Mir geht es an dieser Stelle um die Reform des hausärztlichen Bereitschaftsdienstes. Ziel dieses Systems ist es, Patientinnen und Patienten auch außerhalb der regulären Sprechzeiten eine verlässliche Anlaufstelle zu bieten. Bis vor etwa zwanzig Jahren organisierten die Ärztinnen und Ärzte diese Dienste überwiegend selbst, lokal verankert in ihren jeweiligen Gemeinden. Das funktionierte naturgemäß unterschiedlich gut – je nachdem, ob man sich in einer Großstadt oder in einer ländlichen Region befand.
Um diese Unterschiede abzufedern, wurden die Versorgungsgebiete im Laufe der Jahre immer weiter vergrößert. Das hatte allerdings Nebenwirkungen: Die Bereitschaftsdienste wurden sukzessive unattraktiver. Hinzu kommt eine demografische Entwicklung innerhalb der Ärzteschaft: Rund die Hälfte aller Hausärzte ist heute über 50 Jahre alt. Gleichzeitig wird die Medizin zunehmend weiblicher – und Kolleginnen möchten verständlicherweise nicht unbedingt abends oder nachts allein in potenziell unsicheren Stadtteilen unterwegs sein. Viele arbeiten zudem in Teilzeit, manche lediglich mit dem Umfang einer Viertelstelle.
All diese Faktoren führten zu spürbaren Verwerfungen, sodass man sich in Niedersachsen zu einem grundlegenden Reformschritt entschlossen hat. Seit Ende Mai 2025 ist es dort so, dass kein Hausarzt mehr verpflichtend Bereitschaftsdienst leisten muss. Diese Aufgabe wurde in andere Hände gelegt. Zum Einsatz kommen nun unter anderem Anbieter wie die Teleklinik – im Kern ein medizinisch organisiertes Callcenter.
Der Patient ruft dort an und wird mit einem diensthabenden Arzt verbunden, der vor PC oder Laptop sitzt und Zeit für das Gespräch hat. Das setzt allerdings voraus, dass der Patient technisch versiert ist. Andere greifen auf Unterstützung durch Kinder oder Enkel zurück, um ihre Beschwerden überhaupt schildern zu können.
Die Bereitschaftspraxen bleiben zunächst erhalten. Wer jedoch außerhalb der Öffnungszeiten Hilfe benötigt, muss die 116 117 anrufen und wird dort mit einem Arzt der Teleklinik verbunden. Diese können E-Rezepte ausstellen oder eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung digital „auf die Versichertenkarte“ übermitteln. Besteht weiterer Handlungsbedarf, wird der Fall weitergeleitet.
Dafür gibt es in Niedersachsen 15 Bereitschaftsstandorte – für rund acht Millionen Einwohner. Von diesen Standorten aus fährt im Bedarfsfall ein Arzt im Fahrdienst zum Patienten nach Hause, etwa zur Ersteinschätzung einer möglichen Krankenhauseinweisung oder für Leistungen wie Katheterwechsel oder Wundversorgung. Ergänzend können auch Gesundheitsfachkräfte (GFK) für Erstabschätzungen oder Behandlungen entsandt werden. Diese sind sehr bemüht und werden sehr gut von den Patienten angenommen.
Soweit zu den positiven Aspekten der Reform. Blickt man hinter die Kulissen, zeigen sich jedoch auch kritische Punkte. Die Teleklinik ist ein wirtschaftlich arbeitender Anbieter und möchte – nachvollziehbar – Geld verdienen. Ärztinnen und Ärzte, die dort tätig sind, rechnen ihre Fälle ab und zahlen im Gegenzug einen Anteil an die Plattform.
Diese Notfallleistungen sind allerdings budgetiert. Das hat zur Folge, dass ein Patient bei einem erneuten Anruf sehr wahrscheinlich nicht noch einmal denselben Arzt erreicht. Ein einzelner Fall lässt sich nicht mehrfach in vollem Umfang abrechnen. Es liegt daher nahe zu vermuten, dass organisatorisch – möglicherweise algorithmisch – dafür gesorgt wird, dass bei jedem Kontakt ein anderer Arzt zuständig ist, um einen neuen abrechenbaren Fall zu generieren. Die Konsequenz: Das System droht insgesamt teurer zu werden.
