„Man muss funktionieren" – Intensivmedizin und die Grenzen menschlicher Belastbarkeit

Wer auf der Intensivstation arbeitet, rettet täglich Leben – und zahlt dafür einen hohen persönlichen Preis. Warum dieser Beruf strukturell krank macht und was sich dringend ändern müsste.

Was Intensivmedizin wirklich bedeutet

Für die meisten Menschen ist die Intensivstation ein Ort der Angst. Alle fürchten sich vor dem Gedanken, selbst dort behandelt zu werden oder einen nahestehenden Menschen dort um sein Leben kämpfen zu sehen. Doch zugleich ist die Intensivstation ein Ort der maximalen medizinischen Sicherheit. Hier können Patienten dauerhaft überwacht werden, teilweise mit invasivem Monitoring. Zentralvenöse Zugänge führen hochpotente Medikamente permanent direkt ins Blut. Auf der Normalstation oder wenn über kurze Zeit diese Medikamente nicht mehr zugeführt werden, würden diese Patienten nicht überleben.

Einen normalen Tag gibt es auf der Intensivstation nicht 

Die Nacht geht in den Tag über, der Tag in die nächste Nacht. Es ist eher ein Wiederkehren von Abläufen. Patienten verlieren dabei oft das Gefühl für die Zeit.

Ein Frühdienst startet meist zwischen 6.30 und 7 Uhr mit der Übergabe von einer oft turbulenten Nachtschicht. Je nach Klinik beginnt der Spät-/Nachtdienst teils bereits um 15 Uhr oder 18 Uhr, das bedeutet, der Kollege, der jetzt die Patienten vorstellt, hat möglicherweise 16 Stunden unter extremen Bedingungen gearbeitet. 16 Stunden permanente Alarmbereitschaft. Im OP arbeiten Anästhesisten bis zu 24 Stunden in einer Schicht. Manchmal muss man den Kollegen der Intensivstation morgens suchen und anrufen, wenn er nicht in der Stationskanzel sitzt, sondern seit Stunden verkittelt und verschwitzt mit beschlagener Schutzbrille im Isolations-Zimmer an einem infektiösen Patienten arbeitet. 

Bereitschaftszwang – immer unter Strom 

Und dann ist die Übergabe der Patienten dran: Von Bett zu Bett wird ein intensiver Fall nach dem anderen besprochen. Interprofessionell, gemeinsam mit der Fachpflege, die die Patienten 1:1 oder 1:2 betreut. Gemeinsam rekonstruieren sie ein Gesamtbild: die Vorgeschichte in anderen Kliniken, Vorerkrankungen, Operationen, die aktuelle Verfassung des Patienten nach einzelnen Organsystemen. Es geht um Tagesziele und Langzeitziele. Aber vor allem muss erläutert werden, was in den letzten Stunden geschehen ist. Dabei wird jede noch so unauffällige Situation oder Komplikation benannt.

Am Patienten laufen enorm viele Medikamente über Spritzenpumpen. Auch diese müssen täglich begutachtet, neu indiziert und überdacht werden, auch, ob sie miteinander interagieren. Hier geht es um Antikoagulanzien, Antiinfektiva, Katecholamine, Antihypertensiva, Sedativa und Analgetika.

Die Diagnostik am Bett mit Anästhesie und invasiven Maßnahmen wird geplant. Bronchoskopie, Wechsel invasiver Katheter, Dialyse, gegebenenfalls eine transösophageale Echokardiographie. Dabei sind nicht alle Patienten ansprechbar, manche müssen sediert und invasiv beatmet werden. Langzeitbeatmete Patienten müssen dann in einem langen Prozess von der Beatmung wieder entwöhnt werden. Jeden Tag ein bisschen mehr, dies erstreckt sich oft über Wochen.

Entscheidungen zwischen Leben und Tod

Und: es müssen Entscheidungen getroffen werden, medizinische, manchmal auch ethische. Denn es gibt Situationen, in denen die technische Medizin an ihre Grenzen stößt: Wenn der Körper trotz allem nicht antwortet. Wenn eine medikamentöse Dauerreanimation mit hochdosierten Katecholaminen läuft und der Patient sich dennoch weiter verschlechtert. Dann muss eine Entscheidung getroffen werden, die keine Maschine abnehmen kann. Wie viel Therapie hilft noch? Und wann beginnt sie, Leid zu verlängern? 

Diese Entscheidungen können und dürfen nur von Menschen getroffen werden, vom intensivmedizinischen Team, gemeinsam mit Angehörigen, die sich plötzlich mit Fragen konfrontiert sehen, auf die niemand im Leben vorbereitet ist. 

Oft wird die Visite durch Notfälle unterbrochen. Wenn ein Patient sich in einem anderen Zimmer akut verschlechtert oder das Reanimations-Telefon klingelt, weil ein Patient leblos auf einer Normalstation aufgefunden wurde. Dann muss alles schnell gehen, Notfall- Rucksack und Defibrillator, Rennen zum Ort des Geschehens. Dort versucht man alles, um den Patienten zu stabilisieren und bringt ihn gegebenenfalls auf die Intensivstation oder man erlebt, dass man einen Patienten nicht mehr retten kann. Auch hier muss eine Entscheidung getroffen werden, die Reanimation zu beenden. Wieder braucht es einen Menschen, der dies aussprechen muss.    

