Sexualmedizin: Ärztliche Expertise im Wettbewerb mit paramedizinischer Sexuologie

Trotz erfolgreicher ärztlicher Weiterbildung in Sexualmedizin fehlt die wirtschaftliche Anerkennung durch Abrechnungsziffern. Gleichzeitig boomt der nicht-ärztliche Markt der Sexuologie.

Sexualmedizin braucht Unterstützung, paramedizinische Sexuologie boomt

Die Arbeitsgemeinschaft Sexualmedizin wurde 2012 gegründet. Damals haben sich zwei, drei Kollegen zur Aufgabe gemacht, Weiterbildungsformate zur Sexualmedizin zu initiieren. Das gab es weder an der Universität, noch in der Facharztausbildung. Die AG wollte deshalb dafür sorgen, dass Frauenärzte sich über ein entsprechendes Format in der Sexualmedizin weiterbilden können.

Das hat unser Berufsverband der Frauenärzte damals angestoßen und organisiert. Man wollte damit den Frauenärzten eine Basiskompetenz in Sexualmedizin ermöglichen – die Frage war: Was können Frauenärzte hier relevantes lernen, was sie in ihrem Daily Business wirklich brauchen?

Es war mir peinlich, dass ich meiner Freundin gar keinen Rat geben konnte

Ich habe in meiner Facharztweiterbildung gleich den ersten Kurs, den es damals gab, belegt. Damals fragte mich nämlich meine beste Freundin: “Ich habe gar keine Lust mehr auf Sex – was kannst du mir als Frauenärztin dazu sagen?” Wir hatten vorher nie über Sexualität geredet. Ich habe sie wohl angeguckt wie ein Auto, denn mir war diese Thematik überhaupt nicht präsent. Es war mir peinlich, dass ich zunächst gar nichts dazu sagen konnte. Dann habe ich offen zugegeben, dass ich schlicht nichts Relevantes darüber weiß. Aber ich habe versprochen, mich um das Thema zu kümmern. 

Als Frauenärztin musste ich dazu etwas sagen können – das wurde mir schlagartig klar. Ich habe mir also das etwa 1000 Seiten dicke Standardwerk Sexualmedizin bestellt und das Kapitel Libidostörung aufgeschlagen – und war nach dem Lesen so schlau wie vorher. Und dann habe ich in unserer Fachzeitschrift zum ersten mal Werbung für die Basiskurse für Frauenärzte zur Sexualmedizin gefunden und habe das gleich gebucht – zwei Wochenendkurse, insgesamt 40 Stunden Theorie und Praxis.

Es ging auch um meine Ehre als Frauenärztin

Es ging zum Beispiel um den Start in die Sexualanamnese, die Frage, wie spreche ich mit meinen Patientinnen, dazu gab es Rollenspielübungen und auch viel Theorievermittlung. So begann mein Weg in die Sexualtherapie. Ich war in meiner Ehre als Frauenärztin gepackt worden und habe das ernst genommen. So ähnlich geht es vielen Kolleginnen. Vor allem in den Niederlassungen haben wir eine Beziehung zu unseren Patientinnen, man nennt uns Frauenärzte ja sogar die Hausärzte der Frauen. Oft sind wir die einzigen Ärzte, zu denen Frauen gehen. Und durch dieses Vertrauensverhältnis kommen auch schwierige Fragen und Probleme zur Sprache, die vielleicht mit Scham behaftet sind. Dazu gehört all das, was im Bereich Sexualität nicht funktioniert.

Unsere Basisweiterbildung – eine echte Erfolgsgeschichte

Die Arbeitsgemeinschaft Sexualmedizin ist eine Erfolgsgeschichte geworden. In den letzten 13 Jahren wurden tausende Frauenärztinnen in dieser Basiskompetenz ausgebildet. Das hat das sexualmedizinische Wissen in die Breite getragen – was mit Sicherheit sehr vielen Patientinnen zugutekommt. Wir bieten jährlich vier Wochenenden Basisausbildung an. Und die sind immer ausgebucht.