Diese Entwicklung ist bereits spürbar. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte haben sich verpflichtet, die medizinische Versorgung rund um die Uhr sicherzustellen. Dafür zahlen sie eine sogenannte Notdienstpauschale an die Kassenärztliche Vereinigung. In Niedersachsen lag diese bislang bei 0,6 Prozent der Gesamtvergütung, inzwischen wurde sie auf 0,9 Prozent angehoben. Für eine gut laufende Praxis bedeutet das schnell mehrere tausend Euro pro Jahr – Kosten, die letztlich auch von den Krankenkassen und damit von der Solidargemeinschaft getragen werden.
Ein weiterer Kritikpunkt wird sich vermutlich erst mit den Zahlen aus dem Klinikbereich eindeutig belegen lassen. Wer bei der 116 117 anruft, hängt häufig längere Zeit in der Warteschleife. Viele Menschen wählen deshalb lieber direkt die 112 oder fahren gleich in die Notaufnahme. In meinem eigenen Arbeitsumfeld sehe ich bereits jetzt, dass die Inanspruchnahme von Feuerwehr und Rettungsdienst deutlich zugenommen hat.
Man sagt, dass Geld der Versorgung folgt: Wenn sich also mehr Patienten in die Notaufnahmen begeben, werden die Krankenkassen dies mit Argusaugen beobachten – und möglicherweise in der Folge weniger Mittel für die ambulante Versorgung bereitstellen. Ob man sich dieser Dynamik auf Seiten der Kassenärztlichen Vereinigung in vollem Umfang bewusst ist, bleibt abzuwarten.
Früher rief man beim vertrauten Hausarzt an und fragte, ob der Doktor vielleicht einmal vorbeikommen könne. Heute landet man über die 116 117 in einem anonymen Callcenter, in dem man nicht immer die richtigen Worte findet – wobei dies eher eine beobachtende Randbemerkung ist. Im akuten Notfall kommen dann die Johanniter, die ihrerseits ebenfalls Ärzte beschäftigen.
Gesamtgesellschaftlich stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Wollen wir ein solches, eher anonymes Callcenter-System? Diese Debatte muss breit geführt werden – von Ärzten und Patienten, letztlich aber auch gesamtpolitisch.
Ich selbst bin in dieser Frage ergebnisoffen. Rückblickend waren viele Inanspruchnahmen des Bereitschaftsdienstes früher durchaus subjektiv überzogen. Nun gilt es zu prüfen, ob dieses neue System tatsächlich eine Verbesserung darstellt und ob wir als Gesellschaft bereit sind, insgesamt mehr Geld dafür auszugeben. Diese Diskussion sollte geführt werden, wenn belastbare Zahlen vorliegen.
Es ist völlig legitim, Ärztinnen und Ärzte besser zu bezahlen und im Bereitschaftsdienst vor allem erfahrene Kräfte aus der Primärversorgung einzusetzen. Die entscheidende Frage bleibt jedoch: Kommt das am Ende bei den Patienten an? Nach einem Jahr – das Projekt startete im Mai 2025 in Niedersachsen – wird man Bilanz ziehen müssen: Wie läuft es, sind die Patienten zufrieden, rechnet sich das System?
Bislang formiert sich kein nennenswerter Widerstand gegen die betriebswirtschaftliche Komponente der Reform. Die Kassenärztliche Vereinigung meldet derzeit positive Wasserstände. Dennoch darf man fragen, ob das zusätzliche Geld nicht bei den Ärzten selbst besser aufgehoben wäre. Es gibt sicherlich viele Kolleginnen und Kollegen, die bereit wären, auch nach 18 Uhr Notdienst zu leisten – vorausgesetzt, dieser würde entsprechend honoriert.