praxis und Klinik.

Das vergiftet das kollegiale Klima zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.

Eine Lösung kann nur in einer klaren Aufgabenteilung und in ausreichender personeller Ausstattung sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich liegen – nicht in einer weiteren Belastung der Hausarztmedizin.

Oder, um es bildhaft zu sagen:

Ist das Hemd zu kurz, hilft Ziehen nicht – man braucht ein längeres.

Teilen Sie Ihre Erfahrungen in den Kommentaren: Wie handhaben Kliniken in Ihrer Region geplante Einweisungen – und was müsste sich ändern?