Krankenhausreform: Warum die Unruhe in Praxen und Kliniken wächst

„Transformation“ klingt harmlos – in der Realität erleben viele Praxen und Kliniken vor allem Unsicherheit, Personalverlust und Versorgungsdruck.

Wie geht es weiter? Krankenhausreform sorgt für mehr Unruhe

Es ist ein Teufelskreis, der nicht enden will: Es gibt immer mehr Menschen mit Diabetes und es gehen immer mehr Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand. Zugleich sinken die Bereitschaft und der Mut, eine Niederlassung zu gründen oder zu übernehmen, während zunehmend Teilzeitmodelle gewünscht sind. Hinzu kommt, dass immer mehr diabetologische Abteilungen in den Krankenhäusern geschlossen werden – in meinem Umfeld sind es zwei innerhalb von drei Monaten. Es heißt, sie würden „transformiert“. Ein sehr geschmeidiger Begriff. Praktisch werden diese Abteilungen in einem anderen Krankenhaus eingeschränkt weitergeführt und das bedeutet, es müssen neue Strukturen entstehen, und wir müssen uns diesen anpassen. Unsere gewohnten Pfade zur Oberärztin oder zum Chefarzt funktionieren nicht mehr automatisch. Oft geht auch gut ausgebildetes Personal nicht mit. Das nennt man dann Transformation, in der Folge entsteht Unruhe. 

Die Krankenhausreform erzeugt auch Einschränkungen und Verluste

Mit anderen Worten: Die Krankenhausreform kommt jetzt in der Realität an. Es ist logisch: wenn man ein Drittel der Krankenhäuser schließen will, geht das nicht ohne Verluste, ohne Leistungseinschränkungen.

In meiner Umgebung spüre ich nicht nur Unruhe, sondern auch Ängste unter den Kolleginnen und Kollegen. Viele fragen sich, wie es weitergeht und ob ihr Krankenhaus auch betroffen sein wird. 

Meine Tochter, die Medizin studiert und kurz vor ihrem Praktischen Jahr steht, erzählt mir, dass es für die Studierenden schwierig ist, Assistenzarztstellen zu finden. Offensichtlich gibt es einen Einstellungsstopp oder eine gewisse Zurückhaltung, weil niemand so genau weiß, wie es weitergeht. 

Auch ich merke das. Ich schreibe pro Jahr eine Assistenzarztstelle aus und neuerdings melden sich immer mehr Bewerberinnen und Bewerber. Früher war ich froh, wenn sich zwei, drei beworben haben. Jetzt melden sich 20 bis 30 auf eine Stelle. Auch auf ausgeschriebene Ausbildungsplätze melden sich jetzt 30 Leute. Das ist meine individuelle Wahrnehmung seit einigen Monaten, aber sie passt durchaus ins Gesamtbild. 

Leidtragende der Unruhe sind natürlich die Patientinnen und Patienten

Es ist verständlich, dass Krankenhäuser auf der Bremse stehen, wenn sie bezüglich ihrer Zukunft verunsichert sind. Und Leidtragende dieser großen Unruhe sind natürlich letztendlich die Patientinnen und Patienten. Denn stationäre diabetologische Expertise geht rasant verloren. Das ist schon eine ganze Weile so und nimmt nun noch zu. Das spüren wir auch in der Ambulanz.

Ein Lichtblick: Gestationsdiabetes ist vertraglich wieder abgesichert

Es freut mich besonders, dass wir nach langem, zähen Ringen über 15 Monate mit Unterstützung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin einen Vertrag für den Gestationsdiabetes mit dem vdek etablieren konnten, sodass die Finanzierung hier wieder abgesichert ist. Bis dahin hing das gut 15 Monate lang in der Luft und das war sehr anstrengend und hat uns natürlich auch verunsichert. Man sieht, dass guter Wille und Engagement einiges bewegen können.

Ohne Digitalisierung wird es zukünftig nicht mehr gehen

Das bringt mich zum großen Thema Digitalisierung, das uns alle beschäftigt. Denn wenn diabetologische Expertise verloren geht und Personal fehlt, wird es ohne Digitalisierung nicht mehr gehen. Online-Rezeption, Schulung, Sprachassistenz am Telefon – es gibt viele Beispiele, wo Digitalisierung den Praxen wirklich helfen kann. Und das muss auch so sein. Denn unsere Praxisteams sind im Durchschnitt im Alter von 50plus. Und da wird in Zukunft wohl nicht genug nachwachsen.

Deswegen wundert mich etwas, dass die ePA nicht besser auf- und ausgebaut wird. Wir Ärztinnen und Ärzte müssen nichts verpflichtend einstellen und wir müssen sie auch nicht lesen. Das liegt vor allem an der fehlenden Qualität der ePA. Wenn ich hineinschaue, sehe ich entweder die Laborwerte, die wir selbst eingestellt haben oder ich finde ein riesiges Kuddelmuddel an Informationen, die nicht genügend aufbereitet sind. Wer gezielt nach Informationen sucht, findet sie eher nicht. Das klaut uns Zeit, die wir im Alltag nicht haben.

Müttern wird die Beitragsreduktion von der Ärztekammer Berlin gestrichen

Ein weiterer Unruhefaktor: Bisher gab es für Mütter eine Reduktion für den Mitgliedsbeitrag bei der Ärztekammer – und diese wurde jetzt einfach mal zügig abgeschafft. Ein fatales Signal. In Anbetracht der längst bekannten Tatsache, dass die Medizin immer weiblicher wird, ist es ausgesprochen kontraproduktiv, die Rechte von Müttern zu beschneiden. Da fehlt die Wertschätzung für Frauen. Unsere Community der Hauptstadtdiabetologinnen versteht nicht, was das soll. Wir sind sauer. Deswegen haben wir dagegen eine Petition gestartet. Beim Gestationsdiabetes hatten wir Erfolg – warum nicht auch hier?


Was belastet Sie gerade am meisten in Ihrem beruflichen Alltag und was stimmt Sie mutig? Diskutieren Sie mit Ihren Kolleginnen und Kollegen in den Kommentaren.