Vorweg möchte ich von einer kleinen Alltagsepisode berichten, die viel über mich und sinnbildlich über Europa erzählt. Ich hatte unlängst eine französische Patientin, die aus Paris kam, um bei mir eine Zweitmeinung zu Ihrer Krebserkrankung einzuholen. Und sie brachte zur Verstärkung nicht nur ihren Ehemann mit, sondern auch ihren Nachbarn. Warum? Weil er Marokkaner ist. Er sollte notfalls dolmetschen, denn sie wussten nicht, ob ich gut genug französisch spreche. Mich hat die Situation zum Lächeln gebracht und mir das Herz erwärmt. So ist auch Europa.
Ich bin ja seit einigen Jahrzehnten international unterwegs und in dem Zusammenhang wurde ich angesprochen, ob ich mich nicht auch bei der größten Gesellschaft für gynäkologische Onkologie engagieren könnte. Ich habe bereits 2007 in Berlin das erste europäische Kompetenzzentrum für Eierstockkrebs gegründet. Schon damals interessierte mich nicht nur Berlin und Deutschland, sondern auch die Welt, wir sind doch alle Weltbürger.
Im Council der ESGO sitzen 16 Menschen, die Europa repräsentieren, gewählt aus den jeweiligen Regionen. Ich wurde vor sechs Jahren aufgestellt und gewählt für Westeuropa. Dieser Europarat wählt dann jeweils aus seinem Kreis die Präsidentin oder den Präsidenten, ähnlich wie im deutschen Parlament. Neben mir wurde auch ein spanischer Kandidat zur Wahl als Präsident vorgesehen. Der hat dann aber aus familiären Gründen seine Kandidatur zurückgezogen.
So bin ich nun der erste deutsche Präsident dieser wichtigen Fachgesellschaft. Ich bin ja irgendwie Brückenbauer – und dafür sehe ich in der Medizin ganz viel Bedarf. Die medizinische Versorgung ist in Europa sehr unterschiedlich und die europäischen Nachbarn arbeiten nicht gut genug zusammen. Es wird langsam besser – aber da muss noch mehr kommen, und ich sehe mich in der Verantwortung, Europa enger zusammenzubringen.
Warum ist das so wichtig? Jedes neue Medikament wird zentral europaweit zugelassen. Auch Studien werden zentral zugelassen und gemeinsam mit den besten europäischen Kliniken durchgeführt. Auch in der Versorgung ist die Vernetzung wichtig. Beispielsweise müssen die besten Zentren in Europa bei seltenen Tumoren zusammenarbeiten. Dadurch hat man viel mehr Daten und mehr Expertise. Nicht jedes Land hat für alles die beste Expertise. Wir brauchen auch Spezialisten aus London, aus Madrid und so weiter. Für die Themen Zentralisierung und Spitzenzentren gibt es einen Europaplan, und das seit Jahren. Vieles hiervon ist sehr gut durchdacht und auch für Deutschland von Vorteil. Und da geht es nicht nur um Politik, sondern um ganz konkrete medizinische Versorgung. Krebszentren und Zentralisierung – das sind europäische Themen. Wir stehen da auch im Wettbewerb mit Amerika und Asien. Da ist Deutschland allein nicht stark genug.
Deswegen sehe ich eine große Chance, hier Deutschland zu verändern mit der Kraft von Europa und auch umgekehrt wirkt Deutschland nach Europa hinein. Wir sind ja bei den Krebszentren Wegbereiter. Die Brustkrebszentren, die zertifizierten Krebszentren, die Vorsorgeprogramme – das ist schon auf hohem Niveau.
