Pingpong im Keller, Praxen in Not

Während 10.000 Praxen in Westfalen-Lippe um ihre Existenz kämpfen, diskutiert die Republik über Lauterbachs Tischtennisplatte. Dr. Steffen Grüner über eine Öffentlichkeit, die die falschen Schlagzeilen feiert.

Spiel beendet! Ist das die neue Realität?

Während Patienten monatelang auf Facharzttermine warten, Krankenhäuser um ihre Existenz kämpfen und die Beiträge zur Krankenversicherung immer neue Rekorde erreichen, beschäftigt sich die Republik ernsthaft mit der Frage, ob Karl Lauterbach noch im Keller des Gesundheitsministeriums Tischtennis spielen darf.  

Der Druck wächst – aber es wird über Pingpong diskutiert

Das ist fast symbolisch für seine Amtszeit: Über die Zukunft des Gesundheitswesens wurde weniger gesprochen als heute über eine Tischtennisplatte. Die Wartelisten wurden länger, die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung geriet immer stärker unter Druck, Arztpraxen und Kliniken kämpfen mit Bürokratie und Personalmangel – aber die Schlagzeile lautet: „Lauterbach darf nicht mehr Pingpong spielen.“

Vielleicht ist das die eigentliche Bilanz: Das Gesundheitssystem steht vielerorts im Dauerstress, doch der mediale Aufschlag gilt dem Keller des Ministeriums. Man könnte meinen, die größte gesundheitspolitische Niederlage bestünde darin, dass der Ex-Minister nun einen neuen Trainingsraum suchen muss.

Immerhin passt das Bild: Während Millionen Versicherte von einer Baustelle zur nächsten geschickt werden, endet auch Lauterbachs Amtszeit mit einem Satz, der sinnbildlich wirkt: Spiel beendet.

Mangel und Sparzwang quer durch die Versorgung

Und die Ironie geht weiter: Ausgerechnet jetzt werden auch noch die Honorare für Psychotherapeuten gekürzt, während Hausärzte seit Jahren ebenfalls mit Budgetierung, steigenden Kosten und realen Einkommensverlusten leben müssen. Statt endlich die strukturellen Finanzierungsprobleme des Gesundheitswesens anzugehen, verteilt die Politik Mangel und Sparzwang quer durch die Versorgung. Gespielt wird also weiter – nur nicht mehr an der Tischtennisplatte, sondern mit der Existenz von Praxen und der Geduld der Patienten.

Die Folgen treffen Patienten wie Ärzte

Und als wäre das nicht genug, geraten nun auch die ambulanten Praxen immer stärker unter finanziellen Druck. In Westfalen-Lippe – stellvertretend für viele Regionen Deutschlands – leiden rund 10.000 Arztpraxen unter explodierenden Personal- und Betriebskosten, während Honorarkürzungen und Sparpakete der gesetzlichen Krankenversicherung ihre wirtschaftliche Existenz gefährden. Die Folgen treffen am Ende nicht die Politik, sondern die Patienten: Personal wird abgebaut, Wartezeiten werden länger und Termine knapper. Gleichzeitig sinkt die tatsächliche Versorgungskapazität, weil viele Ärztinnen und Ärzte heute in Teilzeit arbeiten. Statt die Ursachen der Krise anzugehen, spart die Politik ausgerechnet dort, wo die medizinische Versorgung täglich erbracht wird.

Und dennoch: Über eine Tischtennisplatte wird offenbar leidenschaftlicher diskutiert als über den schleichenden Abbau unseres Gesundheitssystems.

Welches Thema aus Ihrem Praxisalltag würden Sie sich anstelle der Pingpong-Debatte auf der politischen Agenda wünschen?