Psychotherapie vor dem Aus: „Ungebildete Ökonomen entscheiden über unsere mentale Gesundheit“

Mit der neuen Reform entscheidet bald der Geldbeutel, wer überhaupt behandelt wird – während schon jetzt die Psychotherapieplätze fehlen. Für Dr. Pirmorady grenzt das an Sabotage an unseren Grundwerten.

Psychotherapie-Sätze gesenkt – ich verstehe diesen Move Null!

Basierend auf den Arbeiten von Frau Annemarie Dürssen entschied der Bundesausschuss 2009 die noch wirkenden Psychotherapierichtlinien. Es wurde evidenzbasiert gezeigt, dass psychotherapeutische Versorgung Kosten spart. So können Krankenhausaufenthalte reduziert, Krankschreibungen und Frühberentungen verhindert werden. Und all das wird nun unwichtig?

Diese Reform ist Sabotage an der Demokratie

Es ist paradox, der arbeitenden Bevölkerung ständig das Gefühl zu geben, nicht ausreichend zu leisten und zugleich diese Säulen der Stabilität mit Füßen zu treten – einfach, weil es ungebildete Ökonomen so entscheiden. Ich bitte um Entschuldigung für meine sehr emotionalen Worte, doch ich mache mir große Sorgen! Ich selbst bin als Charité-Mitarbeiterin finanziell nicht unmittelbar betroffen. Doch dieses Thema betrifft unsere ganze Gesellschaft, ja sogar ihre demokratischen Grundwerte! Psychotherapie stärkt, schafft Selbstverständnis und Selbstwert! Themen, die wir unbedingt ernst nehmen sollten, wenn wir eine mündige Gesellschaft bleiben möchten. Ich scheue mich daher nicht, diese Gesundheitsreform als eine Form der Sabotage an der Demokratie zu verstehen.

Deutliche Nachteile für Kassenpatienten

Ein wesentlicher Aspekt ist, dass Kassenpatienten dadurch den klaren Nachteil haben, einen Therapieplatz zu bekommen, während Selbstzahler behandelt werden dürfen, weil man diese nicht budgetieren kann. Bisher waren Privatpatienten oder Selbstzahler in der Psychotherapie nicht großartig bevorzugt gegenüber Kassenpatienten. In der Klinik ist die Abrechnung teilweise sogar eher umständlicher.

Und die Haltung „Ich bezahle hier eine Stunde und hinterher soll es mir bitteschön besser gehen“ – musste jeweils in mühsamer Kleinarbeit verstanden und aufgelöst werden. So funktioniert Psychotherapie ja nicht.

Ich möchte bewusst etwas zurückgeben

Ich habe in Deutschland Medizin studiert und ich habe mich ganz bewusst entschieden, Teil eines sozialen Systems zu sein, in dem ich etwas zurückgeben kann. Es ist wichtig und selbstverständlich, Kassenpatienten zu behandeln, hierfür sollte es Anreize geben. Diese ganze „bezahlbare Medizin“ irritiert mich zutiefst. Gesundheit, Schönheit oder mentale Gesundheit sind keine Produkte im Regal, die man sich einfach kaufen kann. Natürlich gibt es viele professionelle  Coaches und manche Heilpraktiker, die ihre Leistungen gegen Geld anbieten. Das ist ja in Ordnung. Aber Psychotherapie basiert auf einem klaren Rahmen und verwendet evidenzbasierte Techniken. Psychosomatik ist Teil eines ganzheitlichen medizinischen Behandlungskonzeptes, das einer gewissen Verantwortung bedarf. Das scheint leider in den Reihen der Politiker nicht bekannt zu sein. 

Ich verstehe nicht, warum man jetzt einen Schritt zurück geht, obwohl Politiker zugleich sagen, das Volk arbeite nicht genug. Wir wissen schließlich: Die Hauptgründe für gesundheitliche Schwierigkeiten in der Arbeit sind psychischer und psychosomatischer Natur. Das geben die Zahlen eindeutig her. Und dann Menschen das zu nehmen, was hilfreich sein kann, ist tatsächlich eine Art Sabotage.

Die Menschen sind ja bereits unterversorgt

Die Bevölkerung ist ja bereits unterversorgt mit psychotherapeutischen Leistungen. Es gibt schon jetzt riesige Schwierigkeiten, psychiatrisch kranke Menschen therapeutisch zu versorgen. Die sektorengebundene psychiatrische Versorgung soll dies eigentlich erleichtern. Die Realität ist jedoch häufig: Überforderung und mangelnde Kapazität. Dass Menschen überhaupt in diese dringliche Lage gekommen sind, hängt oft damit zusammen, dass ihnen schon zu lange nicht geholfen werden konnte. Dasselbe gilt für die vielen Kinder, die durch coronabedingte Einschränkungen geschädigt wurden, die Angststörungen entwickelt haben, die nicht mehr gut in Kontakt und in Beziehung gehen können, die nicht mehr in die Schule gehen können, die Neurodivergenzen haben. Da kommt eine Welle auf uns zu, die sich jetzt erst wenige klar machen – jedenfalls sicher nicht unsere politische Riege.

Es geht auch um die Gesellschaft als Ganzes

Es geht um mehr als Gesundheit – es betrifft tatsächlich die ganze Gesellschaft. Auf Dauer Stabilität zu erzeugen und zu erhalten – das funktioniert nur mit guter Gesundheitspolitik und mit guter Bildung. Wenn da zu sehr gespart wird, ist es wirklich Sabotage am sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Ich war lange begeistert von unserer Gesellschaft, wie gut sie funktioniert. Wir haben so ein schönes Land mit guten Werten, die man sich hier erarbeitet hat. Es passieren sehr viele gute Dinge. Und ich möchte nicht, dass das verloren geht, weil soziale Versorgung immer schwieriger wird, weil die Jugend nicht mehr gut gebildet wird, weil Verlässlichkeit und humane Werte in Deutschland nicht mehr aufrechterhalten werden können. Ich weiß, das ist ein großer Bogen, den ich da spanne – aber es hängt nun einmal alles miteinander zusammen. Ich bin sehr besorgt – und nicht nur um meine Kolleginnen und Kollegen.

Wie erleben Sie in Ihrer eigenen Praxis oder Klinik die Folgen der Unterversorgung mit Therapieplätzen – und was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit Psychotherapie nicht zur Frage des Geldbeutels wird?