Wir sind in Deutschland das europäische Land mit den schnellsten Marktzulassungen. Wenn ein Medikament zentral in Brüssel zugelassen wird, braucht es durchschnittlich 60 Tage, bis es in Deutschland verfügbar ist. In Europa liegt der Durchschnitt bei der doppelten Zeit. Hier kann man von uns lernen. Und wir könnten von anderen lernen, über Krankenkassensysteme zu diskutieren. Nicht alle haben so viele und so komplizierte Systeme – Frankreich beispielsweise. Von den Skandiaviern können wir lernen, wie man besser mit Prävention und Registern umgeht. Sie haben auch die besten Datenkohorten verfügbar. Wenn wir etwa wissen wollen, welchen Einfluss die Impfung auf die Krebssterblichkeit hat, können wir das in Dänemark sehen. Die haben einen besseren Zugang zur Technologie und den Datenschutz effektiver formuliert. Auch beim Thema mentale Gesundheit sind sie uns voraus. Dafür können sie von uns etwas in Sachen Studien lernen. In jedem Bereich haben die Länder verschiedene Stärken und auch verschiedene Schwächen. Deswegen kann ich nur sagen: Nutzen wir das! Wir haben viel zu gewinnen. Deswegen freue ich mich, dass ich jetzt in einer Position bin, in der ich die Innovationen für Deutschland und die Nachbarländer besser nutzbar machen kann.
Meine erste Tat nach der Ernennung zum Präsidenten der ESGO wird ein Code of Conduct sein. Der Code legt fest, wie wissenschaftliche Publikationen auf einem Fachkongress zu präsentieren sind. Wir kennen den klassischen Weg, über wissenschaftliche Ergebnisse zu berichten – zum Beispiel zum Überleben nach Eierstockkrebs-Operationen und die dazugehörigen Komplikationen. Oder die Vorstellung einer randomisierten Studie, die zeigt, wie die Immuntherapie das Leben verlängert im Vergleich zur Behandlung ohne Immuntherapie.
Und ich stelle nun zum ersten Mal vor, dass in einem solchen Beitrag auch die Frage beantwortet gehört: Ist das Ergebnis ohne Limitationen in der klinischen Praxis umsetzbar? Und sind unterrepräsentierte Gruppen wie ältere Patientinnen oder solche mit schweren Nebenerkrankungen und verschiedenen Ethnien in der Studie berücksichtigt? Und wenn nicht: Was wäre der nächste Schritt, um die Ergebnisse der Studie sicher auf diese Menschen übertragen zu können? Das ist neu in der Geschichte der Medizin. Ich möchte erreichen, dass Studien sich näher an der klinischen Praxis orientieren und nicht nur fitte, junge Patientinnen einschließen. Auch die Frau mit Herzschwäche gehört in diese Studien hinein. Und das soll die Regel werden.
An diesem Code of Conduct arbeite ich seit zwei Jahren. Ich halte ihn für historisch. Es geht um die Brücke zwischen Studien und der Realität. Ich möchte, dass die Frau mit Krebs als ganzer Mensch gesehen wird – das heißt, dass man die Patient Journey durchdenkt: Von Prävention, über Früherkennung, über die Therapie, die Nachsorge bis hin zur Sterbebegleitung. Die Patientenperspektive ist zu beachten, Über- und Untertherapie zu vermeiden, das ist immer zu hinterfragen.
Manche fragen mich: wie willst du das schaffen – Direktor in der Charité, internationales Engagement, ESGO-Präsident? Ich habe mich vorbereitet. Ich versuche, meine Aktivitäten in meinem Team zu priorisieren: was muss ich, was soll ich, was kann ich machen? Was kann ich abgeben? Ich war Sprecher der Gesellschaft für Eierstockkrebs, das habe ich abgegeben. In meinem Team habe ich einen ESGO-Beauftragten, der die Kommunikation übernimmt. Ich baue eine Büroorganisation auf, um zu schauen, bei welcher Sitzung muss ich dabei sein und bei welcher nicht unbedingt. Ich plane auch sehr viel langfristiger. Und definiere die Zeitdiebe, um sie zu begrenzen. Ich brauche eine stringente Kommunikation. Das geht nur mit Struktur und Disziplin. Das ordnen wir gerade alles neu – eine Mammutaufgabe. Und erfreulicherweise kommt man mir da auch entgegen.
Das Geheimnis bleibt das Team, sage ich immer. Und: Führung heißt nicht, alles selbst zu machen. Führung heißt, gemeinsam Wirkung zu entfalten.
Wo erleben Sie in Ihrem klinischen Alltag die größten Diskrepanzen zwischen Studiendaten und Versorgungsrealität? Teilen Sie Ihre Erfahrungen in den Kommentaren.