Viele Kolleginnen empfinden das als echte Bereicherung der eigenen Arbeit und schließen dann eine Vollausbildung in Sexualmedizin an. Das ist eine Zusatzbezeichnung, die über drei Jahre erworben werden kann – eine sehr anspruchsvolle Weiterbildung. Der Zusatztitel Sexualmedizin wurde 2020 von der Ärztekammer anerkannt. Die Prüfung erfolgt über die Landesärztekammer. Ich bin Prüferin für Baden-Württemberg. Die Kolleginnen können dann Spezialsprechstunden anbieten. Leider gibt es dafür bislang noch keine Abrechnungsziffer von den Kassen. Kolleginnen stecken also Zeit und Geld in eine Ausbildung, von der sie nicht wissen, ob sich das später amortisiert. Hier wird Altruismus letztendlich ausgenutzt. Ich finde das unglücklich, um nicht zu sagen skandalös. 

Langsam interessieren sich auch auch Psychotherapeuten

Wir Frauenärzte waren die ersten, die so ein Curriculum aufgezogen haben. Das machen weder die Urologen, noch die Hausärzte. Seit ein, zwei Jahren interessieren sich auch die Psychologen mehr für die Thematik Sexualmedizin. Man mag es kaum glauben, aber Patientinnen können tatsächlich über Jahre viele Stunden Psychotherapie haben, in denen Sexualität einfach ausgeklammert bleibt. Warum? Weil die Psychologen oft keine Ahnung haben. Dabei sind doch gelebte und ungelebte, gehemmte, traumatisierte Sexualität Lebensthemen für uns alle! Es ist kaum zu verstehen, dass so ein zentrales Thema oft dermaßen ausgeblendet wird.

Paramedizinische Weiterbildung in Sexuologie boomt 

Gleichzeitig boomt die Ausbildung zur Sexuologin. Das sind paramedizinische Weiterbildungen an Instituten, die keiner ärztlichen Kontrolle unterliegen. Da können auch Heilpraktiker oder Kulturwissenschaftler ohne medizinische Vorkenntnisse teilnehmen. Ich will das nur beschreiben, nicht bewerten. Aber für eine Ärztin wie mich mutet das zumindest etwas merkwürdig an. Und wir sehen: Das ist aktuell ein Riesenmarkt. Es gibt gigantisch viele Podcasts von Sexuologen. 

Sexualmedizin ist raus aus der Schmuddelecke

Doch ein fundiertes ärztliches Curriculum ist eben in der Medizin verortet – was ich auch als sinnvoll empfinde. Ein Arzt kann eben Dinge, die in der Sexualität nicht funktionieren, auch in einem medizinischen Kontext betrachten. Das kann sehr wichtig sein. Unser Wissen ist wichtig unter dem Aspekt der Onkologie, beim Thema Endometriose, bei Schwangerschaft und Stillzeit, bei Wechseljahresbeschwerden.

Vor 2012 hat niemand auf irgendeinem Medizinerkongress jemals über Sexualität gesprochen. Das gehörte noch in die Schmuddelecke. Das ist jetzt zum Glück anders. Jetzt werden wir zu Kongressen immer öfter eingeladen, sind immer gut platziert in den großen Gynäkologenkongressen, haben tolle Redezeiten, wodurch wir unser Wissen mit vielen Kollegen teilen können. Wir wurden ursprünglich belächelt, jetzt sind wir wichtig. Und das ist auch ein Erfolg der AG Sexualmedizin, weil die Frauenärzte erkannt haben, dass das ein gefragtes Thema geworden ist. 

Wir sind sechs AG-Mitglieder und immer gut damit beschäftigt, neben unseren eigenen Praxen all diese Veranstaltungen zu bedienen. Ich beispielsweise halte zwei- bis dreimal im Monat Vorträge. Das wird nicht großartig honoriert. Aber ich mache das sehr gern. Dennoch würde ich hier sehr gern mehr Kolleginnen motivieren, bei uns mitzumachen, sich zu engagieren – für unser Fach, für unsere Patientinnen.