Sorgt telefonische AU für höheren Krankenstand? Hausärztin sagt: Ganz bestimmt nicht!

Die Berliner Hausärztin Dr. Petra Sandow kritisiert in ihrer esanum-Kolumne praxisuntaugliche Ideen zur Problembewältigung im Gesundheitswesen.

Telefonischen Krankschreibung gleich mehr Krankheiten – keineswegs

Der Bundeskanzler scheint der Meinung zu sein, dass die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung zu mehr Krankheiten führt. Der hohe Krankenstand liege demnach daran, dass die Leute nur anrufen müssen, um sich krank melden zu können. Das ist originell. Logisch wäre dann, dass künftig alle Patienten wieder in die Praxen kommen müssen, um es ihnen nicht zu bequem zu machen. Andere Ursachen werden anscheinend nicht in Betracht gezogen.

Der Gedanke, dass alle krank machen, weil es so schön einfach ist, ist einfach unglaublich – und wirkt wie eine Beschimpfung der Bevölkerung. 

Was sind die wirklichen Ursachen für hohe Krankenstände?

Vielleicht denkt man besser mal darüber nach, warum der Krankenstand in unserem Land so hoch ist! Ob vielleicht die Unzufriedenheit relativ groß ist, ob das Stresslevel zu hoch ist, ob Mobbing zunimmt etc. Es wird immer ein paar faule Schummler geben, aber erstens kann ich die nicht in der Praxis entlarven und zweitens macht das nicht Millionen Fälle aus.

Na klar, erlebe ich es, dass nach einem Bundesliga-Spiel der Hertha im Berliner Olympiastadion am Montagmorgen einige junge Menschen häufiger krank sind als sonst. Sie haben vielleicht zu wenig geschlafen und zu viel getrunken – aber die muss ich auch nicht unbedingt zur Arbeit schicken. Das wird doch nichts. Dennoch ist es ein großes Gerücht, das alles habe mit der Möglichkeit der telefonischen AU zu tun.

Durch persönliches Erscheinen werden die Leute nicht gesünder

Doch für uns Hausärzte wäre es ein Albtraum, wenn diese Möglichkeit wieder abgeschafft würde. Denn es ist natürlich eine riesige Arbeitserleichterung, dass nicht alle in die Praxis kommen müssen, die husten und schniefen. Denn wenn jemand vor mir sitzt und sagt, es gehe ihm nicht gut, er habe Kopfschmerzen oder Durchfall, dann kann ich das Gegenteil nicht beweisen. Das heißt, ich schreibe ihn ohnehin krank. Ich muss ihm ja glauben, dass er diese und jene Beschwerden hat. Und dann muss ich ihn auch krankschreiben. Das heißt: Warum muss er dann zu mir kommen? Dadurch sind die Leute ja nicht gesünder. Ganz im Gegenteil. Sie holen sich im Wartezimmer noch alles Mögliche zusätzlich, was sie bisher nicht hatten. Salopp gesagt: Sie schleppen uns alles ein und sie nehmen auch Infekte mit nach Hause.

Wichtig ist gut geschultes Personal am Telefon

Also natürlich ist die telefonische AU weiterhin sehr sinnvoll – bei Patienten, die mir persönlich bekannt sind, die zu meinem Patientenstamm gehören. Und ich bin auch dafür, dass das jeweils nur für maximal eine Woche gelten soll. Danach muss dann schon mal geguckt werden. Natürlich ist unser Personal am Telefon gut geschult und stellt die richtigen Fragen, um zu erkennen, ob eventuell etwas vorliegt, worum man sich genauer kümmern sollte, wo ein Arzt doch besser einmal drauf guckt. Dennoch sind die meisten Telefonate eine Sache von drei Minuten, in der Praxis kommt man da locker auf zehn Minuten. Das ist viel mehr Arbeit – und auch eine andere Arbeit.

Insgesamt heißt es: Wir werden wieder mehr Arbeit bekommen

Ich habe auch persönlich nicht den Eindruck, dass die Krankmeldungen durch die telefonische AU steigen. Ich kann ja in meinem Berufsleben beide Regelungen vergleichen. Das Ganze nun zu unseren Lasten zu ändern, scheint überhaupt nicht durchdacht zu sein. Wenn die Möglichkeit der telefonischen AU entfällt und dazu noch das so genannte Primärarztsystem eingeführt wird, werden wir sehr viel mehr Arbeit bekommen. Wer plötzlich nicht gut gucken kann, geht dann nicht direkt zum Augenarzt und der Mann mit neuen Beschwerden beim Wasserlassen nicht zum Urologen. Sie müssen das erst dem Hausarzt vortragen und sich eine Überweisung abholen. Das blockiert Ressourcen, Personal und füllt das Wartezimmer – und das Ganze oftmals für fast kein Honorar. Natürlich können wir einiges filtern. Patienten mit Luftnot würden vielleicht von allein zum Lungenarzt gehen, während wir oft eine Herzerkrankung dahinter erkennen. Also ein bisschen vorsortieren, das ist schon sinnvoll – wobei solche Patienten ohnehin immer erstmal bei uns landen, denn so schnell bekommen sie beim Facharzt gar keinen Termin. Andererseits wird ein Patient, der unbedingt zum HNO oder zum Dermatologen will, sich nicht durch mich davon abhalten lassen. Der sucht sich dann jemand anderes, der ihm eine Überweisung schreibt.

Dennoch warten wir nun auf die angekündigten Neuerungen, die wahrscheinlich niemandem etwas bringen werden. 

Telefonkontakt kann Gefahren herausfiltern

Die Gesundheitsministerin hat ja schon gesagt, dass es vielleicht besser sei, wenn es in den ersten Tagen gar keine ärztliche Krankschreibungen mehr gibt – sodass sich die Menschen einfach selbst beim Arbeitgeber krankmelden können. Das würde uns natürlich entlasten, aber ob das am Krankenstand etwas ändert, wie es sich der Bundeskanzler wünscht? Das glaube ich eher nicht. Und ich gebe zu bedenken, dass sich auch hinter Husten und Schnupfen eine Lungenentzündung verstecken könnte. Der Telefonkontakt mit einer kompetenten Mitarbeiterin in der Arztpraxis scheint mir dann doch sinnvoll, um bestimmte Gefahren auszuschließen und Gefahren herauszufiltern. Es gibt eben auch Menschen, die legen sich mit Schlaganfall-Symptomen aufs Sofa und warten erstmal ab, wenn sie gar keinen Arztkontakt mehr brauchen, um sich krank melden zu können. Wie gefährlich das sein kann, brauche ich hier niemandem zu erklären.

Mit anderen Worten: Gar keine Krankschreibung ist auch keine Lösung! Das ist genauso dysfunktional wie die Idee, dass gut eingestellte chronisch Kranke, beispielsweise Menschen mit Diabetes oder Blutdruckpatienten sich künftig einfach per App ihre Medikamente bestellen können, ohne regelmäßig den Arzt zu sehen. Wenn ich das höre, denke ich, hier stimmt was absolut gar nicht!