Psychologische Hilfe ist selten

Patienten erleben auf der Intensivstation Hilflosigkeit und Kontrollverlust. Sie haben oft viele Zugänge im Körper, das macht oft Angst. Fremde Menschen arbeiten an ihnen: sie werden gewaschen, ihre Wunden werden versorgt und auch ein Gang zur Toilette ist nicht möglich. Bis auf eine schmale Trennwand gibt es keine Privatsphäre. 

Manche Patienten haben Panik, sind zum Teil delirant, aggressiv und desorientiert, nur medikamentös zu beruhigen, wobei der Eigenschutz oft gefährdet sein kann.

In bisher nur wenigen Kliniken und zudem an nur wenigen Tagen gibt es eine psychologische Betreuung auf der Intensivstation für die Patienten oder auch für das Team. Dabei wird kaum gesehen, was Anästhesisten und Intensivmediziner körperlich und mental aushalten. Sie sind permanent in Bewegung und versuchen in kurzer Zeit so viel wie möglich zu schaffen. Hinzu kommen Notfallsituationen, Gespräche mit weinenden Angehörigen. 

Ärzte versuchen, den Druck mit sich selbst auszumachen

Ich habe beobachtet, dass Ärzte versuchen, diesen Druck zu ertragen und Stress mit sich selbst auszumachen. Man nimmt sich keine Zeit, über diese Dinge zu sprechen. Man muss funktionieren, sich fokussieren, das Emotionale beiseite schieben, man grenzt sich ab. Intensivmediziner arbeiten lösungsorientiert und analytisch, Aufgaben werden abgearbeitet. Hintereinander weg nach Priorität. Der Körper muss funktionieren. 

Dies kann sehr erfüllend sein, weil man in eine Welt aus Technik und Physiologie abtaucht. 

Intensivmediziner ist ein ungesunder Beruf 

Man erlebt viele Adrenalinschübe, muss aber einen kühlen Kopf bewahren. Man ist stark, gibt Sicherheit, ist angespannt, arbeitet viele Stunden hochkonzentriert. Der Körper zahlt einen hohen Preis. Er wird zum Instrument, das man möglichst lange spielbar halten muss – mit allem, was greifbar ist. Vor allem in den langen Schichtdiensten. Daraus resultieren Schlafstörungen, Depressionen und Burn Out. Wie in vielen medizinischen Fächern sind Perfektionismus und hohe Selbstansprüche verbreitet. Kommt es zu Komplikationen oder Fehlern, kann die psychische Belastung unerträglich sein.  

Intensivstation – der faszinierendste Ort im Krankenhaus

Dennoch: da ist diese unglaubliche Faszination. Die Intensivstation ist ein Ort, an dem Medizin aufhört, Routine zu sein. Für mich ist sie einer der beeindruckendsten Orte im Krankenhaus. Mich zieht es dort immer wieder magisch hin, auch wenn ich andere Kliniken besuche. Man erlebt Medizin auf höchstem Niveau, Teamarbeit unter außergewöhnlichen Bedingungen, das schweißt zusammen, fast wie eine Familie – weil man gemeinsam jeden Tag alles dafür gibt, um die Patienten ein kleines Stück voranzubringen, um Leben zu retten. Jede Entscheidung zählt, jeder Handgriff hat Gewicht, jede Stunde trägt Bedeutung.

Die Menschen, die hier arbeiten – die Pflegenden mit ihrem enormen Wissen, die Ärzte mit ihrer erlernten Unerschütterlichkeit – sie haben verstanden, was es bedeutet, Menschen in ihren verletzlichsten Momenten zu begleiten. Nicht auf dem Papier, sondern in dem Moment, in dem jemand anderes nicht mehr für sich selbst sprechen kann.

Echte Anerkennung bleibt oft aus

Was bleibt, sind Forderungen, die eigentlich keine sein sollten: menschenwürdige Arbeitszeiten – keine 24-Stunden-Dienste, die den Körper zermürben. Angemessene Vergütung für eine Verantwortung, die im Ernstfall über Leben und Tod entscheidet. Mehr Personal. Und mehr psychologische Betreuung. Und das Einfachste: Respekt aus den anderen Fachdisziplinen, die sehr gern auf diese Expertise zurückgreifen.

Hier weiß ich, was wirklich zählt im Leben

Trotz allem bleibt diese Wahrheit: wenn die Türen der Station aufgehen und das rhythmische Piepen der Monitore den Raum füllt, dann weiß man, dass dieser Ort nicht nur ein Arbeitsplatz ist. Er wird zur Prägung. Er schärft den Blick für das Wesentliche, er schult eine Ruhe, die man im Alltag kaum noch ablegen kann. Er verändert, wie man Prioritäten setzt, wie man Menschen ansieht und wie man mit dem Unabwendbaren umgeht. 

Die Intensivstation lehrt eine besondere Form der Demut – und gleichzeitig eine stille Stärke. Sie erinnert daran, was es wirklich bedeutet, zu leben, sein Leben selbst gestalten zu dürfen. Was Freiheit heißt. Dankbarkeit für Gesundheit, für Zeit. Die Lebendigkeit des persönlichen Alltags, das scheinbar Beiläufige wird nicht mehr als selbstverständlich hingenommen, sondern mit einer Intensität genossen, die manche anderen kaum kennen. 

Dieser Beruf nimmt viel. Aber er gibt auch etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt – eine tiefe, gelebte Bewusstheit dafür, was wirklich zählt. 

Haben Sie selbst auf der Intensivstation gearbeitet oder arbeiten Sie dort? Teilen Sie Ihre Erfahrungen in den Kommentaren – was hat Ihnen in schwierigen Momenten geholfen, und was muss sich strukturell ändern?